Infrastruktur
30.03.2020

Mehr Tempo
beim Nachtsprung

In den weltweiten Transportketten des Kombinierten Verkehrs gibt es eine neue Adresse – den Megahub im niedersächsischen Lehrte. Im Juni nimmt der hochmoderne, neuartig konzipierte Hightech-Umschlagplatz für Container und Lkw-Aufbauten den Betrieb auf. Das ehrgeizige Ziel: Für die Verkehrswende soll er die Qualitäten der Schiene besser ins Spiel bringen. Bis zu 75 Arbeitsplätze sollen dort entstehen.

Die traditionsreiche Eisenbahnerstadt 20 Kilometer östlich von Hannover am Schnittpunkt wichtiger Bahnverbindungen zwischen Nord und Süd sowie Ost und West hat ein neues Wahrzeichen. Drei etwa 20 Meter hohe Portalkräne überbrücken gleich neben der Bahnstrecke Hannover - Berlin sechs Gleise sowie Lkw-Fahrbahnen und ein breites Betonband, das zu beiden Seiten von jeweils drei Gleisen eingerahmt wird. Es ist diese rund 700 Meter lange Piste, die das Terminal grundlegend von anderen großen Container-Umschlagplätzen an Bahnknoten und in Häfen unterscheidet. Von hohen Zäunen und massiven Leitplanken geschützt, werden sich hier bald ganz spezielle Fahrzeuge wie von Geisterhand, in Wirklichkeit aber von komplexen Rechnerprogrammen gesteuert, bewegen. Es sind fahrerlose Transportsysteme, wie sie variantenreich schon lange in Lagerhallen, Industriebetrieben und Häfen im Einsatz sind – so genannte „Automated Guided Vehicles” (AGV). Sie werden nun auch das Umschlaggeschäft in einem Terminal des Kombinierten Verkehrs (KV) – dem Gütertransport auf verschiedenen Verkehrsträgern – revolutionieren. Die AGV können selbst tonnenschwere Fracht wie Container mühelos bewegen und verhelfen damit dem Transportgeschäft zu neuer Beweglichkeit.

70

Prozent

der Ladeeinheiten, die per Güterzug im Megahub Lehrte eintreffen, sollen direkt auf andere Züge umgeschlagen werden - ohne Rangieren und ohne die Bildung neuer Züge.

Das geht zum Beispiel so: Eine genormte Blechkiste aus Übersee hat im Hamburger Hafen den Schiffsbauch verlassen und ist auf einem Tragwagen in einem Con­tainer-Ganzzug nach Lehrte gefahren worden. Dort steigt sie gewissermaßen um, wird vom einen auf den anderen Zug verladen, der sie dann zu ihrem endgültigen Bestimmungsort bringen wird. Für dieses Umsteigemanöver wird der Container per Kran vom Waggon geholt und auf ein bereits gleich neben dem Zug wartendes AGV gepackt. Dieses Fahrzeug bringt die Last dann auf der breiten Betonpiste, dem so genannten Längsförderer, parallel zu den Umschlaggleisen des Megahubs Lehrte exakt bis zur Position, wo sie auf den Anschlusszug verladen wird, abermals von einem der drei großen Portalkräne. Exakt heißt, so sagen Fachleute, „zapfengenau”. Das bedeutet: Das automatische Transportsystem stoppt – vorausberechnet – so präzise neben dem vorgesehenen Tragwagen im Zug, dass das ebenfalls weithin automatisch arbeitende Kransystem den Container in einer einfachen, schnellen Fahrt auf die Zapfen, das Befestigungssystem des Waggons, setzen kann.


Wir werden das Angebot an Nachtsprung-Verbindungen erheblich vergrößern können.

Andreas Witzel,
DB Netz AG,
Projektleiter Megahub Lehrte


Enak Ferlemann, Bahnbeauftragter des Bundesverkehrsministeriums, hatte es schon beim ersten Spatenstich in Lehrte vor knapp zwei Jahren griffig formuliert: Hier auf der neuen Anlage steigen Container und Co. künftig fast so einfach um wie Reisende im nahen ICE-Knoten Hannover Hauptbahnhof. Das 170-Millionen-Euro-Projekt ist eine Pilotanlage. Politik, aber auch Verlader, Logistiker und nicht zuletzt die Eisenbahn-Unternehmen wollen wissen, ob der schnelle „Umstieg“ der Güter des Kombinierten Verkehrs den klimafreundlichen Bahntransport signifikant ausweiten kann. Projektleiter Andreas Witzel beschreibt: „Wir werden das Angebot an Nachtsprung-Verbindungen erheblich vergrößern können, einfach weil das Umladen schneller und effizienter sein wird als das Rangieren von kompletten Güterwagen mit neuer, aufwendiger Zugbildung.” Bis zu 70 Prozent der Ladungen von eingehenden Zügen werden künftig direkt auf andere Züge umgeschlagen. Der Rest verbleibt auf den Zügen als sogenannte Stammrelation.

Quelle: DB Netz

Der Nachtsprung lässt sich am Beispiel eines Containers aus Übersee beschreiben. Er kommt aus Hamburg gegen 22 Uhr in Lehrte an, wird dann umgeladen. Der Anschlusszug verlässt gegen 3 Uhr den Hub und erreicht noch am ­Morgen sein Ziel zumindest in ganz Mitteleuropa. Durch die zusätzliche, aber zeitsparende Sortierung der Warenströme des Kombinierten Verkehrs im Megahub Lehrte mitten in der Nacht wird der für die Industrie und die Logistikbranche hochinteressante Nachtsprung schneller und auf neue Verbindungen ausgeweitet, bei denen der Schienentransport heute noch länger unterwegs ist. Das könnte ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für den KV werden.

