Hintergrund

Wo Duschen nicht alltäglich ist

Am Berliner Bahnhof Zoo treffen zwei Welten aufeinander. Luxus­hotels und hippe Läden einerseits, die Obdachlosenszene andererseits. Dieses Mit- oder besser Nebeneinander läuft nicht immer reibungslos, doch seit 2015 zumindest etwas besser. Damals eröffneten die Bahnhofsmission sowie DB Station & Service ein Hygienecenter für obdachlose Menschen – mit Duschen und Toiletten.

Die Sonne knallt auf den Asphalt; zwischen den Häusern an der Jebensstraße steht die Luft. Einige Reisende verschwinden in die schattigen Unterquerungen vom Bahnhof Zoo, in Richtung Gleise. Ein Stück weiter – auf den ersten Blick versteckt hinter Bauzäunen – sitzen und stehen mehrere Dutzend Männer und Frauen auf den Bürgersteigen. Die meisten von ihnen sind obdachlos. Einige stehen am Eingang der Bahnhofsmission Schlange: Eine Mitarbeiterin schenkt an diesem heißen Tag Wasser aus. Andere wiederum warten 50 Meter weiter darauf, dass Kai Schellenbeck sie zu sich ins Hygienecenter ruft. Seit gut einem Jahr verrichtet der 45-Jährige hier seinen Dienst als einer der hauptamtlichen Mitarbeiter. Er organisiert den reibungslosen Ablauf, verteilt Handtücher, Einwegrasierer, Duschgel, frische Unterhosen, Socken und T-Shirts. Wer nur auf die Toilette will, kann so durchgehen. „Siehst gut aus heute, Arthur“, begrüßt er einen Mann. Kai Schellenbeck kennt fast alle, die hierher kommen – und ihre Geschichten.

69.809

Gäste

haben allein im vergangenen Jahr das Hygienecenter am Berliner Bahnhof Zoo besucht.

Die Eröffnung des Centers feierten 2015 Gäste aus Politik und Verkehr – unter anderem Gundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (2.v.l), der damalige Bahnchef Rüdiger Grube (5.v.l.) sowie Ute Möbus und Dieter Puhl (M.).

An diesem Tag ist der Andrang besonders groß. Schließlich ist es heiß. Normalerweise kommen bis zu 85 Obdachlose zum Duschen, heute sind es nochmal mehr. „Bei 90, 95 ist dann aber Ende“, sagt Kai Schellenbeck. „Mehr schaffen wir nicht.“ Geöffnet hat das Hygienecenter von 10 bis 18 Uhr. Es gibt zwei Gemeinschaftsduschen – eine für bis zu vier Männer, eine für zwei Frauen. Kai Schellenbeck ruft die Wartenden in Gruppen auf, damit möglichst viele an die Reihe kommen. Eine halbe Stunde haben sie Zeit. Danach werden die Räume desinfiziert und gereinigt, bevor die nächsten dran sind. Für Menschen mit Behinderung gibt es einen separaten barrierefreien Dusch- und Toilettenraum. Zudem kommen jede Woche drei Friseurinnen ehrenamtlich vorbei und schneiden Obdachlosen kostenlos die Haare. Zwei Podologinnen bieten einmal monatlich medizinische Fußpflege an.

Das Hygienecenter sei aber mehr als eine rein medizinische oder hygienische Dienstleistung, findet Anna-Sofie Gerth, die Leiterin des Centers. „Es ist ein zutiefst menschliches Angebot. Es geht nicht nur darum, die Straße urinfrei zu machen. Wir wollen den Menschen einen Impuls geben: Du bist es wert, dich zu pflegen und dein Leben zu bestimmen.“ Für die meisten mag die Frage nach einem neuen Haarschnitt banal klingen. Doch für viele Obdachlose sei es etwas Besonderes, überhaupt eine Dienstleistung in Anspruch nehmen zu können – oder sich bewusst für beziehungsweise gegen etwas entscheiden zu können, so Gerth. Die Qual der Wahl – hier stellt sie einen kleinen Schub fürs Selbstwertgefühl dar.

