Hintergrund

Die Strecke zählt

Eine Strecke im ÖPNV kann noch so kurz sein – überquert der Fahrgast dabei die Grenze einer Tarifzone, hat das in der Regel einen deutlichen Preissprung zur Folge. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) will solche Ungerechtigkeiten nun beseitigen. Seit Juni 2016 testet er seinen neuen und entfernungsbasierten RMV-Smart-Tarif – und zieht eine erste Bilanz.

Nur fünf Minuten dauert die Fahrt mit der S-Bahn von Frankfurt-Mühlberg bis zur Haltestelle OffenbachLedermuseum. Und deswegen musste diese kurze Strecke in der Vergangenheit immer wieder als Beispiel für die bisweilen ungerechten, aber im ÖPNV üblichen Flächenzonentarife herhalten. Denn mit 4,80 Euro kostet sie deutlich mehr als das Einzelticket in Frankfurt für 2,90 Euro, mit dem innerhalb des Stadtgebiets wesentlich längere Strecken zurückgelegt werden können. Die Ursache: Der Fahrgast überquert nach Offenbach-Ledermuseum die Grenze zwischen zwei Tarifzonen. Solche Preissprünge will der Verbund mit dem RMV-Smart vermeiden. Und tatsächlich: Kauft einer der aktuell über 15.000 Testnutzer das entsprechende Ticket über die App, werden anstelle der 4,80 nur 3,11 Euro fällig.

Mit Testimonials wie Fredi Bobic, Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, wirbt der RMV um Testnutzer.

Foto: Rhein-Main-Verkehrsverbund 

Der Ansatz klingt simpel: Die Ticketpreise des Pilottests orientieren sich an der zurückgelegten Strecke. „Wir haben viele verschiedene Varianten diskutiert“, erklärt Thomas Kern, Geschäftsbereichsleiter Marketing, Vertrieb und Innovation. „Aus unserer Sicht sichert der entfernungsbasierte Tarif eine hohe Leistungsgerechtigkeit und beseitigt so einen zentralen Kritikpunkt am herkömmlichen Tarif. Wer viel beziehungsweise weiter fährt, zahlt mehr.“

Neue Preismodelle geplant

War die erste Stufe des Pilotversuches durch das Angebot von Einzelfahrkarten vor allem auf Selten- und Gelegenheitsnutzer ausgelegt, soll der RMV-Smart ab Sommer 2017 auch für Kunden interessanter werden, die häufiger mit dem ÖPNV unterwegs sind. Diese mussten bislang mitunter draufzahlen. „Für unsere Stammkunden sind nun mehrere Varianten in der Vorbereitung, wie wir den RMV-Smart auch für sie attraktiv gestalten“, erklärt dazu Susanne Bieling, Geschäftsbereichsleiterin Verkehrs- und Finanzwirtschaft beim RMV. Auch Anregungen der Testnutzer sollen für die nächste Stufe einfließen. So wird ein sogenannter Störungsbutton eingeführt, der im Falle größerer Verspätungen ermöglicht, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen. Bislang mussten sich Testnutzer vor der Fahrt auf eine Verbindung festlegen. Wurde der Anschluss verpasst oder fiel eine Bahn aus, war ein neues Ticket fällig.

Gleiche Strecke, anderer Preis: RMV-Smart-Tester zahlen weniger für die Fahrt von Frankfurt nach Offenbach.

Foto: Elena Grawe

Bei all dem müssen Kundenbedürfnisse, Preisstruktur und -niveau genau austariert werden. „Wir hatten das Ziel, dass die Ticketeinnahmen trotz veränderter Preislogik auf dem gleichen Niveau bleiben müssen“, so Susanne Bieling. „Wenn wir uns bei der Kalkulation nur um ein Prozent verschätzen, bedeutet dies auf den gesamten Verbund gerechnet einen Einnahmeverlust von rund acht Millionen Euro pro Jahr.“ Auch aus diesem Grund habe der RMV den Weg über den dreijährigen Feldversuch mit bis zu 20.000 Testkunden gewählt. Bereits im Januar waren es 15.000. Der Ticketkauf ist während des Pilotprojekts nur über das Smartphone möglich.

