Hintergrund

Quartett mit Vorbildcharakter

Mehr Frauen in Führungspositionen: Was Dax-Vorständen Kopfzerbrechen bereitet, hat der Mobilitätsdienstleister Heag Mobilo in Darmstadt erreicht – ganz ohne Quotendruck und „eigentlich nicht der Rede wert“, wie die weiblichen leitenden Angestellten betonen. Allerdings gibt es in deutschen Verkehrsunternehmen vergleichsweise wenige Frauen in Führungsfunktionen. Oft fehlen auch Vorbilder.


Aktuell leiten vier Frauen und sieben Männer die Abteilungen bei Heag Mobilo. Insgesamt beschäftigt der Darmstädter Verkehrskonzern mehr als 700 Mitarbeiter. Auffällig hoch: der Frauenanteil in den Führungspositionen der technischen Bereiche. „Sowohl der Straßenbahnbetrieb als auch die Straßenbahnwerkstatt und die Abteilung Netz werden jeweils von einer Frau geführt“, erklärt Silke Rautenberg. Sie selbst leitet die Unternehmenskommunikation und den Vertrieb. In den technischen Bereichen liegen lediglich das Verkehrsmanagement und die Buswerkstatt in „Männerhand“. Gibt es dafür einen Grund? „Das ist Zufall“, sagt Silke Rautenberg. „Aber fragen Sie doch die Geschäftsführung.“

Matthias Kalbfuss, Vorsitzender der Geschäftsführung, bestätigt ihre Einschätzung und ergänzt: „Bei unseren Stellenausschreibungen haben wir nicht im Kopf gehabt, dass wir die Stelle mit einer Frau oder einem Mann besetzen wollen. Dass inzwischen gut ein Drittel unserer Abteilungen von Frauen geführt wird, liegt daran, dass sie sich im Bewerbungsverfahren jeweils als die am besten geeignete Person hervorgetan haben.“ Matthias Kalbfuss zeigt sich „froh darüber, dass wir heute diese Mischung in unserer Führungsriege haben. Unser Blickwinkel ist dadurch breiter geworden. Das erlebe ich als eine große Stärke.“

Ich bin froh, dass wir heute diese Mischung in unserer Führungsriege haben. Unser Blickwinkel ist dadurch breiter geworden.

Matthias Kalbfuss, Vorsitzender der Geschäftsführung Heag Mobilo

Eine der vier „Führungsfrauen“ bei den Darmstädtern ist Diplom-Mathematikerin Vera Amato. Seit 2014 leitet sie den Straßenbahnbetrieb. Darüber hinaus hat sie seit September dieses Jahres im Verkehrskonzern auch die Position als Betriebsleiterin nach BOStrab – der Verordnung über den Bau und Betrieb von Straßenbahnen – inne und ist damit unter den gut 50 Straßenbahnbetrieben in Deutschland bislang die erste und einzige Frau, die die Sicherheit und ordnungsgemäße Durchführung eines Straßenbahnbetriebs verantwortet.
In ihrer Funktion als Abteilungsleiterin Betrieb sorgt sie für einen hochwertigen Straßenbahnbetrieb. Dazu zählt auch, dass sie Fahr- und Dienstpläne optimiert, Sonderfahrpläne für größere Baumaßnahmen erstellt, die Ausbildung und Betreuung neuer Fahrer im Blick behält und verschiedene Projekte steuert, zum Beispiel zur Beschaffung der Dienstkleidung oder zur Verbesserung der Angebotsqualität. Diese Aufgaben bewältigt sie gemeinsam mit ihren rund 200 Mitarbeitern. Vera Amato kann selbst Straßenbahn fahren und schätzt an ihrem Tätigkeitsfeld bei der Heag Mobilo die Nähe zu den Mitarbeitern und benachbarten Abteilungen.

Diplom-Mathematikerin Vera Amato (l.) ist die einzige Betriebsleiterin nach BOStrab in ganz Deutschland.

Den Horizont erweitert

Die Qualifizierung zur Betriebsleiterin nach BOStrab setzt normalerweise ein abgeschlossenes Ingenieurstudium voraus. Doch auch als Mathematikerin wurde Vera Amato zugelassen. „Das hatte zur Folge, dass ich mich in die technischen Dinge etwas mehr hineinknien musste als andere“, erinnert sie sich. Dennoch hat sie die Ausbildung in der kürzestmöglichen Zeit von anderthalb Jahren geschafft. Die Prüfung umfasste die Bereiche Technik der Betriebsanlagen, Straßenbahnfahrzeuge, Betrieb, Recht und Verwaltung. Ob sie anderen empfehlen würde, sich ebenfalls an die Fortbildung zu wagen? „Ja, unbedingt“, sagt die 38-Jährige: „Es war total spannend. Die Ausbildung hat mir viele Einblicke in andere Bereiche und Verkehrsbetriebe gebracht und meinen Horizont erweitert. Darüber hinaus bin ich mit vielen interessanten Menschen in Kontakt gekommen. Auf der anderen Seite war klar: Ich hatte anderthalb Jahre lang kaum Freizeit oder Urlaub. Es war eine sehr intensive Zeit.“