Gemeinsame Hauruck-Aktion

Seit Dezember 2015 bietet die Bahnhofsmission unter Trägerschaft der Berliner Stadtmission diese Dienste im Hygienecenter an. Realisiert wurde dieses zuvor innerhalb von drei Monaten in einer regelrechten Hauruck-Aktion zusammen mit der Deutschen Bahn beziehungsweise ihrer Tochter DB Station & Service. Treibende Kraft war dort Ute Möbus, Vorstand für Finanzen und Controlling. Für sie sei das Projekt eine „Herzensangelegenheit“ gewesen, in das sie durch Zufall hineingerutscht sei, beschreibt sie. 2013 hatte sie nach einer Sammelaktion für Obdachlose am Hauptbahnhof Lebensmittel und Kleidungsstücke zur Bahnhofsmission an der Jebensstraße gebracht – und ist hängen geblieben. Sie habe dort aber auch gesehen, dass es keine ausreichenden Sanitäranlagen für die wohnungslosen Menschen gibt. Und erst recht keine behindertengerechten WCs. Bis 2011 stand zwar ein ­Toilettencontainer in der Nachbarschaft. Den hatte das Bezirks­amt jedoch aus Kostengründen entfernt. Den meisten Obdachlosen blieb nur der Gang auf die Straße.

Das Hygienecenter bietet nicht nur Gemeinschaftsduschen: Gäste mit Behinderung können den barrierefreien Waschraum nutzen.

Die Idee fürs Hygienecenter hatte der Leiter der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo, Dieter Puhl, deswegen schon länger. Es fehlte jedoch das Geld. 2015 sprang dann auf Betreiben von Ute Möbus DB Station & Service ein. Die Bahn-Tochter stellte ihre Personalräume neben der Bahnhofsmission zur Verfügung und übernahm die Umbaukosten in Höhe von 300.000 Euro. Zudem zahlt sie die monatlichen Strom- und Wasserkosten. Bislang ist das Berliner Hygienecenter das einzige seiner Art in Deutschland. Allerdings haben auch andere Städte bereits Interesse signalisiert – gerade erst war eine Delegation aus Hamburg da, um sich einen Eindruck vom Angebot zu verschaffen. „Wir waren vom Hygienecenter sehr beeindruckt“, sagt Michael Dominidiato, Leiter des Bahnhofsmanagements Hamburg bei DB Station & Service. Es soll nun gemeinsam mit der Hansestadt Hamburg geprüft werden, inwieweit der Ansatz im Rahmen einer Machbarkeitsstudie für die Umfeldentwicklung des Hauptbahnhofs integriert werden soll.

Wir müssen die Erweiterung im nächsten halben Jahr zum ‚Fliegen‘ bringen.

Ute Möbus,
Vorstand DB Station & Service

Erweiterung geplant

Das Angebot in Berlin indes soll, wenn es nach Ute Möbus und der Bahnhofsmission geht, bald sogar noch ausgebaut werden. Sie planen derzeit eine Erweiterung der Mission um ein Begegnungszentrum. 500 Quadratmeter an Räumlichkeiten würde DB Station & Service dafür abtreten. Das Zentrum soll dann unter anderem Räume für Workshops und Vorträge zum Thema Obdachlosigkeit umfassen, aber auch weitergehende Beratungen für Wohnungslose anbieten. „Wenn Sie einem obdachlosen Menschen mit psychischen Problemen im Hygienecenter empfehlen, den psychia­trischen Dienst der Charité aufzusuchen, wird er da von selbst nicht ankommen“, beschreibt Ute Möbus. Deswegen sei es so wichtig, dass die sozialen Hilfen zu den Menschen kommen – und nicht umgekehrt.
„Es geht aber auch darum, eine Art ‚Kontaktraum‘ zu schaffen“, ergänzt Anna-Sofie Gerth. „Obdachlosigkeit ist ein schwieriges Thema, da haben wir alle Vorurteile. Deswegen wollen wir einen Ort schaffen, in dem man diese Vorurteile ansprechen und bestenfalls auch verändern kann.“ Das Ziel: einerseits das Thema Obdachlosigkeit als „gesellschaftliche Aufgabe zu verankern“ und andererseits wohnungslose Menschen wieder zurück ins staatliche Hilfssystem und in die Gesellschaft zu holen.

Einen Ort der Begegnung hat die Bahnhofsmission zum Teil auch schon in ihrer jetzigen Form geschaffen. Immer wieder sind hier Schulklassen und Konfirmandengruppen zu Gast. Auch Firmen schicken regelmäßig Mitarbeiter vorbei, die sich erst über die Arbeit der Mission informieren und dann mit anpacken. Das neue Begegnungszentrum würde daran anknüpfen. „Es ist schon voll durchgeplant“, sagt Ute Möbus. Noch sind zwar Finanzierungsfragen offen, doch sie zeigt sich kämpferisch: „Wenn es uns nicht gelingt, das Thema im nächsten halben Jahr zum Fliegen zu bringen, dann fliegt es auch nicht mehr.“ Und die Chance wäre vertan.

Ehrenamtliche Friseurinnen wie Franziska (r.) bieten kostenlose Haarschnitte an.