Visualisierung: Die Anlage sammelt Ladeeinheiten für den Kombinierten Verkehr und verteilt sie schnell auf Ganzzüge für die jeweilige Zielregion.

Transporter sparen lange Kranfahrten

Das Zusammenspiel von Portalkran und AGV ist das zentrale Element der neuen Anlage. Mithilfe der batteriebetriebenen, emissionsfreien und leisen Transportfahrzeuge können Bewegungen der die Anlage überspannenden Portalkräne deutlich reduziert werden. Denn die 400 Tonnen schweren Geräte müssen nur noch Fahrten über den Zügen zum Aufnehmen beziehungsweise Absetzen der Container auf den Tragwagen unternehmen. Die eigentliche Strecke von einem Zug zum anderen legen die Ladegüter hingegen auf dem Längsförderer auf dem gummibereiften, fahrerlosen Untersatz zurück. Der Verzicht auf lange Kranfahrten beschleunigt den Umschlag und spart Energie. Die Piste für die AGV ist mit drei Spuren für reichlich Betrieb ausgelegt: links und rechts Richtungsbetrieb wie auf einer Straße, in der Mitte der Streifen für die Be- und Entladung der Fahrzeuge, von denen ab April nach und nach zwölf Einheiten, lackiert im DB-Rot, in Betrieb gehen. Gebaut werden sie im Düsseldorfer Werk eines europäischen Spezialisten für Kran- und Fördertechnik. Auf den Beton aufgemalte Fahrspuren sucht man vergebens. Sie existieren nur virtuell, und die Fahrbefehle kommen elektronisch aus dem Untergrund. Auf der Strecke des Längsförderers sind in regelmäßigen Abständen Transponder installiert, die die Kommunikation zwischen dem Betriebsleitsystem, dem Anlagensteuerrechner und den Fahrzeugen sichern. Die 700 Meter zwischen den Gleisen gehören den AGV ganz allein, auch aus Sicherheitsgründen: Sobald einer der Zugänge zum Längsförderer geöffnet wird, verfügt die Technik den konsequenten Stillstand aller Bewegungen.

Das Heben und Senken samt dem Aufsetzen einer Ladeeinheit am Kran erfolgt auf dem letzten Meter manuell – dabei ist viel Feinmotorik notwendig.

Nicole Brandenburg,
Terminalleiterin am Megahub Lehrte

Die ausgeklügelte Rechnertechnik, die das alles möglich macht, bleibt weithin unsichtbar und umfasst die gesamten Abläufe der Schnellumschlaganlage. Schon bevor die KV-Züge in die Gleise – oder Lkw auf den parallelen Straßenspuren – einfahren, erstellt der Computer das optimale Produktionsprogramm für den Betrieb, der bei entsprechender Nachfrage rund um die Uhr laufen kann: Züge und Straßenfahrzeuge werden im Vorbeifahren am „Video Gate” von Dutzenden von Kameraaugen registriert. Die Daten werden in Echtzeit mit der vorausgegangenen Platzbuchung für die Ladeeinheiten abgeglichen, und dann stellt das System die Fahrstraße für die Zugeinfahrt. Mit Tempo 60 rollen die Güterzüge heran; am entsprechenden Signal fährt der Lokführer den Stromabnehmer seines Triebfahrzeugs ein, dann endet die Oberleitung auf der Kranmeile, und es geht mit Restschwung quer durch die Anlage – bis die Lok unter dem wieder neu beginnenden Fahrdraht zum Stehen kommt. Nach dem Abschluss des Umschlags geht der Bügel wieder hoch an den Strom, und nach dem „Umsteigen” seiner Fracht kann der Zug weiterfahren.

Das fahrerlose Transportsystem wird die Container aufnehmen und rechnergesteuert direkt bis zum Tragwagen des Anschlusszuges bringen. Das ebenfalls automatische Kransystem besorgt dann den schnellen Umschlag.
Im Güterverkehr auf der Schiene wird viel Zeit benötigt beim Rangieren von Einzelwagen oder Zugteilen sowie für die Bildung neuer Güterzüge – wie in Hamburg-Maschen. Im Megahub Lehrte für den Kombinierten Verkehr, der Ladeeinheiten auf der Straße und der Schiene befördert, entfallen diese Arbeitsschritte.

Andreas Witzel sieht es voller Stolz: „Der Megahub Lehrte ist nicht megagroß, andere Umschlagbahnhöfe sind größer. Aber er ist megaschnell, megamodern und megaeffektiv.” Bei Bedarf können noch drei weitere Portalkräne aufgebaut werden. Die neue Terminalanlage der DB Netz AG wird von der Megahub Lehrte Betreibergesellschaft, einer Tochter der Deutschen Umschlaggesellschaft Schiene-Straße (DUSS), betrieben. Verantwortlich für die Leitung des Terminals ist Nicole Brandenburg. Im Zeitalter von Industrie 4.0 ist Umschlag nicht mehr nur ein Geschäft für harte Männer, beschreibt die Terminalleiterin: „Am Megahub Lehrte ist der Umschlag weitgehend automatisiert. Doch das Heben und Senken samt dem Aufsetzen einer Ladeeinheit am Kran erfolgt auf dem letzten Meter manuell durch den Kranführer beziehungsweise die Kranführerin – denn dabei ist viel Feinmotorik notwendig.“ Projektleiter Witzel ergänzt: „Hier überzeugen häufig die Kolleginnen durch ihr Feingefühl.”

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.bit.ly/MegaHub_lehrte

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