Unterwegs im Netz

Wohl behütet unterwegs mit Bus und Bahn

Knapp 20 deutsche Verkehrsunternehmen bieten einen Begleitservice für Menschen, die aufgrund körperlicher Handicaps nicht allein mit Bus und Bahn unterwegs sein können. Es sind gute Taten in doppelter Hinsicht, denn auch die Begleiter haben etwas davon. Sie sind in der Regel Langzeitarbeitslose, denen ihr Dienst Perspektiven und Selbstwertgefühl verschafft – zum Beispiel bei der VGF in Frankfurt am Main.


Saban Tekin wohnt in einem schmuck renovierten 1960er-Jahre Mietshaus im Frankfurter Nordosten. Die nächste U-Bahn-Station Schäfflestraße liegt nur ein paar hundert Meter entfernt. Doch für den agilen Mittvierziger mit der hessischen Sprachfärbung sind die Bahnen nur erreichbar, wenn ihn jemand begleitet. Nach einer Erkrankung ist Saban Tekin seit vielen Jahren stark sehbehindert. „Hier im Viertel rund um meine Wohnung traue ich mich noch allein heraus”, berichtet er. Doch nicht mehr in die Stadt, zur Blindenwerkstatt der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte, wo er zweimal wöchentlich künstlerisch-kreativ mit Specksteinen arbeitet. „Früher habe ich das ohne Hilfe gemacht”, erzählt er. Aber dann stieg er einmal eine Haltestelle zu früh aus. Er verlor die Orientierung und stürzte schwer auf den Schienen. „Das hat mir zehn Tage Krankenhaus eingetragen, und seitdem mache ich es nicht mehr allein.”

400

KUNDEN

nehmen in Frankfurt regelmäßig den Begleitservice der VGF in Anspruch.

Heute vertraut er auf den Begleitservice des städtischen Nahverkehrsunternehmens VGF. Beispielsweise auf Sabrina Singh. Pünktlich vor dem vereinbarten Termin um 11 Uhr – „ich bin lieber zehn Minuten früher da” – steht die 33-Jährige in der blauen Dienstkleidung des Verkehrsbetriebes vor der Haustür, zu der es Tekin von seiner Wohnung treppab ohne Hilfe schafft. Eine kurze Begrüßung. Man kennt sich von früheren Begleitungen. Der Mann mit der gelben Armbinde und den drei schwarzen Punkten darauf war einer der ersten Kunden des Begleitservices in der Mainmetropole. Er hakt sich bei der jungen Frau unter, und los geht es. Vorsicht, die Bordsteinkante, dann ein kleiner angekündigter Umweg, weil ein Bau-Lastwagen im Weg steht. Munter plaudernd erreicht das Duo den Hochbahnsteig. Zur Werkstatt in der City ist einmal Umsteigen angesagt, je nach U-Bahn-Linie am Verkehrsknoten Konstablerwache oder an der Haltestelle Dom/Römer. „Da steigen wir lieber um, dort geht es einfach auf der anderen Bahnsteigseite weiter. Sonst müssten wir über Treppen zum Anschluss”, erklärt Sabrina Singh: „Das mögen wir nicht so.“
Wenn sie ihren Schützling abgeliefert hat, wartet häufig schon der nächste Auftrag. Wenn nicht, gibt es andere Aufgaben. Das Team vom Begleitservice unterstützt dann die Fahrgast-Betreuer der VGF, oder die Mitarbeiter kontrollieren Sauberkeit und Funktionsfähigkeit der U-Bahn-Stationen.

