Hintergrund

„Nicht der Preis entscheidet, sondern die Gesamtkosten“


Der erste Euro wird bekanntlich im Einkauf verdient. Frei nach dieser Faustregel kann dort auch die erste Tonne CO2 eingespart werden. Dieses Thema will der VDV-Unterausschuss für Nachhaltigkeit stärker ins Bewusstsein rücken – und appelliert an die Verantwortlichen, bei der Sicht auf die Kosten einen Perspektivwechsel zu wagen.


Auch im vergangenen Jahr ist es Deutschland nicht gelungen, den selbst gesteckten Zielen beim Klimaschutz näher zu kommen. Im Gegenteil: Der Ausstoß des Treibhausgases CO2 stieg um etwa vier Millionen Tonnen gegenüber 2015 auf rund 906 Millionen Tonnen an. Vor allem der Verkehrssektor – und hier der motorisierte Individualverkehr – hinkt dem Klimaschutzplan der Bundesregierung hinterher. Zahlreiche Verkehrsunternehmen haben sich das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben und nehmen ihre Verantwortung in ihrer Region ernst: in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht. Rückendeckung gibt es vom neuen Vergaberecht. Das trat im April vergangenen Jahres in Kraft. „Es sieht unter anderem vor, dass in allen wesentlichen Phasen bei der Vergabe von Investitions- und Dienstleistungsaufträgen nicht nur Qualität und Innovation ausschlaggebend sein sollen“, erläutert Christof Helfrich, der im VDV-Unterausschuss für Nachhaltigkeit die Sichtweise des Einkaufs einbringt.

Im Hauptberuf leitet Helfrich den Zentralbereich Einkauf der Nürnberger N-ergie Aktiengesellschaft, der auch für die Städtischen Werke Nürnberg und das Verkehrsunternehmen VAG zuständig ist. Auch die N-ergie hat in der Unternehmenspolitik „bei Beschaffungsvorgängen Nachhaltigkeit und Energieeffizienz von Unternehmen als Entscheidungskriterium“ verankert, so der Wortlaut. Allein das Beschaffungsvolumen der VAG belief sich im vergangenen Jahr auf 102 Millionen Euro.

Die Gestaltung der Vergabekriterien kann den nachhaltigen Dreiklang – sozial, ökologisch, ökonomisch – untermauern.

Christof Helfrich, Leiter Zentralbereich Einkauf N-ergie AG

LEBENSZYKLUSKOSTEN:
EINE FRAGE DER SICHTWEISE

In allen Phasen einer Beschaffung – von der Konzeption über die Ausschreibung bis zur Umsetzung – können neben den wirtschaftlichen Kriterien auch umweltbezogene, soziale und innovative Aspekte miteinbezogen werden. Kurz gesagt: die Nachhaltigkeit. Zu diesen Aspekten gehören Eignungskriterien, technische Spezifikationen in der Leistungsbeschreibung, die Zuschlagskriterien und die Bedingungen für die Ausführung des Auftrags. Christof Helfrich sagt dazu: „Nicht der Preis ist entscheidend, sondern die Gesamtkosten.“ Helfrich wirbt bei seinen Kollegen aus den Einkaufsabteilungen der kommunalen Unternehmen beziehungsweise der Verkehrsbetriebe dafür, die Gesamtkosten über die Lebensdauer eines Produkts (Life Cycle Costing) stärker zu betrachten. Denn je nach Sichtweise können die sehr unterschiedlich ausfallen – und möglicherweise dazu führen, dass die Kaufentscheidung zugunsten der weniger nachhaltigen Variante ausfällt. Zum Beispiel bei der Anschaffung eines Diesel- oder Elektrobusses: Werden die Lebenszykluskosten eines Linienbusses rein betriebswirtschaftlich betrachtet, schneidet ein konventioneller Stadtbus mit Dieselantrieb bei den Gesamtkosten deutlich besser ab als sein elektrisch angetriebenes Pendant. Erweitert man jedoch die betriebswirtschaftliche Sichtweise um volkswirtschaftliche Maßstäbe – etwa um die entsprechenden Kosten, die Lärm- und Schadstoffemissionen verursachen – hat der E-Bus die Nase vorn (siehe Grafik oben).

Ihre Bahnen betreibt die VAG ausschließlich mit Ökostrom.

