Titelstory

Die Verkehrswende ist machbar

Die Mobilität der Menschen sichern, Fahrverbote vermeiden, Klimaschutzziele erreichen: Das kann bis 2030 Wirklichkeit werden, wie die neue VDV-Studie „Deutschland mobil 2030“ zeigt. Anhand konkreter Szenarien stellen die Verfasser dar, dass die Verkehrswende gelingen kann – eine Grundlage für die gesellschaftliche Debatte um die Mobilität von morgen.


Juli 2030: Die Verkehrswende wirkt. Luftreinhaltung ist in den Städten längst kein Thema mehr. Ein Drittel mehr an Bussen und Bahnen als noch vor zwölf Jahren ist unterwegs. Auf der letzten Meile rollen On-demand-Minibusse. In den Ballungsregionen und im ländlichen Raum spielt der Öffentliche Personenverkehr (ÖPV) seinen Umweltvorteil aus. Das hat auch die Lebensqualität der Menschen erhöht. Nie war es einfacher, mit verschiedenen Verkehrsmitteln mobil zu sein. Selbstverständlicher Begleiter im Öffentlichen Verkehr ist eine digitale Mobilitätsplattform. Über sie haben alle Verkehrsunternehmen ihre Angebote vernetzt. So findet der Kunde schnell und komfortabel die beste Verbindung mit den passenden Verkehrsmitteln und dem günstigsten Ticket. „Einsteigen und losfahren“: Nach diesem Prinzip nutzen immer mehr Fahrgäste den ÖPV, weil die Verkehrsunternehmen umfassende Dienstleister für Mobilität sind. Durch die Digitalisierung erlebt auch der Güterverkehr auf der Schiene eine Renaissance. Er wächst um 22 Prozent. Überlange High-Tech-Züge haben die Kapazitäten und die Wettbewerbsfähigkeit der Schiene spürbar gesteigert. Der revitalisierte Schienengüterverkehr (SGV) und ein ÖPV, der nicht mehr nur in urbanen Regionen einen wichtigen Teil des Lebensstils darstellt, haben dazu beigetragen, die Klimaziele im Verkehrssektor für 2030 zu erreichen. Für die Erfolgsgeschichte des SGV war schon knapp 15 Jahre zuvor mit dem Masterplan die Basis geschaffen worden.

Broschüre stellt
Szenarien vor

Ausführliche Informationen über die verschiedenen Szenarien der Studie „Deutschland mobil 2030“ und die erforderlichen Maßnahmen für die Verkehrswende enthält die aktuelle Broschüre „Zeit für neues Denken und Handeln“. Sie knüpft an die Publikation „Neue Mobilität für ein mobiles Land“ an. Darin fasste der VDV im Herbst 2017 seine verkehrspolitischen Handlungsempfehlungen für die aktuelle Legislaturperiode des Bundestages zusammen.

Die Broschüre steht zum Download unter
www.deutschland-mobil-2030.de

Mobilität modern und bezahlbar gestalten

30

Prozent

mehr Öffentlicher Personenverkehr und 22 Prozent mehr Schienengüterverkehr sind laut Studie „Deutschland mobil 2030“ in zwölf Jahren möglich.

So weit die Vision. Dass dieses Szenario auf der Grundlage heutiger Trends, aktueller Verkehrs- und Bevölkerungsdaten sowie klar gestellter politischer Weichen realisierbar ist, zeigen die Verfasser der Studie „Deutschland mobil 2030“ auf. Im Auftrag des VDV haben die Beratungsunternehmen PwC und Intraplan Consult verschiedene Szenarien dazu erarbeitet, wie in zwölf Jahren der Öffentliche Personenverkehr und der Schienengüterverkehr aussehen könnten. Fazit: Es ist möglich, die Mobilität in Deutschland modern, bezahlbar und klimaschonend zu gestalten. Voraussetzung dafür sind jedoch die entsprechenden Rahmenbedingungen, die die Verkehrspolitik schaffen muss. Dazu zählen die Sanierung und der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, eine auskömmliche und planbare Finanzierung des Öffentlichen Personenverkehrs, aber auch preis- und ordnungspolitische Maßnahmen, um den Pkw-Verkehr einzudämmen.

