Hintergrund

Bauüberwacher gesucht

Der Mangel an Bauingenieuren hat sich in den vergangenen Jahren weiter verschärft. Auf jeden Bewerber kommen rechnerisch mehr als zwei offene Stellen, so der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. Das Geld für Infrastrukturprojekte ist jetzt da, aber bei der Planung und Ausführung fehlen Kapazitäten. Ebenfalls besonders gesucht sind Bauüberwacher. Wie sich ein mittelständisches Ingenieurbüro im Wettbewerb um die Köpfe behauptet, hat „VDV Das Magazin“ beobachtet.


Die gute Laune des jungen Mannes scheint an diesem regnerischen Montagabend im November nicht recht zum Wetter zu passen. Es ist kurz vor 22 Uhr, das Thermometer zeigt vier Grad. Schichtbeginn für Emil Bielski. Er zieht seine orangefarbene Warnweste mit dem Aufdruck „GBL“ über. „Wir setzen heute NLS fort.“ Die Abkürzung steht für Neulagenschleifen. Es ist sein zweiter Einsatz am Bahnhof im niedersächsischen Hameln. In einer halben Stunde wird er den betroffenen Abschnitt für den Zugverkehr sperren, dann kann es losgehen. Emil Bielski ist Bauingenieur. Die Firma, für die er arbeitet, überwacht im Auftrag von DB Netz die Baustelle und achtet darauf, dass alle Beteiligten die Sicherheitsvorschriften einhalten und am Ende die geforderte Qualität abliefern. „Neulagen“ – das sind fünf Weichen und Gleisabschnitte, die vor einem Jahr im Bereich des Hamelner Bahnhofs umgebaut wurden. „Bei NLS geht es im Allgemeinen darum, kleine Schienenfehler zu beseitigen, die beim Umbau entstehen“, erläutert Emil Bielski. Das erhöht die Lebensdauer von Schienen und Radsätzen.

Auf großen und kleinen Baustellen im Einsatz

Beim Neulagenschleifen geht es im Allgemeinen darum, kleine Schienenfehler zu beseitigen, die beim Umbau entstehen.

Emil Bielski,
Bauingenieur und Bauüberwacher

Wenn er von seiner Arbeit berichtet, verrät nur sein leichter Akzent, dass Emil Bielski aus Polen stammt. Seit Anfang 2012 ist er beim GBL Ingenieurbüro angestellt, seine Ausbildung hat er 2014 abgeschlossen. GBL ist eine Gesellschaft, die bundesweit Bauüberwachungsaufgaben für Infrastrukturprojekte wahrnimmt. Für seine Auftraggeber – darunter DB Netz, DB Projektbau und öffentliche Verwaltungen – ist das Unternehmen mit Hauptsitz in Delmenhorst in ganz Deutschland auf den großen und kleinen Eisenbahnbaustellen tätig. Zu den Referenzen zählen die Brücken am Hamburger Hauptbahnhof, der City-Tunnel Leipzig, Stuttgart 21 und die Neu- und Ausbaustrecke Nürnberg – Ebensfeld ebenso wie der Ausbau der Strecke zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg. „Wir sind die Generalisten der Baustelle“, sagt GBL-Geschäftsführer Frank-Georg Keidel. Sein Ingenieurbüro gehört zu den bundesweit etwa 130 Unternehmen, die nach den Regeln der Deutschen Bahn besondere Sachkunde im Eisenbahnbetrieb nachweisen können und „präqualifiziert“ sind für die Bauüberwachung. Diese dürfen sie nur nach bestandener Eignungsprüfung übernehmen – gemäß allen Vorschriften des Eisenbahn-Bundesamtes sowie einschlägigen Richtlinien für die Bauoberleitung und die örtliche Überwachung sämtlicher Arbeiten. Angesichts der vielerorts sanierungsbedürftigen Verkehrsinfrastruktur und der mittlerweile etwas stärker sprudelnden Mittel für Sanierung und Instandhaltung dürfte diesen Unternehmen die Arbeit in den kommenden 15 bis 20 Jahren nicht so schnell ausgehen.

200

Bauüberwacher

zusätzlich benötigt die Branche jährlich, um die Aufgaben abzuarbeiten und Personal-abgänge zu kompensieren.

Auch Arbeiten am Oberbau eines Gleises, bei denen eine Stopfmaschine zum Einsatz kommt, werden von speziell ausgebildeten Bauingenieuren überwacht.

