Im Gespräch

„Die Qualität zieht die Menschen in den ÖPNV“

Wie sieht der ÖPNV der Zukunft aus – in der Stadt und im ländlichen Raum? Und welche Rolle spielen dabei gesetzliche Rahmenbedingungen? Diese und andere Fragen diskutierte Daniela Ludwig, verkehrspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von CDU und CSU, mit VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff.

Frau Ludwig, derzeit steht das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) in der Diskussion. Neue Mobilitätsanbieter versprechen sich viel von einer Reform. Wie sieht Ihrer Meinung nach der Öffent­liche Verkehr in zehn Jahren aus?

» Daniela Ludwig: Wir werden nicht mehr so stark individualisiert unterwegs sein wie derzeit. Ich denke, dass die Zukunft des ÖPNV auf jeden Fall darin liegt, dass wir Leistungen sharen. Das ist weiterhin der klassische Omnibus. Zudem werden wir in Ballungsräumen wesentlich stärker Pooling-Modelle und Carsharing finden. Die größte Herausforderung für den ÖPNV der Zukunft liegt jedoch im ländlichen Raum.

Zur Person Daniela Ludwig

Die CSU-Politikerin Daniela Ludwig (43) ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestags und vertritt den Wahlkreis Rosenheim. In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist sie die Sprecherin für Verkehr und digitale Infrastruktur. Aufgewachsen ist Daniela Ludwig in Kolbermoor bei Rosenheim, einer 19.000-Einwohner-Stadt im oberbayerischen Voralpenland. Ihrer Heimat blieb sie treu. Deswegen pendelt Daniela Ludwig auf der Straße, auf der Schiene und in der Luft zwischen Kolbermoor und Berlin.

Inwiefern?

» Ludwig: Dort ist der ÖPNV klassischerweise bus- und schulbuslastig. Der Fahrplan richtet sich nach den Schulbussen aus, und dann wird es nach Mittag immer dünner. Dort wird das PBefG eine große Rolle spielen. Denn es geht nicht nur um Uber versus Taxi, sondern auch darum, welche Möglichkeiten wir den etablierten Anbietern geben. Nicht nur große Verbundlösungen sind richtig. Auch unsere mittelständischen Busunternehmer vor Ort können maßgeschneiderte Lösungen für ihre Landkreise finden.

Herr Wolff, wie sehen Sie das? Maßgeschneiderte Angebote, ländlicher Raum und ÖPNV passen auf den ersten Blick nicht zusammen ...

» Oliver Wolff: Wir werden beim PBefG den ländlichen Raum und die Ballungsräume differenziert betrachten müssen. In den Städten muss die Mobilität irgendwie organisiert werden. Vor Uber habe ich keine Angst. Und wegen Modellen wie dem Berlkönig muss sich kein Taxifahrer große Gedanken machen. Das ist alles ein Austesten. Aber die Mobilität wächst unglaublich und differenziert sich stärker. Deshalb bin ich erstmal für eine große Technologieoffenheit und sage: Lasst es uns doch mal probieren. Umgekehrt kostet jede Fahrt, die dem ÖPNV weggenommen wird, den Steuerzahler Geld. Deshalb muss man sehr genau aufpassen, an welchen Stellen man bereit ist, wie viel Marktpotenzial irgendwohin zu verschieben.

Die größte Herausforderung für den ÖPNV der Zukunft liegt im ländlichen Raum.

Daniela Ludwig

Was heißt das konkret mit Blick auf das PBefG?

» Wolff: Wir wollen kein Gesetz, das Ubers Geschäftsmodell abbildet. Am Ende ist entscheidend, was für die Kommunen gut ist. Denn ein ÖPNV-Unternehmen erfüllt eine Mobilitätsaufgabe, die in der Daseinsvorsorge liegt. Im ländlichen Raum haben wir zu wenig Geld und zu wenig Menschen für eine dichte Mobilität. Da sind viele verschiedene Modelle denkbar – auch der von Rentnern gefahrene Bürgerbus, der mit technischer Unterstützung on demand die Wege macht. Das ist sogar gesellschaftliche Teilhabe. Die Instrumente können wir zur Verfügung stellen. Auch die Unternehmen müssen etwas liefern, und das private Omnibusgewerbe muss überleben. Die Dualität zwischen privatem und öffentlichem Gewerbe hat einen guten ÖPNV hervorgebracht. Es gibt keinen Grund, eine Seite auszuschließen.

Konkurrenzfähige Preise und bessere Taktung der Züge könnten Daniela Ludwig und Oliver Wolff zufolge mehr Güter auf die Schiene bringen.