Foto: VAG/Dieter Kachelrieß

Vergabekriterien nachhaltig gestalten

Unternehmen verfügen über zahlreiche Möglichkeiten, nachhaltige Kriterien in ihren Beschaffungsprozess zu integrieren und so ihre gesellschaftliche Verantwortung in Vergabeentscheidungen umzusetzen. Schon bei der Ausschreibung eines Auftrags und in den Vergabeunterlagen sollten die Kriterien bekanntgegeben werden, nach denen mögliche Auftragnehmer bewertet werden, empfiehlt Christof Helfrich: „Die Gestaltung dieser Kriterien kann den nachhaltigen Dreiklang – sozial, ökologisch, ökonomisch – untermauern.“ Wie sich das auf die Bewertung eines Bieters auswirkt, erläutert Helfrich an einem Beispiel aus der Praxis seines Einkaufs. Der bewertet mögliche Auftragnehmer nach einem Punktesystem. Zum Beispiel bei der Vergabe von Reinigungsarbeiten (siehe Grafik Seite 23): In den Kategorien Leistung, Qualität, Umwelt, Plausibilität und Preis kann der Bewerber eine maximale Punktzahl erzielen. Je nachdem, welche Bedeutung die jeweilige Kategorie für das Unternehmen besitzt, bewegt sich diese Punktzahl zwischen neun und 40. Der beste Anbieter kann insgesamt 100 Punkte holen, die jeweils höchste erreichte Punktsumme macht dann das wirtschaftlichste Angebot aus.

Hallenbeleuchtung: PachtLösung spart Geld

Nach 35 Jahren im Betrieb war die Beleuchtungsanlage einer großen Buswerkstatt der VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft sanierungsbedürftig. Der Energieverbrauch war hoch und die Lichtleistung unzureichend. Um den hohen Energieverbrauch zu reduzieren, die Beleuchtungsanlage wirtschaftlich zu betreiben und das Licht zu verbessern, wurden die bestehenden Leuchtstofflampen durch moderne LED-Technologie ausgetauscht. Diese Maßnahme in Form einer Pachtlösung setzte die VAG gemeinsam mit dem N-ergie-Tochterunternehmen N-ergie Effizienz GmbH um, die die komplette neue Hallenbeleuchtung zur Verfügung stellt und die Planung und Installation, die Störungs- und Verbrauchsüberwachung sowie die Messung und Dokumentation des Stromverbrauchs übernimmt. Die Finanzierung erfolgt über die Energieeinsparung durch die Anlage. Der Effizienzfortschritt der neuen Anlage beträgt im Vergleich zur Altanlage 40 Prozent. Insgesamt wurden 682 neue Leuchten installiert mit einer Gesamtleistung von 26 Kilowatt. Im Rahmen der Modernisierung wurde eine gleichzeitig anstehende Aufrüstung der Hallenbeleuchtung auf eine höhere Beleuchtungsstärke (neue Arbeitsstättenrichtlinie) umgesetzt. Bei gleichbleibendem Energieverbrauch ergibt die neue Beleuchtungsanlage fast die doppelte Lichtstärke, was für die Beschäftigten eine enorme Verbesserung bedeutet. Mit der Umrüstung der Buswerkstatt auf LED-Technik haben sich nicht nur die Arbeitsbedingungen verbessert, sondern die Energie wird auch effizienter eingesetzt und die VAG erzielt einen wirtschaftlichen Nutzen.

Innerhalb dieses Rahmens gibt es Gestaltungsmöglichkeiten. „Bei den Eignungskriterien haben wir insbesondere die Aussagen zum Tariflohn bewertet“, bringt Christof Helfrich die soziale Komponente des nachhaltigen Dreiklangs ins Spiel: „Schließlich müssen alle Vorschriften aus dem Arbeitnehmer­entsendegesetz und dem Mindestlohngesetz eingehalten werden.“ Beim Thema Mindestlohn sehen die Nürnberger genau hin. Ob die Auftragnehmer alle zugesicherten Standards einhalten, prüft ein speziell für Lieferanten-Audits geschulter Mitarbeiter des Einkaufs nach – auch schon mal nachts und vor Ort.

Die vielfältigen Schnittstellen, die Einkaufsabteilungen innerhalb ihres Unternehmens und nach außen zu Lieferanten haben, böten noch viel Potenzial, den Wandel in Richtung Nachhaltigkeit zu gestalten, ist sich Christof Helfrich sicher. Er ermutigt die Verantwortlichen, schon bei den Ausschreibungen und schließlich bei den Vergabe-Entscheidungen selbstbewusster zu agieren: „Wir alle müssen noch mehr tun.“

VERGABE VON REINIGUNGSARBEITEN: WIE DIE VAG BIETER BEWERTET
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