Titelstory

Arbeit und Berufe mit Perspektiven

Selten zuvor war in Deutschland die Zahl der offenen Stellen so hoch – und die Nachfrage von Bewerbern so gering. Das gilt auch für die Mobilitätsbranche. Attraktive Berufe stoßen auf nahezu geschlossene Arbeitsmärkte. Dabei wird der Nahverkehr bis 2030 die Hälfte aller Stellen wiederbesetzen müssen. Und das Wachstum im Sektor, das mit der bevorstehenden Verkehrswende einhergeht, wird den Fachkräftemangel wohlmöglich verschärfen.


Für die Mobilitätsbranche wird 2030 ein Schlüsseljahr. Dann sollen ein Drittel mehr Busse und Bahnen als heute unterwegs sein und fast ein Viertel mehr Güterverkehr über die Schiene laufen. Dass diese Ziele erreichbar sind, zeigen die Studie „Deutschland mobil 2030“ und der Masterplan Schienengüterverkehr. Mobilität wird geprägt sein von Vielfalt, Vernetzung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. „Diese vier Eckpunkte werden auch die künftigen Tätigkeits- und Berufestrukturen in der Branche prägen“, erläutert Dr. Jan Schilling, beim VDV Geschäftsführer für den Bereich ÖPNV: „Bestehende Berufe wandeln sich, neue Berufe werden entstehen.“

Verkehrslenkung und die Organisation multimodaler Verkehre benötigen qualifizierte Elektroniker, System- und Fachinformatiker sowie Netzwerkarchitekten. Talentierte Data Scientists, Mobilitätsberater und Datenschutzexperten sorgen dafür, dass neue flexible Angebote für Kunden entstehen und intermodale Mobilitätsplattformen erfolgreich laufen. Instandhaltungsprozesse an Fahrzeugen und Infrastruktur werden digitaler durch 3-D-Druck-Spezialisten und hochqualifizierte Mechatroniker. Environment Experts gewährleisten umweltfreundliche Mobilität, Hochvolt-Ingenieure machen Fahrzeuge elektromobil, und schließlich sorgen Recruiter und Social Media Manager dafür, dass die Mobilitätsbranche ihre berufliche Attraktivität in die medialen Kanäle der Zielgruppen kommuniziert und engagierte neue Mitarbeiter gewinnt. Denn angesichts steigender Anforderungen durch die Kunden und eines zunehmend multimodalen Mobilitätsmarktes stehen die Verkehrsunternehmen und -verbünde vor weitreichenden Aufgaben. Schließlich gilt es, sich vom klassischen Beförderer zum umfassenden Mobilitätsdienstleister zu wandeln.

193

Tage


dauert es, bis eine vakante Triebfahrzeugführer-Stelle wieder besetzt ist, so die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Engpassanalyse für Fachkräfte.

Dafür werden auch in den bestehenden Berufen qualifizierte Mitarbeiter benötigt: im Fahrdienst, in den Werkstätten, in den Zentralen. Bus- und Straßenbahnfahrer, Betriebswirte, Mobilitätsberater, Ingenieure: Das ist nur eine kleine Auswahl von Berufen, die bereits heute und auch in Zukunft gefragt sind. Mobilität wird ein innovativer Wachstumsmarkt mit milliardenschweren Investitionen. „Personenverkehr und der Schienengüterverkehr sind alles andere als altbackene Branchen“, verdeutlicht Michael Weber-Wernz, Geschäftsführer der VDV-Akademie: „Langsam, aber sicher kommt Musik rein. Der Arbeitsmarkt der Branche wird attraktiv und agil.“

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Aktuell herrscht jedoch akuter Personalmangel bei Ingenieuren, IT-Experten, Fachkräften, Auszubildenden und insbesondere in den Fahrberufen. Bei Bussen und Bahnen kommt es immer wieder zu Angebotseinschränkungen. Triebfahrzeugführer gilt in Deutschland seit mittlerweile drei Jahren als der Engpassberuf schlechthin – ein mittlerweile strukturelles Problem, von dem nahezu alle Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) betroffen sind. Bundesweit fehlen allen EVU qualifizierte Mitarbeiter. In ihrer Engpassanalyse für Fachkräfte liefert die Bundesagentur für Arbeit Zahlen. Bei Fachkräften zur Überwachung und Wartung der Verkehrsinfrastruktur beträgt die Vakanzzeit 175 Tage. Sie liegt damit 63 Prozent über dem Durchschnitt aller Berufe. Noch länger dauert es, eine Stelle für Triebfahrzeugführer zu besetzen. Mit 193 Tagen (2017: 167 Tage) haben sie die längste Vakanzzeit aller technischen Engpassberufsgruppen – 80 Prozent über dem Schnitt aller Berufe. Für diese Berufsgruppe kann laut Bundesagentur der Bedarf auch nicht aus der Arbeitslosigkeit gedeckt werden. Auf 100 gemeldete offene Stellen kommen bundesweit rechnerisch nur 36 Arbeitslose.

Die Verkehrswende wird den derzeitigen Fachkräftemangel noch deutlich verschärfen - etwa, wenn wir multimodale Mobilitätsmanager benötigen.

