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Südtirol steigt um auf den ÖPNV

Das alpine Urlaubsland Südtirol will bis 2030 „Modellregion für nachhaltige Mobilität” werden. Italiens nördlichste Provinz, in der überwiegend Deutsch gesprochen wird, setzt konsequent auf Bus und Bahn in einem modern ausgebauten ÖPNV-Netz: Landesweiter Halbstunden-Takt mit attraktiven Elektro-Triebzügen, ein dichtes flächendeckendes Netz von Bus- und Expressbuslinien, in Planung eine neue Tram für die Landeshauptstadt Bozen – und vielleicht sogar eine „Dolomitenbahn” quer durchs Gebirge nach Cortina d’Ampezzo.


Der Bahnhof der weltberühmten Kurstadt Meran hat in seiner über hundertjährigen Vergangenheit etliche gekrönte Häupter, Stars und Sternchen gesehen. Seine Zukunft aber findet auf der Bahnsteigseite der liebevoll restaurierten Empfangshalle statt: Meran ist – nach der Landeshauptstadt Bozen – wichtiger Knotenpunkt im weiter im Ausbau befindlichen Südtiroler Schienennahverkehrsnetz. Hier treffen sich im festen Fahrplantakt die sechsteiligen „Flirt”-Elektrotriebzüge, die von Meran via Bozen und Brixen bis zum Brennerpass fahren, mit den GTW-Dieseltriebzügen der „Vinschger Bahn”, die seit 2005 mit ungeahntem Erfolg das lange obere Etschtal des Vinschgau bis hinauf nach Mals, kurz vor dem Reschenpass und dem Stilfser Joch, bedienen.

280

Kilometer


Schienennetz sind das Rückgrat für den attraktiven ÖPNV in Südtirol.

Ein Dieseltriebzug der Vinschger Bahn passiert Schloss Kastelbell unweit von Meran.

Szenenwechsel. Die Bergstation der Rittner Seilbahn, in kühner Architektur aus Stahl, Glas und Beton, ist 2019 zehn Jahre in Betrieb. In einer knappen Viertelstunde befördert die Umlaufbahn mit zehn Großraumkabinen im Sechs-Minuten-Takt jährlich rund eine Million Passagiere zum preiswerten Verbundtarif aus dem im Sommer oft stickig-schwülen Talgrund von Bozen hinauf ins 1.000 Meter höher gelegene Oberbozen. In der frischen Bergluft liegen vornehm verstreut Villen und Hotels, einst gebaut für die gut betuchte Bozner Gesellschaft. Heute ist die Hochfläche des Ritten beliebtes Urlauberziel. Und wer die Wanderschuhe nicht gleich an der Bergstation schnürt, kann von dort aus noch mit der Tram weiterfahren: Seit über 100 Jahren kurvt die inzwischen technisch erneuerte Rittner Bahn elektrisch auf schmaler Spur durch Wiesen und Wälder, mit traumhaften Ausblicken auf Dolomitenberge wie Rosengarten, Latemar und Schlern – natürlich als Teil des Verkehrsverbundes.

Rund 200 Buslinien quer durch Täler und über Alpenpässe, etwa 280 Kilometer Schienennetz, mehrere Berg- und Seilbahnen sind die Grundlagen für moderne vernetzte Mobilität ohne Auto. „Bis 2030 soll Südtirol zu einer Modellregion für nachhaltige Mobilität werden”, formuliert Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher das verkehrspolitische Ziel. Der Fokus liege auf den öffentlichen Verkehrsmitteln, autofrei auch über die Grenzen hinaus. Gut 528.000 Einwohner hat Südtirol, aufs Jahr verteilt kommen statistisch täglich noch einmal etwa 80.000 Urlauber hinzu. Viele von ihnen genießen den ÖPNV ohne zusätzliche Kosten mittels der „Gästekarte” ihres Urlaubsortes. Rund 70.000 bis 80.000 Fahrgäste – Einheimische wie Urlauber – nutzen im Mittel pro Tag das Angebot, an Spitzentagen sind es schnell mal 100.000.

Bis 2030 soll Südtirol zu einer Modellregion für nachhaltige Mobilität werden.

Arno Kompatscher, Landeshauptmann Südtirol
Bahnhof Meran: Hier treffen sich die Vinschger Bahn nach Mals und die Meraner Bahn nach Bozen.