Den Rücken gestärkt

Schon im Bewerbungsgespräch hatte die in Rheinhessen aufgewachsene Frau deutlich gemacht, dass eine eigene Familie zu ihrem Lebensplan gehöre. Kurz nach ihrer Prüfung zur Betriebsleiterin wurde Vera Amato Mutter. Das Unternehmen zeigte sich bereit zu Lösungen wie flexiblen Arbeitszeiten, teilweise Homeoffice und monatlich anpassbaren Teilzeitmodellen. So stieg sie fünf Monate nach der Geburt wieder ein. „Wobei ich fast nahtlos im Kontakt geblieben bin. Die Geschäftsführung hat mir den Rücken gestärkt und wusste umgekehrt, dass sie sich auf mich verlassen kann. Die Tage im Büro sind anspruchsvoll, aber ein ganzer Tag soll auch meinem Sohn gehören. Er gleicht mich zudem wunderbar aus“, sagt Vera Amato und lacht.

Silke Rautenberg (o.) steuert die Unternehmenskommunikation und den Vertrieb,
Astrid Tschann (u.) die Abteilung Netz.

Wie Vera Amato hat auch Ann-Kristina Natus (siehe Gruppenbild oben, 4. v. l.) ihre erste Berufserfahrung bei der Deutschen Bahn gesammelt. Sie war schon in Darmstadt zur Schule gegangen und hatte dort auch ihr Maschinenbaustudium absolviert. Die Aussicht, in ihrer Heimatstadt den ÖPNV maßgeblich mitgestalten zu können, war für sie die Motivation, sich als Werkstattleiterin ans Böllenfalltor zu bewerben. Seit fast vier Jahren leitet die 37-Jährige die Straßenbahnwerkstätten und das Gebäudemanagement mit rund 70 Mitarbeitern. Der Fuhrpark der Heag Mobilo umfasst drei Generationen Straßenbahnen mit 48 Triebwagen und 30 Beiwagen. Der Gang durch die Werkstatt gehört für Ann-Kristina Natus zum Tagesgeschäft, genauso wie der enge fachliche Dialog mit ihren Mitarbeitern.

HEAG mobilo
in Darmstadt

Heag Mobilo engagiert sich für einen attraktiven und leistungsfähigen Nahverkehr in Darmstadt und Südhessen. In der Region gilt das Unternehmen als der führende Mobilitätsdienstleister. Tochterunternehmen sind die Heag Mobitram (Straßenbahnbetriebsgesellschaft in Darmstadt) und die Heag Mobibus (Buslinien- und Gelegenheitsverkehr). Als Dachspartengesellschaft im Heag-Konzern kümmert sich Heag Mobilo unter anderem um das Verkehrsmanagement, um grundlegende Leistungen für die Infrastruktur und um den Vertrieb. 2017 beförderte der Konzern 50,5 Millionen Fahrgäste.

Seit Februar dieses Jahres liegt bei der Heag Mobilo auch die Abteilung Netz in Frauenhand. Die studierte Bauingenieurin Astrid Tschann hatte zunächst mehrere Jahre in einem Darmstädter Verkehrsplanungsbüro gearbeitet und war anschließend auf die Verwaltungsseite gewechselt. Bei der Stadt Offenbach leitete sie das Referat Verkehrsplanung und war persönliche Referentin des grünen Bürgermeisters. 2015 kam sie zurück nach Darmstadt, um als Referentin im Planungsdezernat der Stadt zu arbeiten. Über ihre letzte Stelle bei der Stadt Darmstadt hat sie auch die Geschäftsführung der Heag Mobilo kennengelernt. Ebenfalls mit der Aussicht, im Verkehrsunternehmen den ÖPNV in und um Darmstadt mitzugestalten und wieder ein eigenes Team zu leiten, folgte sie deren Angebot gern. Ihre Abteilung Netz umfasst die drei Sachgebiete elektrische Betriebsanlagen, Fahrweg sowie Planung und Projektierung mit insgesamt 56 Mitarbeitern. In ihrer Verantwortung liegen die Wartung und Instandhaltung von mehr als 40 Kilometern Gleistrasse – einschließlich Haltestellen, Fahrkartenautomaten, Fahrleitungen und dynamischen Fahrgastinformationsanzeigern. Darmstadt und auch einige Kommunen im Landkreis Dieburg wollen den ÖPNV weiter ausbauen. Dazu soll auch das Straßenbahnnetz wachsen. Ihre Erfahrung aus kommunalen Verwaltungen ist für Astrid Tschann ein großes Pfund, denn die diversen Großbaumaßnahmen erfordern eine enge Abstimmung mit den Kommunen im Netz der Heag Mobilo, das weit bis in den Landkreis Darmstadt-Dieburg hineinreicht. Dass Gleisbau nicht nur Freunde macht, merkt Astrid Tschann gelegentlich auch im privaten Umfeld. Da kommt es schon mal zu Diskussionen mit Nachbarn und Bekannten, die wegen nächtlicher Gleisarbeiten schlecht geschlafen haben oder über den Sinn einer Straßenbahn-Verlängerung reden möchten. Dann fragt zum Beispiel die Metzgerin: „Was haben Sie denn da wieder gemacht?“ Astrid Tschann scheut solche Diskussionen nicht und bleibt dabei gelassen: „Konflikte sind etwas Natürliches. Ich versuche nicht, sie zu vermeiden, und auch nicht, sie zu provozieren.“

