Titelstory

729 Chancen
geschaffen

Ein Jahr nach dem Aufruf, Stellen für Geflüchtete einzurichten, zog VDV-Präsident Jürgen Fenske Bilanz.


Die Verkehrsunternehmen bewegen nicht nur Menschen und Güter, sondern übernehmen auch soziale Verantwortung. Deshalb hatte VDV-Präsident Jürgen Fenske die Mitgliedsunternehmen dazu aufgerufen, bei der beruflichen und gesellschaftlichen Integration von Geflüchteten zu helfen. Auf der VDV-Jahrestagung in Hannover zog er Bilanz. Bis Ende Mai 2017 waren 729 Stellen geschaffen worden: feste Arbeitsplätze, berufsvorbereitende Kurse, Praktika und Hospitationen. In jedem Einzelfall konnten die Verkehrsunternehmen damit eine große Unterstützung bieten und Starthilfe geben. Zwar wurde das ursprüngliche Ziel von 1.000 Stellen nicht erreicht. Der VDV-Präsident zeigte sich jedoch zufrieden: „Wir haben es nicht ganz geschafft, dennoch ist es ein gutes Ergebnis – auch, wenn man andere Branchen betrachtet.“ Jürgen Fenske dankte allen Unternehmen und Mitarbeitern „für diesen großartigen Einsatz“. Gleichzeitig forderte er sie auf, in ihrem Engagement nicht nachzulassen. „Unsere Gesellschaft und damit wir alle brauchen dieses Engagement.“

Bundesweit wurden im Laufe des vergangenen Jahres zahlreiche Projekte ins Leben gerufen, um junge Geflüchtete an die Arbeitswelt in Deutschland heranzuführen und sie bei ihrem Start in einen neuen Lebensabschnitt zu unterstützen. Stellvertretend für die ungezählten engagierten Mitarbeiter in den Verkehrsunternehmen ehrte VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff auf der VDV-Jahrestagung eine Reihe von Mitarbeitern verschiedener Unternehmen als ­„Talente im ÖPNV“ und sprach ihnen seine besondere Anerkennung aus. „VDV Das Magazin“ stellt diese Menschen und ihre Projekte auf den folgenden Seiten kurz vor.

VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff (r.) und VDV-Präsident Jürgen Fenske (4.v.l.) ehrten Nils Wolter-von Deylen (Verdener Verkehrsgesellschaft), Werner Kircher (KVB), Stefan Glatzer (Hamburger Hochbahn), Klaus Schmitz (Stadtbad- und Verkehrsgesellschaft Dormagen), Alina Herrmann (Hamburger Hochbahn), Michael Hallmann (S-Bahn Berlin), Silke Klein-Jente (DB Training), Rolf Helms (BSAG), Sylvia Pyzik (City-Bus Mainz) und Manfred Reinke (BVG) (v.l.n.r.).

City-Bus Mainz will 13 Busfahrer einstellen

Bei der City-Bus Mainz GmbH, einem Tochterunternehmen der Mainzer Verkehrsgesellschaft, betreut Sylvia Pyzik neben ihrer Arbeit in der Personalabteilung das Projekt „Charta der Vielfalt“. Ziel ist es, Werte, Maßnahmen und Richtlinien zur Förderung von Vielfalt im Unternehmen umzusetzen. Aktuell widmet sie sich verstärkt der Aufgabe, Neubürger in den Beruf zu bringen. Bis Ende dieses Jahres sollen 13 Geflüchtete bei der City-Bus Mainz eine Festanstellung als Busfahrer bekommen. Dabei akquiriert Sylvia Pyzik die Teilnehmer, plant und organisiert Sprachkurse, hilft über bürokratische Hürden hinweg und betreut die Menschen in der betrieblichen Fahrschule. In diesem Jahr startet dank ihres Engagements ein neues Vorhaben. Sylvia Pyzik: „Wir wollen damit eine berufliche Perspektive für weitere 16 Geflüchtete schaffen.“

