Innovationen
15.12.2021

Kräftemessen der E-Bus-Giganten

Es ging um nicht weniger als den ÖPNV von heute, morgen und übermorgen: Bonn war im Oktober für ein paar Tage Anziehungspunkt für Busprofis aus verschiedenen Verkehrsunternehmen und internationalen Fachmedien. Die Expertinnen und Experten hatten ausgiebig Gelegenheit, E-Busse zu testen. Den Vergleich hatte die Fachzeitschrift „Omnibusspiegel“ organisiert. Sechs 18-Meter-Fahrzeuge mit batterieelektrischem Antrieb hatten Hersteller und Verkehrsbetriebe zur Verfügung gestellt – für individuelle Probefahrten, reichlich Fachsimpelei und die kritische Bewertung.


350

Kilometer

mit einer Batterieladung gelten beim aktuellen Stand der Technik als mögliche Umlaufleistung - gelegentlich sind auch 500 Kilometer drin.


Die Anspannung steht Claus Bünnagel beim Abbiegen hinter der ersten Ampel ins Gesicht geschrieben. Behutsam, mit stets kontrollierendem Blick in den großen Außenrückspiegel vor der Frontscheibe, manövriert der Chefredakteur der Fachzeitschrift „Busplaner“ den langen und ziemlich breiten Dreiachser des polnischen Herstellers Solaris in einer weit ausholenden Rechtskurve in die weitere Fahrtroute. Alles geht glatt, und auf gerader Strecke beschleunigt der „Urbino 18 electric“ in den Farben und Diensten der Bonner SWB Bus und Bahn mit der typisch zügigen Kraft eines Elektrobusses. Vor dem Journalisten, der seinen Busführerschein in der Brieftasche hat, steht ein einstündiger Parcours auf Linienwegen des ÖPNV-Alltags.

Schirmherrin und Veranstalter: Anja Wenmakers (l.) von SWB Bus und Bahn sowie Kirsten Krämer und Dieter Hanke von der „Omnibusspiegel“-Redaktion

Startpunkt war der SWB-Betriebshof Friesdorf an der Godesberger Allee, über Stadtstraßen und Kreisverkehre ging es los. Dann einige Kilometer Stadtautobahn über die Rheinbrücke, schließlich auf schmaler und steiler Straße quer durch den Herbstwald in die ländlichen rechtsrheinischen Außenbezirke, mit Blick auf die Kuppen des nahen Siebengebirges, zur Endhaltestelle irgendwo am Ackerrand. Claus Bünnagel hat das große Gefährt gut im Griff; etwas verhalten steuert er nur dann, wenn andere „Dickschiffe“ entgegenkommen – die regulären Linienbusse oder einer der anderen fünf Gelenkbusse des Testprogramms: „Ich bin ja kein Profi-Busfahrer und sitze höchstens zwei Tage im Monat am Steuer eines Busses oder Lkw. Da fehlt dann doch die Alltagsroutine.“

Veranstalter des Kräftemessens der sauberen ÖPNV-­Giganten ist eine andere Fachpublikation – die Zeitschrift „Omnibusspiegel“. „Das ist unser vierter Vergleichstest mit E-Bussen in den letzten Jahren“, erläutert Chefredakteur Dieter Hanke, „dieses Mal stehen sechs 18-Meter-Gelenkbusse mit batterie-­elektrischem Antrieb zur Verfügung.“ Das Magazin ermöglicht der Fachwelt aus den Unternehmen und den fachlich versierten Redaktionsstuben im In- und Ausland nicht nur ausgiebige Selbstfahrerlebnisse mit jedem der Busse, sondern im Betriebshof gibt es auch Werkstatt-Checks und den Blick unter die Fahrzeuge, der für Expertinnen und Experten immer interessant ist. In einer Wartungshalle kommt zur Praxis auch Theorie. In Kurzvorträgen präsentieren die Hersteller ihre jüngsten Entwicklungen für den E-Bus-Markt. Die langen Stars der Veranstaltung wirken im modernen Stromlinien-Design und ihrer Außengestaltung etwas exotisch im Einerlei der Bus-Abstellplätze des Betriebshofes. Die einen sind – wie Formel-1-Boliden – kreuz und quer mit Logos und Firmennamen ihrer Sponsoren beklebt, die anderen machen mit flotten Sprüchen auf sich aufmerksam. „Alter Schwede, was für ein Schwabe“, steht auf dem eVolvo für die SSB in Stuttgart, „spart ohne Ende Emissionen“. Auch ein Außenseiter, ein 12-Meter-Brennstoffzellenbus des Regionalverkehrs Köln (RVK), der neben einem auf Elektro umgebauten „Citaro”-Dieselbus ebenfalls zum Test antrat, klopft einen Spruch: „Nichts hören – nichts riechen“.