Die Geburtsstunde der neuen Südtiroler Mobilitätsphilosophie liegt 13 Jahre zurück. Es war 2005 die Wiedereröffnung der Vinschger Bahn. Wie so viele Nebenbahnen hatte die Strecke von Meran nach Mals als Defizitbringer für die italienische Staatsbahn lange Zeit ein tristes Dasein geführt, war schließlich stillgelegt worden. Doch dann übernahm das Land Südtirol die Linie, investierte in ihre Erneuerung und in moderne Fahrzeuge. Eine Erfolgsgeschichte begann. Mit 500.000 jährlichen Fahrgästen war gerechnet worden, doch bald schon waren es zwei Millionen. Beliebt ist die Bahn bei Radfahrern: mit dem Zug in den Vinschgau bergauf, zurück im eigenen Sattel. In der Hochsaison gibt es dann in den Zügen viel zu wenig Platz für Räder; die Bahn befördert sie per Lkw…

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„Die Wiederinbetriebnahme der Vinschger Bahn hat eine neue Begeisterung für die Eisenbahn ins Rollen gebracht”, bilanziert eine Sprecherin der landeseigenen Verkehrsgesellschaft STA - Südtiroler Transportstrukturen AG. „Nachdem vorher jahrzehntelang das Auto das Maß aller Dinge in puncto Mobilität war, hat die Vinschger Bahn den Grundstein für ein neues Mobilitätsverhalten gelegt.” Anerkennung kommt auch aus Österreich. Prof. Otfried Knoll, Verkehrsexperte an der Hochschule St. Pölten, hat in seiner Studie „Acces2Mountain” die Chancen für die Renaissance von Eisenbahnen in den Alpen und anderen Bergregionen ausgelotet – die Vinschger Bahn als leuchtendes Beispiel. Ihr Erfolg habe zu einem Umdenken der Landespolitik geführt: „Es wird Geld in die Hand genommen und teilweise sogar visionär geplant. Wenn alle gegenwärtig diskutierten Projekte tatsächlich umgesetzt werden, würde das Land Südtirol neben der Schweiz einen hervorragenden Beitrag zur umweltfreundlichen Mobilität leisten.”

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Zwischen Meran und Bozen, auf der Brennerstrecke von Innsbruck bis Trient sowie im Pustertal fahren heute überall moderne Elektrotriebzüge der STA, der Staatsbahn FS und der ÖBB, meist schon im Halbstunden-Takt. Die Vinschger Bahn wird derzeit elektrifiziert. Für die sechsteiligen Flirt-Züge werden die Bahnsteige verlängert. Ab 2021 wird es dann stündlich durchgehende Verbindungen von Mals über Meran nach Bozen geben. Und darüber hinaus nach Innsbruck über den Brenner sowie abwechselnd durchs Pustertal bis nach Lienz im österreichischen Osttirol.

Wenn alle gegenwärtig diskutierten Projekte tatsächlich umgesetzt ­werden, würde das Land Südtirol neben der Schweiz einen hervorragenden ­Beitrag zur umweltfreundlichen ­Mobilität leisten.

Prof. Otfried Knoll, Verkehrsexperte an der Hochschule St. Pölten

Etliche Baumaßnahmen begleiten diese Pläne. So soll die „Meraner Bahn” modernisiert und beschleunigt werden, damit ihre Fahrzeiten zwischen Meran und Bozen zur Schnellstraße „Mebo” konkurrenzfähig werden. Am Stadtrand von Bozen ist unterhalb der Burg Sigmundskron ein „Intermodalzentrum” als zentraler Umsteigepunkt zwischen ÖPNV und Pkw vorgesehen. Hier soll auch eine neu zu bauende Straßenbahnlinie enden, die ab 2025 von der Talstation der Rittner Bahn und dem Hauptbahnhof quer durch die Landeshauptstadt führen soll. Überlegt wird zudem, die Tram in die Weindörfer Eppan und Kaltern zu verlängern. Bis in die 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts fuhr hier eine elektrische Bahn; ihre Trasse ist heute Radweg. Inzwischen gewinnt dort der alle 15 Minuten verkehrende Metrobus „Überetsch-Express” neue Fahrgäste mit schnellen Verbindungen in die Landeshauptstadt. In den vergangenen drei Jahren nutzten bereits ein Fünftel mehr Kunden das Angebot. Noch auszubauen sind Busspuren und Ampelvorrangschaltungen.

In der Diskussion sind immer wieder bahntechnische Großprojekte. Verlängerungen der Vinschger Bahn über Alpentunnel in die Schweiz oder nach Österreich zum Beispiel. Und das Vorhaben „Dolomitenbahn”: eine rund 70 Kilometer lange Verbindung von Bozen nach Cortina d’Ampezzo entlang der Seiser Alm und über das Grödner Joch, die auf Steilstrecken als Zahnradbahn fahren müsste. Ein Gutachten kommt auf eine Investition von 1,6 Milliarden Euro. Im Internet bahnt sich die Trasse bereits virtuell auf dem Satellitenbild ihren autofreien Weg durch die Alpen.

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Informationen dazu:
www.sta.bz.it/de