Drei Auszubildende sind bei der Bremer Straßenbahn AG gestartet

Mit einem jugendlichen Syrer begann im August 2015 für die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) das Engagement für Geflüchtete. Der inzwischen 17-Jährige hat eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker gestartet. Zudem haben zwei weitere Geflüchtete eine Ausbildung zur Fachkraft im Fahrdienst bei der BSAG begonnen. Dort durchliefen insgesamt 37 Geflüchtete ein mehrwöchiges Praktikum. Wer darin überzeugte, startete eine elfmonatige Einstiegsqualifikation, die im Kern den Inhalten des ersten Lehrjahres entspricht. Danach entscheidet sich, wer einen Ausbildungsplatz erhält. Ausbildungsleiter Rolf Helms bekommt aus den Fachbereichen des Unternehmens ein positives Feedback: „Der Schritt hat sich gelohnt – für uns als Menschen und für das Unternehmen.“

Fahrdienstchef Manfred Reinke war zur Stelle, als es auf ihn ankam

Im August 2015 musste es in Berlin, wie in vielen anderen Städten, schnell gehen. Für die Menschen, die auf ihrer Flucht in Deutschland Schutz gefunden hatten, mussten Unterkünfte und Transportmöglichkeiten dorthin gefunden werden. Manfred Reinke, Fahrdienstchef auf einem BVG-Betriebshof, fackelte nicht lange. Er nahm sich einen freien Bus, fuhr zur Erstaufnahmestelle und brachte die Menschen bis spät in den Abend an ihre Ziele – teilweise über für ihn bis dahin unbekannte und enge Strecken und trotz Schwierigkeiten bei der Verständigung mit seinen Fahrgästen. In den Tagen danach koordinierte er den gesamten Einsatz der Busse, die die in Berlin aufgenommenen Flüchtlinge fuhren. Er war tagsüber und abends in Bereitschaft – und zur Stelle, wenn es auf ihn ankam. Auch in seiner Freizeit. Manfred Reinke: „Es war mir eine Herzensangelegenheit – für die BVG, Berlin und die Flüchtlinge.“

Deutsche Bahn baut ihre Qualifizierungsplätze aus

In der Hauptstadt ermöglichen die S-Bahn Berlin und DB Services bereits im zweiten Jahr eine Berufsvorbereitung für Flüchtlinge. Unterstützt werden sie dabei von DB Training und dem Verein „Zukunft Plus“. Federführend betreuen Silke Klein-Jente von DB Training, ­Learn­ing & Consulting und Michael Hallmann von der S-Bahn Berlin das Projekt. Insgesamt bietet die Deutsche Bahn seit dem vergangenen Jahr 120 Plätze zur Qualifizierung von Geflüchteten an. Für 2017/2018 sind derzeit 150 weitere Plätze in Vorbereitung. Ziel ist es, Flüchtlinge dahingehend zu befähigen, dass sie die etablierten und zertifizierten Qualifizierungswege der Deutschen Bahn erfolgreich beschreiten.

Mit der KVB-Stadtbahn Winterkleidung eingesammelt

Mehrere Monate im Dauereinsatz war Werner Kircher von den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB). Ab September 2015 arbeitete er als Leiter der örtlichen Hilfsorganisationen am Flughafen Köln/Bonn, wo mehr als 30.000 Flüchtlinge ihre Erstversorgung erhielten. Von dort ging es für die Schutzsuchenden weiter in die nordrhein-westfälischen Erstaufnahmeeinrichtungen. Die KVB managte den gesamten Bustransfer und stimmte ihn ab. Im November 2015 engagierte sich Werner Kircher für den „Kölner Spenden Express“ – einen Sonderzug der KVB, mit dem an zentralen Punkten der Domstadt Winterkleidung für Flüchtlinge gesammelt wurde. Unter der Koordination von Werner Kircher und dem Studenten Sven Neu, der die Idee zu der Aktion hatte und tatkräftig mitorganisierte, wurden die Spenden vom Arbeiter-Samariter-Bund in Lkw umgeladen und anschließend zu ihren Empfängern am Flughafen gebracht.

