Unterwegs im Netz

Solingen plant die Verkehrswende mit „BOB“

Eine Stadt steht unter Strom. Innerhalb der nächsten zehn Jahre will Solingen den ÖPNV vollständig elektrisch und emissionsfrei organisieren. Basis ist Deutschlands größtes Obus-Netz: Die Oberleitung wird zur intelligenten Energie-Infrastruktur, und mit Batteriestrom sollen Elektro-Busse auch ohne Fahrdraht alle heutigen Diesel-Linien bedienen.


Schon in diesem Herbst beginnt die Zukunft auf der Linie 695. Sie verbindet zwei Außenbezirke der Großstadt im Bergischen Land mit der City. Dort fährt anstelle der klassischen Dieselbusse bald der „BOB”, der Batterieoberleitungsbus. Durch die Innenstadt, wo er sich den Weg mit mehreren Obus-Linien teilt, ist das Fahrzeug als Obus unterwegs, mit den beiden Stangen des Stromabnehmers an der Oberleitung. Doch wo kein Fahrdraht hängt, werden die Stangen heruntergeklappt. Dann liefert die Batterie – zuvor aufgefüllt auf dem Abschnitt unter der Oberleitung – Antriebsenergie.

Vier BOB-Gelenkbusse mit elektrischer Ausrüstung der Düsseldorfer Kiepe Electric hat der polnische Hersteller Solaris ausgeliefert. Holger Ben Zid, Projektleiter des Stadtwerke-Verkehrsbetriebes, ist nach mehreren Monaten Testbetrieb zuversichtlich: „Wir sind guter Dinge. Unser BOB bringt das.” Doch es geht um mehr: „Was wir hier tun, ist nicht nur die Umstellung einer Dieselbus-Linie auf E-Antrieb. Es ist der Beginn eines Wechsels vom Zwei-Bus-System auf ein ökologisches Ein-Bus-System.” Und im Blick auf die vielen Branchen-Anstrengungen zum elektromobilen ÖPNV sieht sich Ben Zid im Vorteil: „Der Obus ist der einzige Elektrobus, der seit Jahrzehnten reibungslos funktioniert und flottentauglich ist. Er kostet mehr als ein Dieselbus. Doch das macht er wett durch die deutlich längere Nutzungsdauer, die letztlich zu niedrigeren Fahrzeug-Kilometerpreisen führt.”

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Vom Bund gefördert

Der Schritt zum elektrischen Ein-Bus-System ist ein Forschungsvorhaben, mit gut 15 Millionen Euro gefördert vom Bundesverkehrsministerium. Es vereint Verkehrsexperten, Energieversorger, Hochschul-Sachverstand und Berater-Know-how. Die Bergische Gesellschaft für Ressourceneffizienz, einer der Projektpartner, formuliert es so: „Das Projekt legt den Grundstein für einen ganzheitlichen Ansatz zur Verknüpfung und Optimierung von Verkehrs- und Energiefragen, um den notwendigen Systemwandel in den beiden Sektoren aktiv voranzutreiben.” Und Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach sagt voller Stolz: „Wir besitzen mit dem batteriebetriebenen Obus ein Angebot an Deutschland und an die Welt.”

Mit 50 Obussen und 46 Dieselbussen betreibt die Stadtwerke-Tochter ein rund 200 Kilometer langes Netz und davon etwa die Hälfte elektrisch. Das wird sich ändern: 16 weitere Batterie-Obusse sollen im Rahmen der Ersatzbeschaffung bestellt werden. Dieselbusse will Solingen nicht mehr kaufen. Die vorhandenen 24 Linien einfach nur nach und nach auf den BOB umzustellen, funktioniert aber nicht. Jeder der künftigen BOB muss auf mindestens einem Drittel der Strecke Strom aus der Oberleitung bekommen. Holger Ben Zid: „Dafür werden wir das seit Jahrzehnten bewährte Liniennetz völlig neu strukturieren.” Gemeinsam mit externen Verkehrsexperten wird daran getüftelt. Es geht darum, die heutige Obus-Infrastruktur, die für sechs Linien gebaut wurde, für alle künftigen Linien zu nutzen und aus Kostengründen möglichst wenig zu erweitern. „Wir wollen die Elektrifizierung verdoppeln, nicht aber die Infrastruktur”, sagt Holger Ben Zid.

