Unterwegs im Netz

Modellstadt für Mobilität

Die internationale ÖPNV-Branche hat ein neues Leitbild: „Mobility as a Service”, kurz MaaS genannt. Hamburg will das sogar regierungsamtlich voranbringen – als „Modellstadt” für nachhaltige, integrierte und vor allem attraktive Mobilität ohne Auto. Die Anfänge sind gemacht.

80.000

Fahrten

haben die E-Autos aus der Flotte von Ioki Hamburg im vergangenen Jahr seit dem Start im Juli zurückgelegt.


S-Bahnhof Elbgaustraße, im Westen Hamburgs. Unablässig dröhnt der Autoverkehr unter der Eisenbahnbrücke hindurch. Doch dann kommt Kasimir. Eine Limousine, wie sie in London als Großraumtaxi unterwegs ist. Sie rollt nahezu lautlos heran: Kasimir fährt mit Elektroantrieb, hat sechs Sitze, nimmt Kinderwagen, Rollstühle und großes Gepäck mühelos auf.

Mit 20 dieser Fahrzeuge – sie haben internationale Vornamen statt nüchterner Ordnungsnummern – proben die Deutsche Bahn-Tochter „Ioki” und die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein GmbH (VHH) seit Juli vergangenen Jahres in den Stadtteilen Lurup und Osdorf ein innovatives On-Demand-Shuttle-Angebot. Der zunächst für ein halbes Jahr vorgesehene Test wurde noch vor Jahresfrist bis Ende 2020 verlängert – wegen der großen Nachfrage. Per Bestellung via Smartphone-App und mit Hilfe von Algorithmen werden rund um die Uhr Fahrtwünsche zur schicken, komfortablen Mobilitätsdienstleistung individuell koordiniert: auf Kurzstrecken zum Einkaufen, zu den vier S-Bahn-Stationen sowie zentralen Bushaltestellen im Bediengebiet oder umgekehrt bis vor die Haustür. Und das zum Verkehrsverbund-Tarif, ohne Aufpreis.

Barrierefrei und mit Elektroantrieb: Die Großraumlimousinen von Ioki rollen nach der Bestellung per App lautlos vor. Rollstühle nehmen sie probemlos auf. Bis zu sechs Fahrgäste finden bequem Platz.

Nahverkehr bis vor die Haustür

Rund 60.000 Menschen leben in den Quartieren mit einer Siedlungsstruktur von großen Wohnblöcken bis hin zu stillen Villenstraßen. Mehr als 80.000 Fahrten haben die E-Autos im vergangenen Jahr absolviert. Die Nachfrage ist groß, die Flotte dauernd im Einsatz. „Mehr Mobilität mit weniger Verkehr: Das wollen wir mit ‚Ioki Hamburg‘ ermöglichen”, beschreibt Berthold Huber das Projekt. Er ist Personenverkehrsvorstand der Deutschen Bahn. Und VHH-Chef Jan Görnemann sagt: „Der Nahverkehr kommt jetzt auf Wunsch bis vor die Haustür: ein neues, innovatives Verkehrsangebot.”

In Hamburg ist dies der erste Praxistest von neuartiger Mobilität. Weitere, andere werden folgen. Die Elbmetropole ist 2021 Schauplatz des alljährlichen internationalen ITS-Kongresses (Intelligent Transport Systems). Politik und Verkehrsbranche wollen dann als „Modellstadt“ vielfältig zeigen, wie die Digitalisierung dem ÖPNV neue Attraktivität und Akzeptanz verschafft. „Das ist bei allen Innovationen für die Mobilität stets das Ziel”, erklärt Henrik Falk, Chef der Hamburger Hochbahn: „Wir wollen die intelligente Vernetzung aller Verkehrsangebote, um das private Auto zumindest in den Innenstädten weithin überflüssig zu machen.“ Die Hamburger Politik hat dafür eine eigene ITS-Strategie im Rahmen des Senatsprogramms „Digitale Stadt” entwickelt. Darin heißt es: „Im öffentlichen Personenverkehr wird das Angebot erfolgreich sein, das den Kunden einen unkomplizierten und möglichst einfachen Zugang zur Mobilität bietet und sich in das gesamte Mobilitätsangebot sinnvoll integriert.”

Angebote für die „letzte Meile“ hinter dem ÖPNV

Die Kombination von ÖPNV und individuellen Anschlussfahrten hat die Hochbahn schon länger zum Alltagsangebot gemacht. „Switchh” – mit den zwei H aus dem örtlichen Autokennzeichen – verknüpft als Mobilitätsplattform an stark frequentierten S- und U-Bahn-Stationen diverse Car-Sharing- und Mietrad-Anbieter für die „letzte Meile“ hinter dem ÖPNV. Nachdem die ersten Switchh-Punkte citynah eingerichtet worden sind, erreicht die kombinierte Angebotsvielfalt nun auch Wohnquartiere. Für „MaaS” geht es weiter: Im April steigt der Volkswagen-Konzern mit „Moia” groß ein. Vorerst 500 komfortabel ausgestattete Kleinbusse sollen Ride Sharing-Mobilität auf gehobenem Niveau unter dem Preis eines Taxis anbieten – für Autofahrer, die sich das Umsteigen in den ÖPNV gar nicht vorstellen können.

Für ein nachfrageorientiertes Mobilitätsangebot wird auch das autonome Fahren als Chance gesehen. Auf der S-Bahn-Strecke nach Hamburg-Bergedorf soll bald digitale Leit- und Sicherungstechnik zeigen, was heute schon geht. Im Stadtverkehr ist „Heat“ das Testprogramm der Hochbahn: Der Name steht für Hamburg Electric Autonomous Transportation. Kleinbusse sollen in der Hafencity, elektronisch lückenlos überwacht, mit Spitzentempo 50 einen knapp vier Kilometer langen Rundkurs mit sechs Haltestellen absolvieren – und das spätestens zur ITS 2021 möglichst ohne Fahrer.