Es ist interessant, dass Sie beide den Fokus auf den ländlichen Raum legen. Gerade dort liegt Gestaltungsspielraum für On-demand-Verkehre. Manche Anbieter sehen das jedoch anders. Muss diesen ­Anbietern das nicht irgendjemand erklären?

» Ludwig: Das ist natürlich eine politische Aufgabe, klar. Wir sagen, wir wollen keine allzu große Diskrepanz entstehen lassen zwischen städtischen Gebieten und ländlichen Räumen. Wir wollen auch nicht die Landflucht befördern. Ganz im Gegenteil, wir wollen wieder raus aus den Städten. München und das Umland stehen kurz vor dem Verkehrskollaps. Darum ist der ländliche Raum für die Mobilität der Zukunft, wie wir sie immer so schön nennen, die ganz große Herausforderung. Da müssen wir politisch wesentlich mehr machen.

Woran denken Sie konkret?

» Ludwig: Bayern macht sich jetzt auf den Weg mit dem 365-Euro-Ticket, zunächst für Schüler und Studenten. Das aber in der Fläche „zum Fliegen“ zu bringen, nicht nur für Schüler und Studenten, wird eine wichtige Aufgabe sein. Wir dürfen den Menschen nicht den Eindruck vermitteln, dass der ÖPNV der billige Jakob ist. Guter ÖPNV kostet Geld – und zwar die Allgemeinheit und diejenigen, die ihn nutzen.

Es ist attraktiver, den ÖPNV mit mehr Geld auszuweiten und wenn er durch die Fahrgäste finanziert wird.

Oliver Wolff

Herr Wolff, ist ein 365-Euro-Ticket ein guter ­Ansatz, das Angebot zu verbessern?

» Wolff: Mit solchen Angeboten die jungen Leute in den ÖPNV zu holen, das kann man machen. Ich warne jedoch immer wieder davor, solche Angebote auszuweiten. Wer soll das finanzieren? Wir wollen zwei Wege gehen – zum einen das Angebot billiger machen, damit die Menschen vom Auto wegkommen. Das bedeutet weniger Erlöse. Zum anderen investieren wir gleichzeitig zusätzliches Geld für die Verdichtung der Takte. Die Qualität zieht die Menschen in den ÖPNV.

» Ludwig: Absolut.

» Wolff: Es ist attraktiver, den ÖPNV mit mehr Geld auszuweiten und wenn er durch die Fahrgäste finanziert wird. Wir wollen mit Positivbeispielen etwas bewegen. Und da sage ich: Lass uns die Qualität verbessern und nicht unbedingt den Preis senken.

Moderiert wurde das verkehrspolitische Gespräch von VDV-Pressesprecher Lars Wagner (r.) und seiner Stellvertreterin Rahime Algan (l.).

Qualitätsverbesserung hat auch etwas mit dem Preissystem sowie den Informations- und Buchungsmöglichkeiten zu tun. Die Verkehrsbranche arbeitet derzeit an der gemeinsamen Plattform „Mobility inside“. Wie bewerten Sie den Ansatz, es den Fahrgästen einfacher und attraktiver zu machen?

» Ludwig: Unsere Arbeitsgruppe der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag konnte „Mobility inside“ schon kennenlernen. Was vorgestellt wurde, war sehr interessant. Die DB-App ist bereits das beste Beispiel dafür, wie so etwas funktionieren kann. Wenn man das Ganze verkehrsträgerübergreifend ausweitet, gibt es eigentlich nichts Besseres für die Reisenden. Diesen Weg unterstützen wir.

» Wolff: Was bislang beim Aufbau von „Mobility inside“ geleistet wurde, ist richtig gut. Alle Beteiligten bilden eine sehr heterogene Gruppe. Wir machen das unter dem Label der Gesamtbranche, vertreten durch den VDV. 180 Unternehmen haben einen Letter of Intent unterzeichnet. Auch das private Omnibusgewerbe ist mit dabei.

» Ludwig: Es ist sinnvoll, dass ein Verband ein Dach für alle sein kann. Diese Dachfunktion strahlt Neutralität aus und verdeutlicht ein übergeordnetes Interesse.

Mehr Verkehr auf die Schiene soll auch der Deutschland-Takt bringen. Bundesverkehrsminister Scheuer sprach vom „Wow-Effekt des Bahnfahrens“. Wie weit sind wir mit diesem Effekt?