„Wir haben ein Team von derzeit 14 Begleitern”, sagt Mathias Wiese, der als Disponent den Service organisiert. Seine Kollegen haben eine 35-StundenWoche und sind „ganz normale” Arbeitnehmer. In Frankfurt gibt es einen Kundenstamm von rund 400 Fahrgästen, die meist regelmäßig die Dienste der Begleiter in Anspruch nehmen. „Es sind hauptsächlich Kunden mit Geh- oder Sehbehinderungen.“ In der Kartei sind weitere 550 Fahrgäste registriert. Aber auch Neukunden sind jederzeit willkommen. Für alle ist der Service kostenlos. Sie benötigen lediglich ein gültiges Ticket oder den Schwerbehindertenausweis, der ihnen freie Fahrt im ÖPNV gewährt. Die Anlässe für ihre Fahrten sind ganz alltäglich und interessieren die VGF im Prinzip nicht, solange die Mobilität mit Bus und Bahn gewünscht wird. „Mal sind es Arztbesuche, mal Einkäufe, Bankgeschäfte oder Friseurtermine.” Prinzipiell werden die Fahrgäste an der Haus- oder Wohnungstür abgeholt und auf dem Rückweg bis dorthin begleitet. Es kommt vor, dass die Begleiter am Ziel warten, wenn es – wie bei der Blutabnahme beim Doktor – schnell geht. Oder ein Kollege kommt zu einem für später vereinbarten Abholtermin. Mathias Wiese sorgt für die Logistik: „Die stärkste Schicht ist die Frühschicht, da wird es manchmal eng.” Gut beraten sind Kunden, die sich rechtzeitig anmelden. Wie das geht, erklärt die VGF in einem Faltblatt, das in Arztpraxen wie in Altenheimen ausliegt und im Internet abrufbar ist.

Fahrgäste sind auch MIT Handicap im ÖPNV mobil

Deutschlandweit gibt es in 18 Städten und Regionen einen Begleitservice für Fahrgäste mit Handicap, so die Internetseite ÖPNV-Info. Darunter sind Metropolen ebenso wie kleine Betriebe in ländlichen Regionen. Gemeinsam ist allen Angeboten, dass sie kostenlos sind. Die Verkehrsunternehmen bieten diese Dienste zu sehr unterschiedlichen Zeiten an. Die VGF in Frankfurt ist mit dem Angebot von 7 bis 21 Uhr montags bis freitags besonders flexibel.

Mehr Infos zum Angebot in Deutschland unter:
www.oepnv-info.de/reisen/reiseservices/begleitservice

Wiedereinstieg ins Arbeitsleben

Für die Begleiter bedeutet ihr Engagement eine Chance, wieder geregelt in Lohn und Brot zu kommen. Für den Job werden sie von den Arbeitsämtern vorgeschlagen und teilweise auch aus den Mitteln der Arbeitsverwaltung finanziert. „Wir legen aber auch einen ordentlichen Batzen drauf”, sagt Mathias Wiese. Und das Unternehmen sorgt für die Schulung der neuen Mitarbeiter, die immerhin einen ganzen Monat dauert. Dazu gehört auch die „Motivation der Truppe”, weiß der Disponent: „Als Langzeitarbeitslose sitzen manche tief im Loch. Wir müssen und können ihnen das Gefühl zurückgeben, gebraucht zu werden.” Anfänger gehen zunächst mit erfahrenen Kollegen mit, und ihnen wird beigebracht, wie sie am besten auf die nicht immer einfache, weil meist bejahrte Klientel eingehen können.

Begleiter ist keine Anstellung fürs Leben: Von der Arbeitsverwaltung werden diese Maßnahmen für maximal 18 Monate finanziert. „Und dann müssen wir, manchmal mit schwerem Herzen, die Leute wieder ziehen lassen”, sagt Wiese. Aber nicht alle: Immer wieder ergibt sich auch die Chance, Arbeitsplätze in der Riege der VGF-Fahrgastbetreuer anzubieten. Sabrina Singh steht kurz vor dem Ende ihrer Zeit als Begleiterin. Zwar ist noch nichts in trockenen Tüchern, doch sie kann darauf hoffen, eine Festanstellung zu bekommen.

Mehr Infos


zur VGF
www.vgf-ffm.de