Eigentlich müsste Frank-Georg Keidel, der im Ehrenamt Präsident der Überwachungsgemeinschaft Gleisbau (ÜGG) ist, sorglos in die Zukunft schauen können. Eigentlich. Denn im gesamten Baugewerbe fehlen Ingenieure, und auch bei der Bauüberwachung macht sich der Mangel bemerkbar. Derzeit arbeiten etwa 1.400 von ihnen als Bauüberwacher in Ingenieurbüros, bei der Deutschen Bahn oder als Freie. Tendenz: stagnierend. Ursache sind altersbedingtes Ausscheiden und Fluktuation, während der Nachwuchs von den Hochschulen nicht in ausreichender Zahl nachrückt. Zwei Jahre Erfahrung benötigen die Jungingenieure. Insgesamt dauert die Ausbildung knapp drei Jahre, um als Bauüberwacher im Eisenbahnbereich arbeiten zu können. Im Einsatz sind sie überwiegend dann, wenn die Züge seltener fahren: nachts, an Wochenenden, an den Feiertagen. Frank-Georg Keidel schätzt, dass der jährliche Bedarf der Branche etwa bei weiteren 200 Bauüberwachern liegt, um den Aufgaben gerecht zu werden und Abgänge zu kompensieren. „Nachwuchs für die Bauüberwachung zu gewinnen, ist ein echter Zukunftsfaktor für die Eisenbahninfrastruktur geworden“, sagt der Chef von 140 Mitarbeitern. Er weiß, dass das auch bei der Deutschen Bahn so gesehen wird. Sie ist sein größter Auftraggeber und im Kampf um die Köpfe auch sein ärgster Wettbewerber. Im Nachwuchsmangel sieht der GBL-Geschäftsführer langfristig sogar ein Existenzrisiko für mittlere und kleinere Unternehmen. „Wenn wir nicht bereits vor einigen Jahren etwas unternommen hätten, dann hätten wir heute vielleicht nur noch die Hälfte der Mitarbeiter“, sagt er mit Blick auf sein Ingenieurbüro.

Nachwuchs für die Bauüberwachung zu gewinnen, ist ein echter Zukunftsfaktor für die Eisenbahninfrastruktur geworden.

Frank-Georg Keidel,
Geschäftsführer GBL und Präsident der Überwachungsgemeinschaft Gleisbau (ÜGG)

Deshalb verfolgt er einen eigenen Ansatz beim Recruiting: Frank-Georg Keidel setzt unter anderem auf Verstärkung aus dem europäischen Ausland, wie Polen und Griechenland. „Ich wusste beispielsweise, dass die Ausbildung griechischer Bauingenieure sehr gut ist“, erläutert er. Im Rahmen eines Austauschprogramms hat Frank-Georg Keidel selbst Vorlesungen in Thessaloniki gehört. Dort suchte er vor fünf Jahren dann gezielt nach neuen Mitarbeitern – und stellte eine Gruppe von insgesamt 15 griechischen Ingenieuren ein. Die meisten sind immer noch an Bord. Einer von ihnen ist Georgios Mavrofridis. Er arbeitete damals als Bauingenieur in Griechenland und wollte sich beruflich verändern. Bis er zur GBL kam, hatte er noch nichts mit dem Eisenbahnbau zu tun gehabt. „Am Anfang war es nicht einfach, man musste am Ball bleiben“, erinnert sich der Mittvierziger an die sechsmonatige Ausbildung der griechischen Gruppe in Magdeburg.

Sprachkenntnisse bilden die Grundlage

Am Anfang war es nicht einfach, man musste am Ball bleiben.

Georgios Mavrofridis,
Bauingenieur und Bauüberwacher, über seinen beruflichen Wechsel von Griechenland nach Deutschland

Wie alle angehenden Bauüberwacher aus dem Ausland durchlief auch Emil Bielski, der das Bauingenieurwesen in Lodz studiert und schon als Jugendlicher Deutschkurse belegt hatte, diese Weiterbildung. Zunächst wurde Deutsch „gepaukt“. „Das war für viele die größte Herausforderung“, sagt Georgios Mavrofridis, der seinen Kollegen als Übersetzer sofort weiterhelfen konnte. Denn er kam im Ruhrgebiet zur Welt und hatte in Bochum studiert. Nach dem Grundkurs Deutsch standen für die angehenden Bauüberwacher Fachbegriffe aus dem Eisenbahnwesen, Bahnbautechnik sowie deutsches Baurecht auf dem Ausbildungsplan. Es folgte ein sechsmonatiges Training auf Baustellen als Assistenz der Bauüberwachung und danach die viermonatige Ausbildung zum Bauüberwacher. An der Seite eines Mentors schlossen sich zwei weitere Jahre als Überwacher für Bau und Betrieb an. Erst dann kam das „Feststellungsgespräch“ – die abschließende Prüfung, die den Volleinsatz ermöglicht.

Georgios Mavrofridis fiel der Schritt zurück nach Deutschland leicht: „Ich bin zurück nach Hause gegangen.“ Sein Chef freut sich derweil über die Vielfalt und die unterschiedlichen Ideen, die seine Ingenieure in das Unternehmen einbringen. Dabei denkt er intensiv darüber nach, wie er seine Mitarbeiter weiter an sein Unternehmen binden und das Berufsbild attraktiver gestalten kann – etwa dadurch, dass private Belange bei der Einsatzplanung berücksichtigt werden. Klar ist für Frank-Georg Keidel aber auch: „Die Suche nach Nachwuchs und Verstärkung bleibt eine Daueraufgabe.“

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