» Ludwig: Ich habe den Eindruck, dass so viel in Bewegung ist wie in den letzten Jahren zusammen nicht. Dass der Deutschland-Takt in einem Flächenland wie unserem, das über so viele Verkehrswege verfügt, nicht so leicht hinzubekommen ist wie in der Schweiz, ist auch klar. Ich glaube aber, dass wir es schaffen können, wenn wir fokussiert rangehen – wirklich die Hauptstrecken zunächst nehmen, und das dann langsam ausweiten. Aber wir müssen auch über den Güterverkehr reden. Wenn wir wirklich bei den Emissionen besser werden wollen, muss viel Verkehr vom Lkw auf die Schiene gehen. Ich bin sehr unzufrieden mit der Entwicklung der vergangenen Jahre.

Was müsste besser laufen?

» Ludwig: Ich erwarte von allen Akteuren viel mehr an Impulsen Richtung Kombiverkehre, dass langlaufende Verkehre auf die Schiene gebracht und die letzte Meile besser organisiert werden. Stichwort Einzelwagenverkehre: Das ist nicht gut gelöst. Das Angebot für Spediteure, die bereit sind zu verlagern, muss deutlich verbessert werden.

» Wolff: Bei den Spediteuren sehe ich langsam einen Wandel, weil sie durch fehlende Arbeitskräfte ein Riesenproblem bekommen. Hinzu kommt das Thema Klimaschutz. Mit Blick auf die Debatte um den Lkw-Verkehr in Tirol muss eigentlich ein südwärts fahrender Lkw in Ingolstadt runter von der Autobahn. Wir müssen den nicht auf dem Ring in München, auf der Salzburger Autobahn, im Inntal und auf dem Brenner haben. Einen Umschlagbahnhof für Güter wie Köln-Eifeltor, der eine perfekte Anlage ist, benötigen wir an drei, vier, fünf anderen Stellen in Deutschland.

Daniela Ludwig sieht die Politik und die Verkehrsunternehmen auf einem guten Weg, das Thema Lärm beim Schienengüterverkehr in den Griff zu bekommen.

Die Politik ist bereit, die Verkehrsunternehmen sind bereit, die Spediteure sind bereit. Trotzdem passiert nicht viel bei der Verlagerung. Woran liegt das?

» Wolff: Der Preis muss konkurrenzfähig werden ...

» Ludwig: ...und die Taktung. Wenn ein Spediteur sieht, dass er mit seinem Lkw schneller und termingerecht am Brenner ist und das auf der Schiene nicht schafft, wird das Angebot auf der Schiene nicht wahrgenommen – auch wenn wir die Kapazitäten auf der Strecke erhöhen. Aber wenn das Angebot nicht passt und selbst wechselwillige Spediteure an ihre Grenzen kommen, dann sitzt die Stellschraube woanders. Die Menschen, die vor Ort gegen den Ausbau von Strecken protestieren, haben Recht, wenn sie sagen: „Zeigt doch erst mal, dass die Verlagerung funktioniert, und dann reden wir über neue Trassen.“ Die Akzeptanz für mehr Güterverkehr kann nur erhöht werden, wenn wir auch die Lärmthematik in den Griff bekommen. Aber da sind wir gemeinsam mit der Branche auf einem guten Weg. Und wir müssen den Menschen wieder klar machen, dass Wohlstand auch von Mobilität und Infrastruktur abhängt. Das ist nicht mehr in den Köpfen so drin, wie es vielleicht noch vor zehn, 15 Jahren der Fall war.

» Wolff: Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass die Spediteure einen Klimabonus gezahlt bekommen, wenn sie den Weg nicht über die Straße, sondern auf der Schiene nutzen. Damit wird es etwas günstiger.

Wir müssen den Menschen wieder klar machen, dass Wohlstand auch von Mobilität und Infrastruktur abhängt.

Daniela Ludwig

Frau Ludwig, es gab in Deutschland noch nie eine Bundesverkehrsministerin. Warum eigentlich nicht? Und was würde eine Frau anders oder besser machen?

» Ludwig: Warum es bisher keine gab, weiß ich nicht. Es gibt kaum einen politischen Bereich, der facettenreicher ist als die Verkehrspolitik. Ob eine Frau oder ein Mann vorne steht, ist mir zunächst egal. Man muss bereit sein, sich in die Themen der Verkehrs­träger reinzuknien und eigene Wege zu gehen. Der Einsatz muss stimmen. Ich gehe davon aus, dass wir irgendwann eine Verkehrsministerin haben werden. Aber mit dem aktuellen Verkehrsminister bin ich hochzufrieden. Wir werden eine gute Legislatur hinbekommen. Dann gucken wir weiter.