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Mit warmen Weichen gegen den Winter gewappnet

Plötzliche Wintereinbrüche machen nicht nur Autos und Bussen, sondern auch Trams zu schaffen. Auf die Tücken der kalten Jahreszeit hat sich das Schweizer Verkehrsunternehmen Bernmobil mit einem speziellen System eingestellt. Es steuert die Heizung von Straßenbahnweichen und erhöht die Zuverlässigkeit des Netzes deutlich.

Eine Schiene im Winter auf Temperatur zu bringen, ist eine zeit- und energieintensive Sache. Martin Voser hat das für sein Verkehrsunternehmen genau getestet – bei fünf Grad Außentemperatur und mit Heizstäben, die auf eine Nennleistung von einem Kilowatt kommen. „Der Schienenkörper ließ sich pro Stunde nur um zwei bis drei Grad Celsius aufheizen.“ Macht rund vier Stunden, um die Schienen um zehn Grad zu erwärmen. „Bei einem akuten Wintereinbruch mit Temperatursturz dauert das viel zu lange, um den Schnee zu schmelzen“, berichtet der Technologie-Ingenieur bei Bernmobil. Vereiste Weichen, die sich nicht mehr störungsfrei stellen lassen, wären im Streckennetz und auf Betriebshöfen die Folge – und damit Behinderungen im Trambetrieb der Schweizer Hauptstadt und Ärger bei den Fahrgästen.

Von einer Extremwetterlage abgesehen hatten wir keine Betriebsstörungen mehr aufgrund eingefrorener oder zugeschneiter Weichen.

Martin Voser,
Technologie-Ingenieur bei Bernmobil

Also die Weichenheizung einfach rechtzeitig einschalten und den ganzen Winter durchlaufen lassen? Das wäre eine verlässliche, wenngleich teure und wenig umweltfreundliche Lösung. Denn jede der 70 elektrisch beheizbaren Berner Straßenbahnweichen ist mit zwei Heizstäben ausgestattet, die im Winterhalbjahr im Dauerbetrieb 140 Kilowatt verbrauchen würden. Mit dieser Heizleistung könnte es auch in 35 Einfamilienhäusern mollig warm werden. Deshalb entwickelte Bernmobil ein neues Konzept, nach dem die Weichen rechtzeitig, zuverlässig und energieeffizient beheizt werden können. Als Partner stand ein Unternehmen aus Deutschland zur Seite – Hanning & Kahl aus Oerlinghausen in Nordrhein-Westfalen. In der Bergstadt im Teutoburger Wald kennt man sich mit Wintereinbrüchen aus, nicht nur in meteorologischer, sondern vor allem in technischer Hinsicht. Das Unternehmen zählt zu den großen Playern rund um Systeme für Stadt- und Straßenbahnen. „Überall auf der Welt, wo eine Tram fährt, ist eine Schraube von uns drin“, sagt Geschäftsführer Christian Schmidt selbstbewusst, aber mit ostwestfälischem Understatement. Denn nicht etwa Schrauben, sondern hydraulische Bremssysteme, Leit- und Sicherungstechnik sowie Servicedienstleistungen sind die Geschäftsfelder des mittelständischen Traditionsunternehmens, das 360 Mitarbeiter beschäftigt. 1898 wurde es von den Familien Hanning und Kahl in Bielefeld gegründet. Seit neunzig Jahren stellt es Produkte für den Nahverkehr auf Schienen her.

Aus seinen standardisierten, miteinander kombinierbaren Produkten konfigurierte Hanning & Kahl ein individuelles Steuerungssystem für Bernmobil – ein so genanntes Control Panel. Es schaltet die Weichenheizungen ein, sobald es nötig wird. Und es schaltet sie rechtzeitig wieder ab, wenn die Eisgefahr vorbei ist. In Gleisnähe – beispielsweise an Masten – befestigte Regensensoren und Temperatursensoren an den Schienen liefern dafür kontinuierlich Daten. Fünf Wetterlagen sind im System hinterlegt. Vier davon ermitteln die Fühler selbstständig: warm und trocken, warm und Niederschlag, kalt und trocken, kalt und Niederschlag. Auf diese Wetterszenarien reagiert die Weichenheizung automatisch. Im fünften Wetterszenario kann die Heizung manuell, aber auch über einen automatisierten Wetterdienst geregelt werden. Dann, wenn es für Meteorologen und Verkehrsbetriebe spannend wird: bei einem angekündigten Kälteeinbruch.

Überall auf der Welt, wo eine Tram fährt, ist eine Schraube von uns drin.

Christian Schmidt,
Geschäftsführer Vertrieb und Technik bei Hanning & Kahl

Schon bei einem Feldversuch mit zwei Pilotanlagen stellte sich heraus, dass Bernmobil gegenüber dem Dauerbetrieb etwa 70 bis 80 Prozent Energie einsparen konnte. Danach fiel schnell die Entscheidung, alle knapp 70 weiteren Weichen in Bern mit der neuen Weichenheizungssteuerung auszurüsten. Über das zugehörige Back-End-System, das von der Verkehrsautomatisierung Berlin GmbH – einem Tochterunternehmen von Hanning & Kahl – entwickelt wurde, können bis zu 250 einzelne Weichenheizungen vernetzt, zentral überwacht und gesteuert sowie gewartet werden. Bernmobil und Martin Voser haben mit den intelligenten Weichenheizungen ihr Ziel erreicht: „Von einer Extremwetterlage im vergangenen Jahr abgesehen hatten wir seit der netzweiten Einführung keine Betriebsstörungen mehr aufgrund eingefrorener oder zugeschneiter Weichen.“

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Artikel veröffentlicht: 10.12.2018
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