Hintergrund

„David kann auch etwas“

Die neuen Güterwagen sind leichter, wirtschaftlicher, und sie können mehr als ihre Vorgänger: Dieses Fazit hat die Arbeitsgemeinschaft aus DB Cargo und VTG zum Abschluss eines zweieinhalb Jahre laufenden Forschungsprojekts gezogen. Weiteres Ergebnis: Die Branche hat ihre Innovationsfähigkeit unter Beweis gestellt, und sie kann diese Innovationen vorantreiben.


„Aufbau und Erprobung Innovativer Güterwagen“ lautete selbstredend der Name des Forschungsprojekts. Ganz pragmatisch könnte die Absicht dahinter wie folgt beschrieben werden: „Einfach mal etwas ausprobieren.“ Das haben die Güterbahn DB Cargo und der Schienenlogistiker VTG zweieinhalb Jahre lang gemacht. Zwölf Monate schickten sie einen „Demonstratorzug“ quer durch Europa. Mit ihm sammelten die beiden Akteure im Schienengüterverkehr sowie Wissenschaftler und Waggonbauer wertvolle Erkenntnisse, wie die Schiene im Wettbewerb stärker werden kann. „David kann auch etwas“, schmunzelt Dr. Holger Schmidt mit Blick auf den „Goliath“ Lkw. „Teil des Projekts war es unter anderem, dass wir Güterwagen mit bestimmten Modulen ausgestattet haben und mit bestimmten Komponenten standardisiert haben“, erläutert der Leiter des Technischen Managements der DB in Minden. Auf diese Weise sind die Wagen den Wünschen der Kunden angepasst worden. Neue digitale Module verbessern beispielsweise die Abfertigung und den Betrieb. „Das wird uns helfen, weitere Branchen für den Schienengüterverkehr zu öffnen.“ Der kann auf diese Weise insgesamt wirtschaftlicher werden.

Im Demonstratorzug hat sich der Autotransport-Waggon bewährt.

Das Projekt war im Herbst 2016 gestartet, der Demonstratorzug ging im März 2018 in den Probebetrieb und legte 150.000 Kilometer quer durch Europa zurück. Eigentlich nicht viel, aber dennoch ausreichend, um genug Erfahrungen für den Fahrzeugbau und den Schienengüterverkehr der Zukunft zu sammeln. „Bei der Gestaltung der Waggons gibt es noch einiges an Möglichkeiten, etwa die Leichtbauweise und modulare, flexibel anpassbare Aufbauten“, erklärt Holger Schmidt. Und: Bei den Lärm reduzierend wirkenden technologischen Maßnahmen zeigt sich ein differenziertes Bild. Beispielsweise ist der Aufwand für schallabsorbierende Schürzen am Drehgestell sehr hoch. Die lärmreduzierende Wirkung fällt jedoch gegenüber den innovativen Radsätzen vergleichsweise gering aus. Im Rahmen der 150.000-Kilometer-Erprobung zeigten die innovativen Radsätze mit verschiedenen Technologien zur Lärmreduktion gegenüber dem geltenden Grenz­wert von 83 dB(A) einen Lärmvorteil im Bereich von 5 dB(A). Die Nachhaltigkeit sowie die längerfristige Betriebsfähigkeit der getesteten Komponenten müssen jedoch noch validiert werden.

Der Aufwand für schallabsorbierende Schürzen am Drehgestell erwies sich als hoch, während die lärmreduzierende Wirkung vergleichsweise gering ausfiel.

DB Cargo bestellte 300 Wagen

Mit etwa 20 Millionen Euro hatte das Bundesverkehrsministerium (BMVI) das Projekt „Innovativer Güterwagen“ finanziert. Sämtliche Beschaffungskosten in Höhe von 4,5 Millionen Euro übernahmen die Projektpartner DB Cargo und VTG. Beide Unternehmen wollen weiter daran arbeiten, auf der Basis eines modularen Untergestells multifunktionale Wagen zu entwickeln. Unterdessen hat DB Cargo bereits den Bau von mehr als 300 dieser innovativen Güterwagen in Auftrag gegeben. „Mit ihnen erhöhen wir nicht nur die Qualität und Wirtschaftlichkeit unserer Transporte, sondern bieten unseren Kunden einen Mehrwert“, erläutert Vorstandsvorsitzender Dr. Roland Bosch. Auch der Waggonvermieter und Schienenlogistiker VTG stellt die neu entwickelten Wagentypen seinen Kunden regulär zur Verfügung. „Damit machen wir den Schienengüterverkehr noch attraktiver“, sagt VTG-Vorstandsvorsitzender Dr. Heiko Fischer.

Austausch mit der Wissenschaft

Weitere Impulse verspricht sich die Branche vom kürzlich gegründeten Zentrum für Schienenverkehrsforschung in Dresden. Die vom BMVI gegründete Einrichtung soll die entsprechenden wissenschaftlichen Aktivitäten in Deutschland und Europa stärker koordinieren, weiteren Forschungsbedarf identifizieren, Forschungsaufträge vergeben sowie den Austausch zwischen Wissenschaft und dem Eisenbahn-Sektor forcieren.

Holger Schmidt bedauert derweil ein wenig, dass der Güterzug, mit dem er fast eineinhalb Jahre gearbeitet hat, mittlerweile aufgelöst wurde: „Es wäre doch toll, wenn es eine Forschungsplattform gäbe, auf der alle Beteiligten ihre Erkenntnisse sammeln könnten.“ Dabei schwebt ihm ein Beispiel aus dem Weltraum vor: „So etwas wie die internationale Station ISS bräuchten wir auch für den Schienengüterverkehr.“