Die Verfasser der Studie sehen zudem die Verkehrsunternehmen in der Verantwortung, selbst aktiv zu werden und den Wandel gezielt mitzugestalten. Neben dem nachfrageorientierten Ausbau von Angeboten und Kapazitäten kommt es aus Sicht der Gutachter vor allem darauf an, dass sich die Player der Branche als integrierte Dienstleister für Mobilität positionieren. In dieser Rolle nutzen die Verkehrsunternehmen künftig die Möglichkeiten der Digitalisierung, verknüpfen Busse und Bahnen mit weiteren Angeboten und binden dabei neue Anbieter und Services ein. In der Zusammenarbeit mit neuen Marktteilnehmern können sie ihre Innovationsfähigkeit verbessern und ihre Stärken beim Zugang zu den Kunden sowie bei der Datenhoheit deutlich ausbauen. „Wir als Verkehrsunternehmen sind gefordert, uns dem Transformationsprozess aktiv zu stellen“, erklärt VDV-Präsident Jürgen Fenske. In nur zwölf Jahren sollen 30 Prozent mehr Kunden in Bussen und Bahnen und 22 Prozent mehr Güter auf der Schiene transportiert werden. „Das gelingt nur, wenn wir unsere Dienstleistungen konsequent den Bedürfnissen unserer Kunden anpassen“, so Jürgen Fenske.

Im günstigsten Fall könnte der ÖPV seinen Anteil am Modal Split bis 2030 von derzeit 13,5 Prozent um ein Drittel auf 17,3 Prozent ausbauen und der Schienengüterverkehr um ein Viertel von 18,4 auf 22,2 Prozent anwachsen – so die Best-Case-Szenarien „Verkehrswende“ und „Konsequent Schiene“. Im Schienengüterverkehr müssten der bereits existierende Masterplan sowie weitergehende Maßnahmen umgesetzt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Auch hier zählen laut Studie der Ausbau von Infrastruktur und die zusätzliche Regulierung des Güterverkehrs auf der Straße zu den entscheidenden Faktoren.

Szenario „Konsequent Schiene“: Die gemeinsamen Anstrengungen von Politik und Unternehmen machen den Schienengüterverkehr bis 2030 leistungsstärker und erhöhen seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Straße. Dies führt zu einem höheren Marktanteil.

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Szenario „Verkehrswende“: Mehr unternehmerisches Engagement und die passenden politischen Rahmenbedingungen wirken sich laut der Studie „Deutschland mobil 2030“ positiv aus - in Form von 30 Prozent mehr Öffentlichem Personenverkehr.

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Studie
„Deutschland mobil 2030“

Die Studie „Deutschland mobil 2030“ stellt verschiedene Verkehrs- und Mobilitätsszenarien für das Jahr 2030 dar. Analysiert wurden dafür fast 50 Veröffentlichungen von Bundesministerien, Forschungsinstituten, Verbänden sowie Unternehmen. Daraus wurden Zukunftstrends für den Öffentlichen Personenverkehr sowie für den Schienengüterverkehr abgeleitet und anhand von Faktenchecks verifiziert. Für beide Bereiche wurden jeweils drei Szenarien erstellt: Worst Case, Fortführung und Verbesserung des Status Quo sowie die bestmöglichen Fälle „Verkehrswende“ im Personenverkehr und „Konsequent Schiene“ im Güterverkehr. In einem weiteren Schritt wurden strategische Herausforderungen und kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen abgeleitet, um diese Ziele zu erreichen.

Die komplette Studie kann im VDV-Hauptstadtbüro bestellt werden:
hauptstadtbuero@51d467320f24479f9b2b47be22867c5dvdv.de

Dass diese Entwicklung kein Selbstläufer ist, machen die Verfasser ebenfalls anhand von Szenarien fest. Wenn die Verkehrsunternehmen nicht in der Lage sind, auf die neuen Herausforderungen entsprechend zu reagieren, und die Verkehrspolitik auf klare Signale verzichtet, droht dem ÖPV der Verlust von Marktanteilen und den Städten der Verkehrskollaps. Neben den Mobilitätseinschränkungen wären Nachteile bei der Lebensqualität die Folge, die Klimaverpflichtungen wären nicht einzuhalten. Selbst im Szenario „Ambitionierte Entwicklung“, in dem sich die Verkehrsunternehmen mit einem verbesserten Angebot als Mobilitätsdienstleister positionieren und die Politik zwar den Infrastrukturausbau unterstützt, jedoch nur moderat umsteuert, würden die Umwelt- und Klimaziele verfehlt. Potenziale ungenutzt lassen würde eine „Ambitionierte Entwicklung“ auch im Schienengüterverkehr, wenn über den Masterplan hinausgehende Maßnahmen nicht umgesetzt würden. Im Worst-Case-Szenario „Schiene verliert“ würde nicht einmal der Masterplan realisiert. Die Folgen wären noch schlechtere Wettbewerbsbedingungen für die Güterbahnen, eine Verlagerung von Transporten auf die Straße und deren starke Überlastung. Auch hier würden die Klimaziele deutlich verfehlt.