Geballte Innovationen und Informationen

Schirmherr der Veranstaltung der Fachzeitschrift waren – wie in den Jahren zuvor – die Stadtwerke Bonn. Anja Wenmakers, Geschäftsführerin SWB Bus und Bahn, beschreibt die Motivation: „Mit dem E-Bus-Test hier in Friesdorf können wir vor Ort viele neue Dinge der Branchenentwicklungen sehen, für die wir sonst weit und teuer reisen müssten. Das ist vor allem wichtig vor dem Hintergrund der Clean-Vehicles-Richtlinie der EU, die uns immer stärker die Beschaffung von E-Bussen vorschreibt.“ So habe der Aufsichtsrat der SWB auf den Weg gegeben, bis 2027 „unter dem laufenden Rad“ den Betriebshof auf E-­Mobilität umzustellen. Anja Wenmakers ganz offen: „Wir bekommen von der Veranstaltung hier bei uns viel mehr raus, als wir investieren müssen.“

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Dem elektrisch betriebenen Gelenkbus gehört als „Großkapazitätsfahrzeug“ die Zukunft im innerstädtischen ÖPNV, beschreibt Wolfgang Reitmeier die aktuelle Entwicklung. Auch für ihn als VDV-Fachbereichsleiter Betriebshöfe und Werkstätten, Elektromobilität ist der Bonner Test eine ­Premiere: „Erstmals stehen E-Busse der 18-Meter-Größe in so großer Zahl für Vergleiche und zur Anschauung zur Verfügung.“ Und es seien „sehr, sehr gute Fahrzeuge“. Während die Hersteller betonen, sie hätten die Serienreife mit ihren neuen Bus-­Generationen bereits erreicht, schüttet Reitmeier ein bisschen Wasser in den Wein: Eine für den Betriebsalltag oftmals geforderte 95-prozentige ­Verfügbarkeit traut er den ÖPNVGiganten „in der Tiefe noch nicht zuverlässig zu“. Es gebe sicher auch noch Bedarf für kleinere Optimierungen und Anpassungsbehandlungen. Interessant sei auch zu sehen, dass sich von der Antriebstechnik über das Fahrverhalten bis zur Innenraum-Gestaltung für die Fahrgäste durchaus bauartbedingte Nuancen von E-Bus-Modell zu E-Bus-Modell ergeben können. Wolfgang Reitmeier ist optimistisch: „Für jeden Anwendungsfall, also für die Gegebenheiten in jeder Stadt, wird es die optimale Fahrzeuglösung geben können.“

Die Hersteller schätzen den Test des „Omnibusspiegels“ wohl fast schon wie ein Heimspiel. Der direkte Austausch untereinander sowie zwischen den Verkehrsunternehmen und mit den Fachjournalisten sei eine „tolle Geschichte“, betont Frank Mandel, der als „Produkttrainer“ bei Mercedes die E-Bus-Generation präsentiert. Und er greift zu einem branchennahen Bild: Der Mix aus Vorträgen und Fahrerlebnissen sei schon „eine Art Hochdruckbetankung für die Fachjournalisten“. Wolfgang Hackauf, Deutschland-Repräsentant des niederländischen Busbauers Ebusco, hat mehr die Experten der Unternehmen im ­Visier und stellt bei ihnen „einen gewissen Hunger auf geballte Informationen von der Fahrzeugtechnik bis zur menschlichen Seite des Geschäfts“ fest. ­Sebastian Lindner von MAN Truck & Bus sieht die Verantwortung der Unternehmen für die Zukunft des Busgeschäfts, fest gemacht an den drei Stichworten CO2-Emissionen, Digitalisierung und Automatisierung. Bei der E-Mobilität gehe es darum, Mythen und Ängste abzubauen, insbesondere die „Reichweiten-Angst“ einer leerlaufenden Batterie. Dafür gebe es mit der fortlaufenden technischen Entwicklung keinen Grund mehr: Umlaufleistungen von 350 ­Kilometern am Tag mit einer Batterieladung seien normal, gelegentlich seien auch über 500 Kilometer drin. Busfahrer Claus Bünnagel hat sich einen kurzen Fotostopp erlaubt und „seinen” Bus von außen abgelichtet. Dann fährt er weiter, fast schon mit der Souveränität der täglichen Routine. Für den lässigen Gruß mit der linken Hand an den Profi-­Kollegen im fahrplanmäßigen Gegenverkehr reicht es dann allemal.

Weitere Infos unter:

www.omnibusspiegel.de

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