Unterwegs im Netz

Ostbayern profitiert von Elektrifizierung

Wenn „Ludmilla“ richtig aufdreht, etwa beim Anfahren oder am Berg, dann gibt‘s was auf die Ohren. Es dröhnt laut, und oben entweicht eine schwarze Abgasfahne. Massengut-, Kessel- und Autotransportwaggons ergänzen den Sound durch Quietschen und rhythmische Schläge. In den Häusern an der Trasse des Ostkorridors in Ostbayern wackeln Tassen und Gläser. Das soll sich bald ändern. Politik und Bahn versprechen eine Win-Win-Situation: die Elektrifizierung.


„Ludmilla“ ist der Spitzname einer Großdiesellok sowjetischer Bauart aus den 1970-ern. Das Erbstück der Deutschen Reichsbahn weist trotz mehrfacher Upgrades eine fragwürdige Lärm- und Abgasbilanz auf. Die Maschinen erledigen schweren Güterzugdienst zwischen Hof und Regensburg, wo kein Fahrdraht hängt. Dabei sind die Regionen Sachsen, Franken und Böhmen für ihre wirtschaftliche Entwicklung „dringend auf eine leistungsfähige Schienenanbindung angewiesen. Nicht nur das sächsisch-bayrische Städtenetz fordert deshalb die „lückenlose Elektrifizierung und Modernisierung der Franken-Sachsen-Magistrale“.

Eine schwere Diesellok sowjetischer Bauart („Ludmilla“) vor einem Güterzug - hier in der Oberpfalz. Auch zwischen Hof und Regensburg erledigen Fahrzeuge dieses Typs den Güterzugdienst.

Schon seit einigen Jahren hat die europäische Logistik die Nord-Süd-Verbindung als Teilstück der Hamburg-Balkan-Route im Blick, ist sie doch eine der wenigen noch nicht überlasteten Ferntrassen in Deutschland. Deshalb steht die Elektrifizierung samt der sie kreuzenden Bahn von Nürnberg durch das Pegnitztal nach Tschechien im vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans (BVWP) 2030. Für die Trasse Hof-Regensburg sind rund 800 Millionen Euro fällig.

177

Kilometer

lang ist der Ostkorridor-Abschnitt Hof-Regensburg. Er soll elektrifiziert werden und so mehr Kapazitäten für Güter-, Regional- und Fernverkehrszüge in Ostbayern bieten.

Anlass zu Optimismus

Die Kreuzung liegt in Marktredwitz, einer 17.000-Einwohner-Stadt im Landkreis Wunsiedel, deren wirtschaftliche Statistik schon jetzt Anlass zu Optimismus gibt. Eine Demografiebroschüre des Freistaats Bayern von 2012 prognostizierte für die Region einen Trend nach unten, den nun die Realität überholt hat: Die Einwohnerzahl steigt seit 2015 wieder. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 2,76 Prozent. Eine Sprecherin der Stadt nennt dazu die Zahl von „2.000 heimischen Unternehmen“.
Noch brummt Ludmilla auch über die Gleise im Stadtgebiet. Hängt der Draht erst einmal, sind die Züge leiser und fahren öfter. Der Beauftragte der Bundesregierung für den Schienenverkehr, Verkehrsstaatssekretär Enak Ferlemann, hofft, dass das bald passiert. „Der Koalitionsvertrag gibt das Jahr 2025 vor. Ich würde mich freuen, wenn wir es einhalten könnten.“ Bis dahin rollen auch Güterwaggons leiser, denn ab Ende 2020 müssen sie alle mit „leisen Sohlen“ bremsen.
Auch Marktredwitz verspricht sich viel vom Strom überm Gleis. „Durch die Verbindung zu den Seehäfen entstehen neue Perspektiven für Firmen und Containerumschlagplätze an der Strecke“, erklärt die Sprecherin der Stadt. Zulieferbetriebe, etwa der Autoindustrie, könnten das günstige Lohn- und Gewerbesteuerniveau ausnützen.

