Aus dem verband

Schienengüterverkehr

Breites Bündnis will die Trendwende einleiten

Güter verstärkt auf die Schiene: Für mehr Gleisanschlüsse setzt sich auf Initiative des VDV ein breites Bündnis aus Industrie, Handel, Logistik und öffentlichen Einrichtungen ein. In einer gemeinsamen Charta machen die Unterzeichner mehr als 50 konkrete Vorschläge, wie leistungsfähige und wirtschaftliche Transportsysteme im Kombinierten Verkehr und im Wagenladungsverkehr angeboten werden können.


Die Abwärtsspirale im Schienengüterverkehr endlich stoppen und gemeinsam die Trendwende einleiten: Das wollen die 40 Unterzeichner der vom VDV initiierten Gleisanschluss-Charta. Die Übersicht der Verbände, die sich dafür engagieren, liest sich wie ein branchenübergreifendes „Who is who“ der deutschen Wirtschaft. Vertreten sind namhafte Organisationen der Industrie wie der BDI sowie Vertreter von Handel, der verladenden Wirtschaft, der Speditions- und Logistikverbände sowie Interessensvertreter öffentlicher Einrichtungen. Aus den Reihen der Unternehmen kommen weitere Unterstützer hinzu . „Politik, Wirtschaft und weite Teile der Bevölkerung setzen sich immer stärker für eine Verkehrsverlagerung auf die Schiene ein und damit für mehr Klimaschutz, bessere Mobilität und echte Nachhaltigkeit“, verdeutlicht Joachim Berends, VDV-­Vizepräsident für den Bereich Schienengüterverkehr.

Wegen hoher Zusatzkosten werden Gleisanschlüsse aufgegeben beziehungsweise nicht gebaut. Hier muss sich die öffentliche Hand finanziell deutlich mehr engagieren.

Dr. Agnes Eiband, Geschäftsführerin
ERFA Gleisanschluss GmbH

Marktanteil der Schiene stagniert

Die Situation im Schienengüterverkehr ist für alle Beteiligten alles andere als zufriedenstellend. Zwar konnte die Schiene in den vergangenen 25 Jahren ihre Transportleistung bei Waren und Gütern nahezu verdoppeln, aber dieses Wachstum geht in erster Linie auf den Kombinierten Verkehr (KV) zurück. Hier gibt es zahlreiche Beispiele, wie Transporte erfolgreich von der Straße geholt werden konnten. Allein zwischen 2005 und 2013 wuchs der KV laut Statistischem Bundesamt um 50 Prozent. Mittlerweile erbringt er als stärkstes Segment im Schienengüterverkehr fast 40 Prozent der Verkehrsleistung, gefolgt vom Ganzzugverkehr (34 Prozent) und vom Einzelwagen- beziehungsweise Wagengruppenverkehr. Letztere sind jedoch nicht mitgewachsen und haben einen Anteil von nur noch 25 Prozent. Insgesamt stagniert der Anteil des Schienengüterverkehrs am Modal Split – der Aufteilung des Verkehrsaufkommens nach Verkehrsträgern – seit Jahren bei 18 Prozent. Stark zurück ging die Zahl der Gleisanschlüsse von Industrie, Handel und Logistik. Die jüngsten Erhebungen der Bundesnetzagentur legen nahe, dass von 11.000 Gleisanschlüssen im Jahr 1997 derzeit nur noch 2.000 geblieben sind. Exakte amtliche Zahlen existieren jedoch nicht. Der Rückgang lässt darauf schließen, dass der eigene Gleisanschluss für Unternehmen zunehmend unattraktiv wird. Finanzielle und bürokratische Hürden schrecken Interessenten und Nutzer. Das hat negative Folgen für bestehende und künftige Angebote auf der Schiene, die auf Gleisanschlüsse und kundennahe Zugangsstellen aufbauen – wie die Wagenladungsverkehre. „Damit auch diese Systeme einen Beitrag zum Verkehrswachstum auf der Schiene leisten können, bedarf es einer Stärkung ihrer Zugangsstellen“, erläutert Joachim Berends: „Dafür setzen wir uns im Rahmen dieses Bündnisses ein.“

Insbesondere die Binnenhäfen als trimodale Standorte ermöglichen eine optimale Verknüpfung der Verkehrsträger und sollten bei verkehrspolitischen Entscheidungen stärker berücksichtigt werden.

Elisabeth Lehnen, Geschäftsführerin Hafen Krefeld

Die Charta knüpft an den Masterplan aus dem Jahr 2017 an, der den Schienengüterverkehr fit für die Zukunft machen und ihm Wachstumspotenziale erschließen soll. In der Charta werden mehr als 50 umsetzungsreife Vorschläge aufgelistet, die Schiene zu stärken und mehr Waren und Güter per Bahn zu transportieren. Anders als ihr Name vermuten lässt, beschränkt sich die Charta dabei nicht nur auf die Gleisanschlüsse. Zudem regt sie an, auf welche Weise trimodale Knoten wie See- und Binnenhäfen beziehungsweise multimodale Knoten wie Industrie-, Gewerbe- und Logistikparks gestärkt werden können. Gleiches gilt für vorgelagerte Infrastrukturen – Rangier- und Abstellgleise, Bahnhöfe zur Bildung und Auflösung von Zügen und Zulaufstrecken. „Das Ziel ist es, dem Markt leistungsfähige und wirtschaftlich darstellbare Transportsysteme im Kombinierten Verkehr und im Wagenladungsverkehr anbieten zu können“, verdeutlicht Joachim Berends.