Erfahrung in Politik und Verwaltung gesammelt

Astrid Tschann sieht sich als Generalistin. Das zeigen auch ihre Studienschwerpunkte in Kaiserslautern: Verkehrsplanung, Städtebau und Raumplanung, kombiniert mit wirtschaftswissenschaftlichem Marketing, Marktforschung und Politik; Exkursionen in andere Studiengänge inklusive: „Die Philosophen behandelten in einem Seminar das Thema Geschwindigkeit. Das hat mir nochmal einen ganz neuen Blick auf das Thema Mobilität ermöglicht.“ Die 43-Jährige stammt aus Feldkirch in Österreich. Nach der achten Klasse besuchte sie eine Fachschule für Hoch- und Tiefbau. Ein Tag pro Woche war für die Praxis reserviert: Mauern, Zimmern, Schweißen, Steckdosen montieren. „Diese Erfahrungen helfen mir bis heute“, sagt Astrid Tschann. „Schweißen könnte ich zwar nicht mehr, aber die Mitarbeiter merken, dass sie mit ihrer Chefin auf Augenhöhe reden können.“ Wichtig ist ihr dabei, ihren Mitarbeitern zu vermitteln, dass sie in ihren Jobs die Experten sind. Mitarbeiter zu führen und die Aufgaben, die sich dem Verkehrskonzern stellen, gemeinsam im Team zu lösen – das macht ihr heute am meisten Freude.

Weitere Informationen:
www.heagmobilo.de

Nachgefragt

Verändert sich die Art der Führung, wenn mehr Frauen in Leitungsfunktionen eines Unternehmens sitzen? Was machen sie womöglich anders als Männer? Und wie wichtig ist ihnen die Mitarbeit in Netzwerken? „VDV Das Magazin“ hat darüber mit Silke Rautenberg, Vera Amato und Astrid Tschann gesprochen.

Frau Rautenberg, Ihr Eindruck als Kommunikatorin: Wie hat sich der höhere Anteil an Frauen in Leitungsfunktionen bei der Heag Mobilo ausgewirkt?
» Silke Rautenberg: Verglichen mit der Zeit, als ich noch nicht so viele Kolleginnen hatte, ist das Miteinander zwischen den Abteilungen deutlich enger geworden. Der Austausch ist intensiver. Aber das mag auch mit den veränderten Anforderungen zusammenhängen. Ohne eine enge Abstimmung zwischen den Abteilungen geht es nicht.