Auch andere Punkte stellten Herausforderungen dar. Datenschutzrechtliche Fragen mussten geklärt und das Konzept durch den Hessischen Datenschutzbeauftragten geprüft werden. Landkreise, Kommunen, Kunden und Genehmigungsbehörden waren einzubinden. Aus Sicht von Thomas Kern hat sich das gelohnt: „Der RMV-Smart ist nicht nur einfach ein neues Tarifangebot. Er ist ein Testlabor.“ Ob und wie der RMV-Smart einmal in ein Regelangebot des RMV überführt wird, steht noch in den Sternen: „Es ist nicht ‚der‘ neue Tarif“, sagt Kern: „In drei Jahren wird unser Aufsichtsrat auf Basis der dann vorliegenden Erkenntnisse entscheiden. Auf jeden Fall ist es ein spannender Versuch, aus dem wir viel für die Mobilität der Zukunft lernen können.“

Das RMV-Smart-System besteht aus zwei Teilen: Für jede Fahrt wird eine Grundgebühr von 1,69 Euro fällig. Für Regio-, S- und U-Bahnen kommt ein fester Preis pro Kilometer hinzu. Im Regionalnetz ist dieser günstiger als im Kernnetz des Ballungsraums. Für Busse und Trams fallen Pauschalpreise an, mit denen diese Verkehrsmittel 60 beziehungsweise 90 Minuten lang im gewählten Gebiet genutzt werden können.

Quelle: RMV

Mehr Informationen dazu auf:

www.rmvsmart.de



Drei Fragen an

Prof. Knut Ringat,
RMV-Geschäftsführer


 

» Herr Ringat, mit RMV-Smart testet Ihr Verbund gerade einen neuen Tarif – und neue Technik. Warum?
Knut Ringat: Die Idee entstand im Auftrag meines Aufsichtsrates vor zwei Jahren nach Betrachtung der weiteren Entwicklung unseres klassischen Tarifs. Seit fünf Jahren setzen wir stufenweise eine Tarifstrukturreform um, deren letzter Schritt neben elektronischem Ticketing ein Entfernungstarif sein sollte. Dieser Schritt ist so risikobehaftet, dass man ihn ohne Kenntnis seiner Funktionalitäten und Akzeptanz zur Einführung derzeit nicht empfehlen kann. Deswegen wurde die Idee zum Test des RMV-Smart in einem geschützten Raum geboren.

» Welche Bilanz ziehen Sie bisher?
Eine sehr positive. Bereits nach wenigen Monaten haben sich rund 15.000 Testnutzer angemeldet, die Absprungraten sind sehr gering. Wir verzeichnen einen ständigen Zuwachs an Neukunden. Und RMV-Smart wird bestens genutzt: Am Verhalten der Testnutzer sehen wir, dass viele Gelegenheitskunden inzwischen zu regelmäßigen Nutzern geworden sind. Natürlich gab es auch Kritik, welche aber letztlich zum signifikanten Anstieg der Nutzung führte. Wichtig ist dabei, den Pilot-Charakter des RMV-Smart nicht aus den Augen zu verlieren. Er ist immer auch „nur“ ein Versuch. Ob und wie erfolgreich das Projekt wird, entscheiden am Ende immer die Fahrgäste.

» Ist ein Tarif wie der RMV-Smart ein Ansatz für ein verkehrsträgerübergreifendes, bundesweites E-Ticket?
Derzeit bereiten wir die nächste Stufe vor, mit der das neue Tarifangebot auch für Kunden mit häufigerer ÖPNV-Nutzung attraktiv wird. Somit schaffen wir eine Kombination aus einem entfernungsbasierten Ansatz und einem preislichen Anreiz für Vielfahrer. Diese Kombination ist meiner Meinung nach die Zukunft des Tarifs.

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