Ein LEITFADEN zu mehr Güterverkehr auf der Schiene

Der Marktanteil des Schienengüterverkehrs in Deutschland soll bis 2030 von derzeit 18 auf 25 Prozent ausgebaut werden. Wie der Zugang zur Schiene ausgeweitet und vereinfacht werden kann, hat der VDV in der Gleisanschluss-Charta zusammengefasst - eine Art Leitfaden zu mehr Güterverkehr. Die Charta steht in einer Lang- und Kurzfassung zum Download unter:
www.gleisanschluss-charta.de

Die Förderung von Gleisanschlüssen wird nur dann ihre volle Wirkung erzielen, wenn auch die vorgelagerte Gleisinfrastruktur berücksichtigt wird und dort wieder ausreichende Kapazitäten in technisch einwandfreiem Zustand geschaffen werden.

Marcel de la Haye, Geschäftsführer
Dortmunder Eisenbahn

Marktanteil bis 2030 deutlich ausbauen

„Wir werden uns jeden einzelnen Vorschlag ansehen und gemeinsam einen Machbarkeits-Check durchführen“, versprach Enak Ferlemann, Beauftragter der Bundesregierung für den Schienenverkehr. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur zeigte sich zudem erfreut, dass so viele Akteure aus der Branche gerade zum jetzigen Zeitpunkt „dieses sehr wichtige Themenfeld“ aufgreifen und an die Öffentlichkeit bringen: „So können wir den Schwung für den Neustart der Gleisanschlussförderung nutzen.“ Sein Ressortchef, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, hatte als Beitrag zur Debatte um mehr Klimaschutz bei anderer Gelegenheit gefordert, den Anteil des Schienengüterverkehrs in Deutschland bis 2030 zu verdoppeln. Derzeit ersetzt der Schienengüterverkehr täglich die Fahrten von 77.000 voll beladenen Lkw.

Die Unterzeichner und Unterstützer der Charta weisen unter anderem darauf hin, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen nur greifen können, wenn beispielsweise See- und Binnenhäfen sowie Industrie-, Gewerbe- und Logistikparks für den Schienengüterverkehr attraktiver werden. Dass der von guten Zugangsmöglichleiten zum Bahnnetz lebe, erläuterte Dr. Torsten Sevecke und verwies auf den Hamburger Hafen als größten Eisenbahnhafen Europas. Der ist „ein zentraler Start- beziehungsweise Zielpunkt für Güterverkehr, den wir stärken wollen“, so der Staatsrat der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation der Freien und Hansestadt Hamburg.

Die Kommunen haben ein großes ­Interesse daran, dass mehr Güter auf der Schiene am Stau vorbei bis in die Gleisanschlüsse und kundennahen Zugangsstellen transportiert werden.

Rouven Kötter, Mobilitätsdezernent
Regionalverband FrankfurtRheinMain

Jeder der 50 umsetzungsreifen Vorschläge ist dabei ein Mosaikstein, der zwar allein noch nicht den gewünschten Effekt erzielen kann. Werden die Vorschläge jedoch in ihrer Gesamtheit umgesetzt, versprechen sich die Initiatoren der Charta davon höhere Chancen, mehr Güterverkehr über die Schiene abzuwickeln. Adressaten sind Bund, Länder und Kommunen, aber auch die Vertreter aus den eigenen Reihen. Schließlich soll die Charta auch eine Art Selbstverpflichtung der Branche sein. Weitere Unterzeichner und Unterstützer sind derweil noch willkommen.

Drei
Fragen an

Georg Lennarz (Foto) leitet beim VDV den Fachbereich Marktfragen Güterverkehr und war maßgeblich daran beteiligt, das Verbändebündnis zu schmieden.

Herr Lennarz, warum ist es wichtig, den Schienengüterverkehr wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken?
» Georg Lennarz: Wenn es darum geht, die klima- und verkehrspolitischen Ziele zu erreichen, spielen Gleisanschlüsse, Umschlagterminals, öffentliche Ladestellen sowie Häfen, Gewerbe- und Logistikparks und die vorgelagerte Eisenbahninfrastruktur eine wichtige Rolle. Darüber muss auch auf politischer Ebene stärker diskutiert werden. Die Gleisanschluss-Charta bietet für den Austausch aller beteiligten Akteure eine gute Gesprächsgrundlage.

Was versprechen Sie sich darüber hinaus von der Charta?
» Die Umsetzung der Charta würde einen Rahmen für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung des Schienengüterverkehrs schaffen. Uns geht es darum, dass die Schiene in allen Segmenten wächst – nicht nur im KV, sondern auch im Ganzzug- und im Einzelwagenverkehr. Bei den Unternehmen der verladenden Wirtschaft und aus dem Bereich Logistik stelle ich ein wieder wachsendes Interesse am eigenen Gleisanschluss fest. Wenn die Zahl der Gleisanschlüsse wieder steigt, würden wir das natürlich begrüßen.

Wie gestaltete sich die Arbeit am Verbändebündnis?
» Mit anderen Verbänden aus dem Bereich Verkehr und Logistik arbeitet der VDV seit jeher intensiv zusammen. Wenn wir einen Verband wie den BDI für unser Anliegen gewinnen konnten, kamen darüber weitere Verbände hinzu. Wie ein Schneeball ist das Netzwerk immer größer geworden. Die breite Unterstützung für die Charta zeigt, wie dringlich und notwendig die gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten ist. Wir wollen, dass die Eisenbahn und die Wirtschaft vor Ort nah beieinander bleiben. Das ist auch für die Kommunen interessant. Denn kundennahe Schnittstellen tragen dazu bei, die örtlichen Straßen zu entlasten.

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