Aus dem Verband

Erst der Mensch, dann die Maschine

„Leben, arbeiten und lernen in der Smart City“ - so lautete das Motto des diesjährigen VDV-Personalkongresses. Wie können ausreichend qualifiziertes Personal sowie Technik und Betrieb für die anstehenden Herausforderungen in Einklang gebracht werden? Aktuell sieht sich die Verkehrsbranche dem verschärften Fachkräftemangel gegenüber. Er war das auf der Veranstaltung meist diskutierte Thema.


Im Rennen um die besten Köpfe geben die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) richtig Gas – mit ihrem Karrierebus. „Das ist meine Diesela“, stellt Christoph Müller das 250-PS-Gefährt fast liebevoll vor. Der Leiter Fahrdienst hat dem mehr als 25 Jahre alten früheren Stadtbus zu einem zweiten Lebensabschnitt verholfen. Frischer Lack in Gelb und Blau und auffällige Schriftzüge, die für die LVB als Arbeitgeber werben, machen den Mercedes O 407 zu einem Hingucker. Mit dem aufgemöbelten Oldie fährt Christoph Müller dort vor, wo die Menschen sind – etwa auf zentralen Plätzen der Messestadt oder am Wochenende vor großen Einkaufszentren. Wer einsteigt, darf hinterm Lenkrad von „Diesela“ Platz nehmen und so ein Gefühl für ein Buscockpit bekommen. Nebenbei gibt es von Christoph Müller Infos aus erster Hand über die Arbeit im Fahrdienst bei der LVB. Weiter hinten im Bus, hinter getönten Scheiben, können er und seine Kolleginnen aus der Personalabteilung in aller Diskretion Vorstellungsgespräche führen. „Bei den Bewerbern kommt der Karrierebus gut an“, berichtet Personalerin Caroline Eckert. Wenn es für die Bewerber – und natürlich auch für das Verkehrsunternehmen – gut läuft, steigen Interessenten mit einer Einstellungszusage wieder aus. „Mittlerweile hat der Karrierebus für unser Recruiting einen sehr hohen Stellenwert“, erläutert Weronika Leonhardt, die ebenfalls in der LVB-Personalabteilung arbeitet.

Klicken Sie auf das Bild zur Ansicht der Bildgalerie

Diese und weitere Ideen für die Arbeitswelt von heute und morgen präsentierten die Leipziger Verkehrsbetriebe als Gastgeber sowie zahlreiche Vertreter von Verkehrsunternehmen auf dem VDV-Personalkongresses. 230 Personalverantwortliche trafen sich drei Tage lang in der Sachsen­metropole, um sich angesichts des Fachkräftemangels über neue Wege in der Personalgewinnung sowie die Herausforderungen der Digitalisierung auszutauschen. „Die Branche braucht bis 2025 rund 50.000 neue Mitarbeitende, um den demografischen Wandel, die wachsende Zahl an Fahrgästen und die stark gestiegenen Klimaschutzanforderungen für den Verkehrsbereich bewältigen zu können“, erläuterte Claudia Güsken. Sie leitet den VDV-Ausschuss für Personalwesen und verantwortet im Vorstand der Hamburger Hochbahn das Ressort Personal und Betrieb.

Besonders vom Personalmangel betroffen ist der Fahrdienst. Zwei Drittel der Stellen, die in den kommenden Jahren neu zu besetzen sind, entfallen auf Triebfahrzeugführer sowie U-Bahn-, Straßenbahn- und Busfahrer. Momentan dauert es etwa 200 Tage, um einen Lokführer einzustellen. Bei Busfahrern verhält es sich ähnlich. Der VDV warnt deshalb davor, dass der sich verschärfende Personalmangel das Wachstum bei Bus und Bahn bremsen und damit die Verkehrswende und das Erreichen der Klimaschutzziele im Verkehrssektor gefährden könne.

Tschüss alte Personalerdenke - hallo neue Arbeitswelt: Unter diesem Leitgedanken diskutierten (v. l. n. r.) Moderatorin Claudia Pilgrim, Martin Seiler (DB), Claudia Güsken (Hamburger Hochbahn), Jörg Dräger (Bertelsmann Stiftung), Christine Behle (Verdi) und Moderator Michael Heidemann.

Neue Ideen wie der Leipziger Karrierebus, die Münchner Bewerbertram, das Berufswelten-Café der Schweizerischen Bundesbahnen, die Alltagshelden-Kampagne der ESWE Verkehr in Wiesbaden oder das Guerilla-Marketing der Stadtwerke Osnabrück sorgen in den Städten für Aufmerksamkeit und locken Interessenten an. Zahlreiche weitere Beispiele aus der Praxis der Personalgewinnung und Personalstrategien wurden in den Vorträgen dargestellt. In großen wie in kleinen Unternehmen stehen die Personalverantwortlichen vor derselben Herausforderung: Der Arbeitsmarkt ist längst ein Bewerbermarkt geworden. Wer die besten Köpfe zu sich an Bord holen will, müsse auf Augenhöhe, transparent und mit Tempo agieren, erläuterte der Schweizer HR-Experte Jörg Buckmann. Er riet den Unternehmen zu mehr „Frechmut“: „Die guten Talente tun sich gewisse Dinge nicht mehr an.“ Auf Anschreiben und Motivationsschreiben solle komplett verzichtet werden. Statt dessen empfahl Buckmann Bewerbungsmöglichkeiten per Whatsapp oder per Anruf. Und überhaupt: „Suchen Sie Leute, die gern lachen.“

6.000

Stellen

aus den unterschiedlichsten beruflichen Bereichen hatte die Online-Stellenbörse der Verkehrsunternehmen zu ihrem Start im September zu bieten.

Klicken Sie auf das Bild zur Ansicht der Bildgalerie

Bei der Personalgewinnung über digitale Kanäle erhalten die Personaler seit Kurzem zusätzlich Unterstützung von der neuen Stellenbörse für alle Berufe im Personen- und Schienengüterverkehr. Deren Aufbau hat der VDV koordiniert. Kurz vor dem Personalkongress ging das Portal mit etwa 6.000 offenen Stellen online und brachte dem Thema bundesweit mediale Aufmerksamkeit: Das ZDF widmete dem Personalmangel in den Verkehrsberufen einen mehrminütigen Bericht in den „heute“-Hauptnachrichten. „Wir haben mit unserem Thema acht Millionen Zuschauer erreicht und das Momentum genutzt“, erklärte Dr. Jan Schilling. Der VDV-Geschäftsführer für den Bereich ÖPNV verantwortet im Verband die Arbeitgeberinitiative. Er kündigte an, dass die Plattform www.in-dir-steckt-zukunft.de im Herbst um weitere Service-Features erweitert werde.

Zu den Highlights des VDV-Personalkongresses zählte die hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion. Unter dem Titel „Tschüss alte Personalerdenke – hallo neue Arbeitswelt“ beleuchteten Christine Behle (Verdi), Claudia Güsken, Martin Seiler (Deutsche Bahn) und Jörg Dräger (Bertelsmann Stiftung) die Chancen und Herausforderungen, die mit der Digitalisierung auf Unternehmen und ihre Beschäftigten zukommen. Einigkeit herrschte auf dem Podium darüber, dass die Digitalisierung die Menschlichkeit nicht in den Hintergrund drängen kann und darf. „Wir dürfen Ross und Reiter nicht verwechseln“, sagte Jörg Dräger: „Und Reiter ist der Mensch.“

Die neue Online-Stellenbörse für Arbeitsplätze in den Verkehrsberufen finden Sie unter:
www.in-dir-steckt-zukunft.de