Aus dem Verband

„Wir wollen den Wandel im Verkehrssektor aktiv mitgestalten“

Der neue VDV-Präsident Ingo Wortmann sieht die Verkehrsunternehmen und -verbünde als Vorreiter des Mobilitätswandels in den Städten und im ländlichen Raum sowie auf Straßen und Schienen.


Herr Wortmann, herzlichen Glückwunsch zur Wahl als neuer VDV-Präsident – das Votum war einstimmig. Worauf kommt es nun an?

» Ingo Wortmann: Das Wahlergebnis war ein Signal der Geschlossenheit, und ich bedanke mich für das Vertrauen. Als Branchenverband ist der VDV breit aufgestellt. Und die übergreifende Zusammenarbeit beispielsweise zwischen Verkehrsunternehmen und -verbünden ist gerade jetzt so wichtig wie noch nie – etwa, weil die Verkehrswende kommen muss und weil zahlreiche neue Akteure versuchen, im Mobilitätsmarkt Fuß zu fassen. Der Zusammenhalt in der Branche, für den sich mein Vorgänger Jürgen Fenske immer stark gemacht hat, wird auch künftig der Schlüssel zu unserem Erfolg sein. Denn wir wollen bis 2030 ein Drittel mehr ÖPNV und ein Viertel mehr Schienengüterverkehr, um das Sektorenziel aus dem Klimaschutzplan der Bundesregierung zu erreichen: nämlich 40 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen aus dem Verkehr. Das muss oberste Priorität haben, denn der globale Klimawandel ist real und da müssen wir entschieden gegensteuern.

Wie kann der Öffentliche Verkehr den aktuellen ­politischen Rückenwind weiter nutzen?

» Mit Blick auf Luftreinhaltung, Klimaschutzziele, ­begrenzte Verkehrsflächen und Staus werden wir verstärkt als Problemlöser wahrgenommen – vor allem im städtischen Verkehr. Der beste Schritt zur Luftreinhaltung ist, dass mehr Menschen den ÖPNV nutzen. Aber dafür müssen wir die Kapazitäten ausweiten und deshalb jetzt Pflöcke einschlagen für den Infrastrukturausbau und für weitere Verbesserungen im ÖPNV. Damit wir die Verkehrswende einleiten können, sind massive Investitionen in den Aus- und Neubau sowie in die Modernisierung der Infrastruktur von Eisenbahn, U-Bahn, Tram und Bus vonnöten.

Die Zusammenarbeit zwischen Verkehrsunternehmen und -verbünden ist so wichtig wie noch nie, weil die Verkehrswende kommen muss und weil zahlreiche neue Akteure versuchen, im Mobilitätsmarkt Fuß zu fassen.

Ingo Wortmann, VDV-Präsident

Bundesweit gibt es zahlreiche Um- und Ausbauvorhaben für Trams sowie Stadt- und U-Bahnen. Auch an den Finanzmitteln fehlt es nicht, dafür aber an Bau- und Planungskapazitäten. Was muss sich ändern?

» Wir müssen schneller werden. Das vom Bundestag beschlossene Planungsbeschleunigungsgesetz bringt die Planung und Genehmigung von Bauvorhaben bei der Eisenbahn künftig zügiger voran. Das ist gut. Die Regelungen gelten jedoch nicht für den Ausbau des städtischen Nahverkehrs. Und das ist völlig unverständlich. Mit Blick auf Luftreinhaltung und Klimaschutz muss doch gerade dort und vor allem im kommunalen Schienenverkehr schnellstmöglich ausgebaut und modernisiert werden. Hier sollte die Politik nachbessern.

Wie soll das Wachstum im Schienengüterverkehr angestoßen werden?

» Dazu müssen noch viele entscheidende Schritte gemacht werden: Auch hier benötigen wir massive Investitionen in die Infrastruktur für Ausbau, Neubau von Trassen im Wesentlichen nur für Güterverkehre, Modernisierung, technische Innovationen, Elektrifizierung und Digitalisierung. Vieles davon ist im Masterplan Schienengüterverkehr festgelegt – diesen gilt es daher schnellstmöglich umzusetzen. Aber es sind nicht immer nur die großen Projekte, die die Wettbewerbsfähigkeit und Zuverlässigkeit der Schiene verbessern. Mit der Initiative für mehr Gleisanschlüsse will der VDV zusammen mit den Eisenbahnunternehmen den Spediteuren und der Wirtschaft insgesamt helfen, mehr Güter auf die Schiene zu bringen und Wachstumspotenziale in der Fläche zu erschließen. Wir brauchen bei allen Beteiligten ein Bewusstsein für die letzte Meile. Denn irgendwo müssen die Güter für die Hauptstrecken abgeholt werden.

Wie nimmt die Branche die Herausforderungen durch die Digitalisierung an?

» Wie bei der Verkehrswende kommt es auch hier darauf an, die Transformation aktiv mitzugestalten – und nicht von anderen gestaltet zu werden. Vor allem dürfen wir nicht die Schnittstelle zum Kunden verlieren. Mit „Mobility inside“ wollen wir deshalb eine eigene Plattform anbieten, über die die gesamte Mobilitätskette gebucht werden kann. Und in dieser Mobilitätskette sind wir ein wesentlicher Bestandteil.

3