Erfahrungen mit Oberleitungsbussen, die ohne Oberleitung fahren, haben die Solinger seit Langem. Die erste Fahrzeug-Generation, die ab 1952 die Straßenbahn ablöste, war mit Motoren vom VW-Käfer als Hilfsaggregat ausgestattet. Heute sind es Dieselgeneratoren als Notstrom-Versorger. Bei einer Obus-Linie werden damit heute schon Linienverlängerungen an beiden Endpunkten des Fahrdraht-Netzes betrieben. So sind bereits spezifische Techniken für das „Andrahten” und „Abdrahten” der Stromabnehmer-Stangen an die Oberleitung entwickelt und werden für den BOB-Einsatz weiter mit Sensortechnik modernisiert: Alles bedient der Fahrer per Knopfdruck vom Lenkrad aus; früher wurden die Stangen mit Muskelkraft angelegt und abgezogen.

Obus ohne Oberleitung auch in Esslingen und Eberswalde

Esslingen (Baden-Württemberg) und Eberswalde (Brandenburg) sind neben dem nordrhein-westfälischen Solingen die einzigen Städte, die ihren Nahverkehr mit Obussen und mit Dieselbussen betreiben. Auch hier setzen die Verkehrsunternehmen auf die elektromobilen Möglichkeiten der Oberleitung. In Esslingen sollen insgesamt 27 Fahrzeuge unter dem Fahrdraht und darüber hinaus mit Stromversorgung aus der Batterie fahren. In Eberswalde steht eine Regionalbus-Linie, die innerstädtisch zu 65 Prozent unter dem Fahrdraht fährt, vor der Elektrifizierung.

Für das Solinger Projekt, namentlich den Smart-Trolley-System­ansatz, interessieren sich Verkehrsunternehmen aus dem In- und Ausland. Beispielsweise wird in Marburg, bis 1968 Obus-Stadt, die Wiedereinführung von Batteriebussen und Oberleitung erwogen.

Strom für E-Autos und Pedelecs

„STS” ist die Abkürzung, die aus BOB mehr macht als ein sauberes ÖPNV-Angebot. Die Buchstaben stehen für „Smart Trolley System”. Dahinter verbirgt sich der Aufbau einer intelligenten, digital gesteuerten Ladeinfrastruktur für den mit jedem Bus-Einsatz steigenden Energiebedarf. Wie im elektrischen Schienenverkehr wird das künftige Obus-Netz auch für die „Rekuperation” ertüchtigt, die Rückgewinnung von Strom beim Bremsen. Das passiert in Solingen häufig, da die Topographie etliche Steilstrecken zu bieten hat. „Wir wollen Verkehrswende und Energiewende zusammen koppeln”, beschreibt es der Projektleiter. So sei denkbar, dass der Verkehrsbetrieb nicht nur Verbraucher ist, sondern auch Lieferant der sauberen Energie. Über entsprechende Speichermedien würde die BOB-Flotte zum „virtuellen Kraftwerk”, das überschüssigen Strom ins Mittelspannungsnetz der Energieversorger verkauft. „Da tun sich für unsere Branche völlig neue Geschäftsfelder auf”, ist sich Ben Zid sicher. „Wir können auch Ladeinfrastruktur für E-Autos und Pedelecs schaffen. Praktisch an jedem Oberleitungsmast lässt sich das installieren.”

Projektleiter Holger Ben Zid will nicht nur klimafreundlichen ÖPNV organisieren, sondern die städtische Energieversorgung revolutionieren.

Im Rahmen des auf fünf Jahre angelegten Forschungsprojektes wird auch Ökostrom aus Solarzellen ins Netz der Fahrdrähte gespeist. Photovoltaikanlagen produzieren Gleichstrom – und dieser lässt in Solingen die Obusse fahren wie anderswo Straßenbahnen und U-Bahnen. Anders als der Wechselstrom des Mittelspannungsnetzes könnte Sonnenstrom ohne Umwandlungsverluste in das Netz fließen. Und umgekehrt: „Ich stelle mir vor”, so Holger Ben Zid, „dass viele Bürger entlang unserer Obus-Trassen Photovoltaikanlagen auf ihren Dächern installieren und uns Strom für den BOB liefern. Wenn wir das Netz komplett mit regenerativer Energie betreiben und auch noch autark sind, dann ist unser System perfekt.”

Mehr Infos zum BOB
in Solingen unter:

www.bob-solingen.de