Im ersten Schritt ist in den stark wachsenden Ballungsgebieten der Ausbau von Kapazitäten nötig, um umweltfreundliche Verkehre zu stärken. Dafür hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag mit der Erhöhung der GVFG-Mittel und der Verstetigung des Mobilitätsfonds für finanzschwache Kommunen wichtige Schritte beschlossen. „Doch das wird nicht reichen“, sagt VDV-Präsident Jürgen Fenske: „Die Länder müssen ihrer Verantwortung für den Öffentlichen Verkehr nachkommen und ihrerseits ebenfalls Geld für den Ausbau und die Sanierung bereitstellen.“ Zudem seien kurzfristig umsetzbare Maßnahmen notwendig, um weitere Fahrverbote zu verhindern.

Drei
Fragen an

Über die Studie „Deutschland mobil 2030“ sprach „VDV Das Magazin“ mit Dr. Jan Schilling (Foto), VDV-Geschäftsführer für den Bereich ÖPNV.

» Warum will der VDV gerade zum jetzigen Zeitpunkt die gesellschaftliche Debatte zur Verkehrswende intensivieren?

Dr. Jan Schilling: Mit der Studie „Deutschland mobil 2030“ bezieht der VDV in der Diskussion um die Verkehrswende Position und liefert realistische Szenarien, was nun geschehen muss, um die notwendigen Veränderungen einzuleiten. Nicht erst seit dem Inkrafttreten der ersten Dieselfahrverbote in Hamburg sowie der Klage der EU-Kommission zur Luftreinhaltung in den Städten und dem Verfehlen der Klimaschutzziele 2020 ist es an der Zeit, Entscheidungen zu treffen, um den Verkehrssektor zukunftsfähig zu machen. Denn so wie es derzeit läuft, werden wir wichtige umwelt-, aber auch gesellschaftspolitische Ziele wie die Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen nicht erreichen. Die öffentliche Debatte macht vielen Menschen deutlich, dass hier erheblicher Handlungsbedarf besteht. 


» Eine deutliche Vorrangpolitik für Busse und Bahnen dürfte wohl kaum reichen, um die Verkehrswende zu schaffen. Was muss darüber hinaus passieren?

Wir brauchen mehr Mobilität – und nicht mehr Verkehr. Ohne eine kluge Strategie des Push und Pull wird das notwendige Umsteuern nicht schnell genug gehen, und wir produzieren höhere volkswirtschaftliche Kosten als nötig. Die Unternehmen müssen die Chancen des sich abzeichnenden Wandels nutzen und weitere attraktive und kundenfreundliche Angebote schaffen. Der Staat muss gleichzeitig das Gesamtsystem im Auge behalten. Hier gilt es, Fehlanreize wie umweltschädliche Subventionen zurückzuführen und neue Anreize zu schaffen – etwa durch die Wiedereinführung des steuerfreien Jobtickets. Auch die Kommunen können steuern, indem sie Parkraum konsequent bewirtschaften, Bus und Bahn im Stadtverkehr bevorrechtigen und den Verkehr insgesamt passgenau lenken.


» Bis vor wenigen Jahren sprachen nur Insider über die Verkehrswende. Glauben Sie, dass Deutschland schon bereit für dieses Thema ist?

Ja, denn Haupttreiber der Diskussion ist der Klimaschutz. Wie Umfragen zeigen, sind viele Bürger bei diesem Thema schon weiter, als man allgemein glaubt. Je später wir mit dem Klimaschutz ernsthaft anfangen, desto höher werden die volkswirtschaftlichen Kosten des Wandels. Die von uns vorgeschlagene Verkehrswende soll Mobilität sichern und nicht verhindern. Dazu wollen wir Mobilität besser organisieren und die effizientesten Lösungen – ÖPV und SGV – deutlich ausbauen. Genauso wie die regenerativen Energien es bereits heute sind, kann die Verkehrswende zum Exportschlager werden. Das ist keine Verhinderungs-, sondern Ermöglichungspolitik.

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