Bahnprojekt Ostkorridor: Der Mittlere und der südliche Abschnitt

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330 Kilometer Bahntrasse

Insgesamt handelt es sich um 330 Kilometer Bahntrasse, die elektrifiziert werden sollen. Enak Ferlemann sieht darin eine „Win-Win-Situation“: „Wir können auch im Nahverkehr eine wesentlich bessere Vertaktung fahren als bisher. Das heißt: Neben dem Güterverkehr hat auch der Nahverkehr einen Vorteil. Und die Bürger bekommen die Eisenbahn deutlich leiser.“ Die DB verspricht, dass die Region besser an die Ballungszentren angeschlossen wird als jetzt: Wer heute von Nürnberg nach Prag will, dem empfiehlt selbst die Bahn, den Bus zu nehmen.
Konkrete Pläne bestehen schon für die Nord-Süd-Relation, auf der es seit Jahren nicht mehr umsteigefrei von der Oberpfalz nach Sachsen, geschweige denn nach Berlin geht. Künftig „wird es durchgehende Züge von München nach Dresden über den Knoten Marktredwitz geben“, verspricht Projektleiter Robert Hanft von der DB Netz AG, die die Baumaßnahmen umsetzt.

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Details nennt Albert Rupprecht, Bundestagsabgeordneter der CSU für den Wahlkreis Weiden: Für ihn stehe fest, „dass die Elektrifizierung zu einer wesentlich besseren Anbindung an den überregionalen Personenzugverkehr führen muss“, sagt er. Geplant sei ein IC Warnemünde-Rostock-Berlin-BER-Dresden-Chemnitz-Hof über Weiden nach Regensburg und München im Zwei-Stunden-Takt mit sieben bis acht täglichen Zugpaaren. „Die Deutsche Bahn hat mir bestätigt, dass Weiden Haltepunkt der IC-Anbindung wird, ebenso wie Schwandorf und Marktredwitz.“
Den Nahverkehr zu verbessern, ist dagegen Sache der Verkehrsverbünde. DB-Projektleiter Robert Hanft sieht es so: „Marktredwitz ist schon ein Regionalverkehrsknoten. Er kann durch die Elektrifizierung an Bedeutung gewinnen.“ Dem schließt sich die Stadt an: Der Zugverkehr werde nicht nur sauberer, „sondern auch interessanter. Je besser und zeitlich kürzer der Weg zu Sport- und Kulturangeboten, Konzertveranstaltungen oder sonstigen Freizeitangeboten in Großstädten ist, desto besser kann man auch für den Wohnstandort Marktredwitz werben.“ Das gelte auch für den Arbeitsplatz, der vom gut angebundenen Wohnort aus in der nächstgrößeren Stadt besser erreicht werden könnte.

Der Koalitionsvertrag gibt das Jahr 2025 vor. Ich würde mich freuen, wenn wir das einhalten könnten.

Enak Ferlemann,
Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium und Beauftragter für den Schienenverkehr

Weitere Wohn- und Gewerbeflächen

Für die kleine Stadt am Kreuzungspunkt bedeutet all das nicht nur gute Aussichten, sondern auch viel Arbeit. „Bereits jetzt werden verschiedene Szenarien entwickelt, die es abzuwägen und abzuarbeiten gilt. Im Mittelpunkt stehen Verkehrsplanungen und die weitere Entwicklung von Wohnbau- und Gewerbeflächen“, erklärt die Sprecherin der Stadt.

Allerdings bedeutet die Einstufung als „vordringlich“ im Bundesverkehrswegeplan nicht, dass es jetzt gleich losgeht. 2017 entsprach Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt den Wünschen der Anwohner und sagte Lärmschutz über das gesetzlich Verlangte hinaus zu. Damit verzögert sich die Realisierung des Nordabschnitts Hof-Marktredwitz deutlich, da die Planer fast wieder von vorn anfangen müssen, wie Robert Hanft erläutert.
Für den Südabschnitt Marktredwitz-Regensburg ermittelt DB Netz derzeit die Grundlagen. Die Ost-West-Verbindung ist zwischen Nürnberg und Marktredwitz eisenbahntechnisch sehr schwierig wegen vieler denkmalgeschützter Brücken und Tunnels aus dem 19. Jahrhundert. Auch hier fahren noch emissionsreiche Dieseltriebzüge durch enge Täler. So wird es noch eine Weile dauern, bis „Ludmilla“ die Tassen nicht mehr wackeln lässt und Fernzüge Oberfranken und die Oberpfalz mit den gar nicht so fernen Metropolen verbinden. Aber das Licht am Ende des Tunnels ist schon zu sehen.