Zehn Stellen in Dormagen geschaffen

Als vergleichsweise kleines Unternehmen leistet die Stadtbad- und Verkehrsgesellschaft Dormagen bei der Integration Großes: Zehn Stellen für Geflüchtete wurden geschaffen. Im ÖPNV helfen vier von ihnen mobilitätseingeschränkten Fahrgästen beim Ein- und Aussteigen. Zudem bieten sie ausländischen Kunden Unterstützung an – etwa durch Übersetzungen. Außerdem empfangen Geflüchtete andere Geflüchtete in den städtischen Bädern, erledigen Hausmeisteraufgaben, gestalten Gehege und pflegen Grünanlagen, Wege und das öffentliche Erscheinungsbild der Stadt. Klaus Schmitz, Geschäftsführer der Stadtbad- und Verkehrsgesellschaft Dormagen, nahm die Ehrung stellvertretend für das Engagement seiner Mitarbeiter entgegen.

Hamburger Hochbahn initiierte Patenschaftsmodell

Bei der Hamburger Hochbahn AG betreuen Alina Herrmann und Stefan Glatzer Projekte, die Geflüchteten dabei helfen, sich beruflich zu orientieren und Perspektiven zu erarbeiten.
In einem Kooperationsprojekt mit dem Hamburger Ausbildungszentrum, weiteren Hamburger Unternehmen und der Berufsschule wird eine Klasse mit 15 jungen Geflüchteten begleitet. Nach einer schulischen Phase wurde die erste betriebliche Praxisphase erfolgreich absolviert. Ziel ist es, die Geflüchteten dabei zu unterstützen, die Ausbildungsreife zu erlangen und bei entsprechender Eignung eine duale Ausbildung zu beginnen.
In einem weiteren Projekt werden 16 Flüchtlinge in einer zwölfmonatigen Ausbildung zum Busfahrer qualifiziert. Parallel lernen sie in Intensivkursen Deutsch. Zur Unterstützung der Ausbildung und der Integration initiierte die Hochbahn ein Patenschaftsmodell. Allen Teilnehmern steht ein erfahrener Busfahrer zur Seite, der Fragen beantwortet sowie praktische Tipps und Orientierung gibt. Alle Paten meldeten sich nach einem internen Aufruf freiwillig.

Verdener Verkehrsgesellschaft bildet aus

Bei der Verdener Verkehrsgesellschaft beginnen im August zwei Migranten aus dem Irak und von der Elfenbeinküste ihre Ausbildungen zum Kfz-Mechatroniker und zum Berufskraftfahrer. Zuvor hatten die beiden ein Praktikum absolviert. „Für die Auszubildenden und die Ausbilder bedeutet das einen enormen täglichen Einsatz“, erläutert Nils Wolter-von Deylen, Leiter Kraftverkehr: „Vor allem, wenn es um Fachbegriffe und gesetzliche Bestimmungen geht, ist es mit der Sprache nicht so einfach.“ Im Team kümmern sich mehrere Mitarbeiter intensiv um die beiden neuen Kollegen. Nils Wolter-von Deylen freut sich über die Verstärkung: „Es ist für uns schwierig, Berufskraftfahrer zu finden.“

Landkreis, AVG und VBK helfen beim Berufsstart

Integration durch Ausbildung ermöglichen die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) und die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG). Zwölf junge Flüchtlinge aus acht Nationen absolvieren dort ein Praktikum. Das Pilotprojekt hatten die Verkehrsunternehmen mit dem Landkreis Karlsruhe und einer berufsbildenden Schule ins Leben gerufen. Im Betriebshof West am Karlsruher Rheinhafen durchlaufen die jungen Männer verschiedene Abteilungen in der Werkstatt (Foto). Parallel dazu besuchen sie die Berufsschule in Ettlingen. Ein Praktikant hat inzwischen einen Ausbildungsvertrag bei den VBK.

Berufswunsch geht in Erfüllung

Im November vergangenen Jahres hat „VDV Das Magazin“ über Fayez Yossef (Foto, r.) berichtet. Der junge Syrer absolvierte damals bei Mobiel ein Praktikum und durchlief verschiedene Stationen innerhalb des Bielefelder Verkehrsunternehmens. Sein Traum: nach dem Praktikum eine Ausbildung zu beginnen und eine der modernen Stadtbahnen vom Typ „Vamos“ zu fahren. Dieser Wunsch geht bald in Erfüllung. Am 1. September beginnt Fayez Yossef eine Ausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb. Mobiel beschäftigt derzeit zwei Flüchtlinge.