Hier am Tisch machen Sie auf uns den Eindruck, dass Sie ein gutes Team bilden. Wie ist das im Arbeitsalltag?
» Silke Rautenberg: Es gibt natürlich auch Themen, bei denen wir unterschiedlicher Auffassung sind - Schienenersatzverkehre sind zum Beispiel so ein Konfliktthema.
» Vera Amato: Das stimmt. Was mir auffällt und auch Spaß macht: Mit den Kolleginnen hier kann ich sehr lösungsorientiert arbeiten. In der Sache versuchen wir, für das Gesamtunternehmen den besten Weg zu finden und nicht, den eigenen Verantwortungsbereich in den Vordergrund zu stellen. Also eben nicht nach dem Motto: Wer hat die meisten Mitarbeiter? Wer hat das größte Budget?
» Astrid Tschann: Wobei ich davon überzeugt bin, dass wir auch unsere Gestaltungsmöglichkeiten für unsere Ziele zu nutzen wissen.
» Silke Rautenberg: Sonst würde man auch untergehen. Man kommt nicht in eine Führungsposition ohne ein gewisses Durchsetzungsvermögen.
» Astrid Tschann: Was uns hier am meisten verbindet – ob das etwas Frauenspezifisches ist, weiß ich nicht: Wir profitieren von einem ähnlichen Kooperationsverständnis. Klar, jede hat eine Aufgabe, die sie bestmöglich erfüllen möchte und für die sie sich einsetzt. Doch es bringt nichts, als alleiniger Sieger aus einem Konflikt herauszugehen. Wir versuchen, das Beste herauszuholen und an den Schnittstellen so zu kämpfen, dass wir am Ende das beste Ergebnis für das Unternehmen erzielen.
» Silke Rautenberg: Dieses Streiten für die Sache ist ein ­wichtiger Punkt. Es gibt natürlich immer verschiedene Blickwinkel…
» Astrid Tschann: Gerade zwischen Betrieb und Infrastruktur ist es nicht immer einfach. Der Betrieb erwartet von mir, dass die Infrastruktur sicher und störungsfrei funktioniert. Um das zu gewährleisten, muss ich mit meinem Team bestimmte Arbeiten regelmäßig und auch unregelmäßig durchführen. Folglich werden wir zu Störern des Betriebs. Dieser Zielkonflikt führt manchmal zu Missverständnissen und Spannungen. Vera Amato und ich hatten heute auch so einen Termin zu einem Thema, bei dem es zwischen den Mitarbeitern geknirscht hat. Wichtig war aber, dass die Mitarbeiter verstanden haben, dass ihre beiden Vorgesetzten einen kooperativen Lösungsweg erwarten. Wir haben daher unsere Mitarbeiter darin bestärkt, Dampf abzulassen. Denn sobald die Bedürfnisse der einzelnen Personen bekannt sind, entsteht Verständnis füreinander, und daraus ergeben sich neue Lösungsansätze.
» Vera Amato: Am Ende mussten wir als Chefinnen keine Vorgabe machen. Wir konnten einfach verfolgen, wie unsere Mitarbeiter gemeinsam Lösungen entwickelt haben.

Immer wieder wird betont, wie wichtig Netzwerke sind.
Wo sind Sie aktiv?
» Vera Amato: Als technische Führungsfrauen engagieren wir drei uns bei Mentoring Hessen, einem Netzwerk von Hochschulen und Unternehmen, das Frauen in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen fördert und in Führungspositionen bringen möchte. Darüber hinaus engagiert sich die Heag Mobilo im Hessen-Technikum, in dem ich Beirat bin. Das Netzwerk bietet Schulabsolventinnen die Möglichkeit, an Universitäten und in Unternehmen in die naturwissenschaftliche Berufswelt hineinzuschnuppern. Wir unterstützen zudem Studentinnen hiesiger Hochschulen bei ihren Studienabschlussarbeiten. Das gilt aber auch für Männer.
» Astrid Tschann: Neben meiner Tätigkeit als Mentorin bin ich Mitglied im Deutschen Ingenieurinnenbund (dib). Der Verein setzt sich seit 30 Jahren für Frauen in technischen Berufen ein und organisiert sich in 22 Regionalgruppen.
» Silke Rautenberg: Darüber hinaus treffen wir uns regelmäßig mit anderen weiblichen Führungskräften im Darmstädter Stadtkonzern im Rahmen des Netzwerks „Women and Network“. In diesem Forum tauschen wir uns aus und vernetzen uns.

Was würden Sie jungen Frauen raten, die sich für einen MINT-Beruf in der Verkehrsbranche interessieren beziehungsweise in der Verkehrsbranche Fuß fassen wollen?
» Vera Amato: Mein wichtigster Rat: auf die eigenen Neigungen hören und die Möglichkeiten nutzen, um die eigenen Interessen zu verifizieren, zum Beispiel durch Praktika oder die VDV-Sommeruniversität. Wer ein tiefes Interesse an der Branche und ihren Fragestellungen ausstrahlt, wird einen Einstieg finden, der zu einem passt.
» Silke Rautenberg: Es ist aber genauso wichtig, dass sich auch die Unternehmen öffnen. Technisches Interesse zu wecken, gelingt am besten bei den ganz Jungen. Wir beteiligen uns seit gut zwölf Jahren am Girls‘ Day. Einmal pro Jahr schnuppern dann elf- bis 14-jährige Mädchen bei uns Werkstattluft. Selbst zu löten und zu schleifen, finden sie ganz toll. Oft sind darunter auch Töchter von Mitarbeitern. Diese familiären Begegnungen am Arbeitsplatz können wichtige Impulse geben. Praktika sind ebenfalls ein guter Einstieg, um sich für vermeintliche Männerberufe zu interessieren.

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Artikel veröffentlicht: 10.12.2018
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