Gisbert Schlotzhauer,
Vorsitzender des VDV-Ausschusses für Personalwesen

„Die Ursache für den akuten Personalmangel liegt keineswegs darin, dass die Unternehmen unattraktiv wären. Mobilität ist ein Megathema“, erläutert Jan Schilling: „Vielmehr fehlt es der Branche an Wahrnehmung und Kommunikation in die Bewerbermärkte. Wir sind hier teils noch zu zaghaft.“ Deshalb arbeitet der VDV zurzeit an einer Arbeitgeberinitiative (siehe Infokasten), die die Unternehmen in der Personalgewinnung unterstützen, das Interesse an der Branche erhöhen und über Möglichkeiten und Chancen informieren soll. „Wir wollen die unterschiedlichsten Menschen für die verschiedensten Tätigkeiten begeistern – zumal diese Aufgaben Sinn stiften und einen hohen gesellschaftlichen Nutzen haben“, erklärt Jan Schilling.

VDV bereitet Initiative für Arbeitgeber vor

Interesse an den Verkehrsberufen wecken, das Image der Branche durch Informationen verbessern und die Verkehrsunternehmen operativ unterstützen, Personal zu gewinnen. Das sind die Ziele der Arbeitgeberinitiative, die der VDV Anfang kommenden Jahres starten wird. Kernstück der Initiative ist ein Webportal, das sich an Auszubildende, Studenten, Quereinsteiger und Fachkräfte richtet. Hier sollen neben Porträts von Unternehmen und Berufen auch Stellenangebote abrufbar sein. Ergänzt wird dies durch einen Instrumentenkoffer mit Softwareanwendungen und Materialien wie Fotos, Filmen und Texten, die die Verkehrsunternehmen beim Recruiting einsetzen können. Dritter Bestandteil ist eine Imagekampagne der Branche, für die beispielsweise Fahrzeuge als Werbeträger und flankierend Onlinekanäle genutzt werden.

Und die Aussichten werden sich für Bewerber noch weiter verbessern. Denn allein schon die „natürliche“ Fluktuation wird für die Personaler in den Verkehrsbetrieben zur Herausforderung: Die Altersstruktur in den Unternehmen bringt in den kommenden Jahren einen erheblichen Einstellungsbedarf mit sich. Wenn die Generation der „Baby-Boomer“ in den Ruhestand geht, muss im Zeitraum bis 2030 für fast die Hälfte der 150.000 im öffentlichen Personenverkehr Beschäftigten eine Neubesetzung gefunden werden. Von den 70.000 bis 80.000 dieser Stellen wird nur jede Fünfte von einem Auszubildenden besetzt werden können.

Ebenso wie andere Dienstleistungs- und Wirtschaftsbranchen, stehen die Verkehrsunternehmen aber nicht nur vor der Aufgabe, die Auswirkungen des demografischen Wandels zu meistern. Hinzu kommen Veränderungen infolge der Digitalisierung und des Klimaschutzes. Michael Weber-Wernz von der VDV-Akademie ist sich sicher, dass die Gesellschaft Veränderungen wolle und bereits anders auf die Verkehrsunternehmen schaue: „Wer den Wandel aktiv mitgestalten will, kann dies in der Mobilitätsbranche hervorragend tun.“


Zwei wege führen zum Beruf des Busfahrers

Im städtischen Personennahverkehr arbeiten derzeit rund 45.000 Busfahrer. 50 bis 60 Prozent dieser Stellen müssen in den kommenden zehn Jahren aufgrund von altersbedingtem Ausscheiden und des zu erwartenden Verkehrswachstums neu besetzt werden.

Zum Beruf führen zwei Wege: Einerseits gibt es Busfahrer, die eine dreijährige Ausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb (FiF) oder zum Berufskraftfahrer absolviert haben. Dahinter stehen serviceorientierte Ausbildungen mit betrieblichen und kaufmännischen Schwerpunkten wie insbesondere beim FiF sowie eine betriebliche und technische Ausrichtung wie beim Berufskraftfahrer. In die Ausbildung integriert sind der Erwerb des Führerscheins und des Befähigungsnachweises nach dem Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz sowie die Linieneinweisung. Das Mindestalter für den Einsatz in der Personenbeförderung beträgt 18 Jahre. Anders als der Berufskraftfahrer kann der FiF auch einen Straßenbahnführerschein während oder nach seiner Berufsausbildung erwerben und als sogenannter Kombifahrer Busse und Bahnen steuern.

Als angelernte Busfahrer arbeiten auch Beschäftigte ohne verkehrsspezifische Ausbildung. Sie durchlaufen eine Fahrschule – entweder eine unternehmenseigene oder eine private – und erwerben in der Regel nach drei Monaten nach bestandener Prüfung die Fahrerlaubnis Klasse D/DE. Außerdem müssen sie eine 140-stündige Grundausbildung nach dem Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz absolvieren, um in einer anschließenden Prüfung vor der IHK den sogenannten Befähigungsnachweis zu erhalten. Danach erfolgt eine mehrwöchige Linieneinweisung durch den Verkehrsbetrieb. Das Mindestalter für den Einsatz in der Personenbeförderung ist hier 21 Jahre. Je nach Unternehmen sind 75 bis 90 Prozent der Busfahrer als „Quereinsteiger“ tätig. Sie kommen aus unterschiedlichen Berufsfeldern.

Auch Lkw-Fahrer können zum Busfahrer umsatteln. Dazu müssen sie die Fahrerlaubnis Klasse D/DE – meistens in einer verkürzten Fahrschulausbildung – und ebenfalls in einer verkürzten Ausbildung den Befähigungsnachweis nach dem Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz erwerben.

Das Einstiegsgehalt für Busfahrer in kommunalen/städtischen Verkehrsunternehmen liegt zwischen 2.300 und 2.400 Euro. Hinzu können Zeitzuschläge kommen. Abhängig von der Betriebszugehörigkeit ist ein stufenweiser Aufstieg bis zu etwa 2.700 bis 2.800 Euro möglich.