Titelstory

Im Rennen um die Köpfe:
Branche zieht das Tempo an

Die Verkehrswende braucht Fachkräfte. Bis 2030 sollen ein Drittel mehr Busse und Bahnen als heute unterwegs sein und ein Viertel mehr Güter über die Schiene transportiert werden. Im gleichen Zeitraum wird allein der Nahverkehr aufgrund natürlicher Fluktuation rund die Hälfte aller Stellen neu besetzen müssen. Bei der Suche nach Personal unterstützt der VDV die Verkehrsunternehmen mit seiner Arbeitgeberinitiative. Auch Bewerber profitieren von neuen Online-Tools.

Um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden,
müssen wir pointiert, schnell, zielgruppengerecht und modern kommunizieren.

Lisa Gadomski,
Employer Branding bei der Arbeitgeberinitiative


Die Verkehrsunternehmen haben die nächste Stufe ihrer Arbeitgeberinitiative gezündet. Ziel ist es, ein stärkeres Interesse an den Verkehrsberufen zu wecken, über Berufsfelder und Arbeitgeber besser zu informieren, die Attraktivität der Branche herauszustellen und somit ihr Image zu verbessern. Mit ihren unterschiedlichen Sparten und Facetten soll die gesamte Branche sichtbar sein. Das unterstreicht auch das neue Logo mit dem Schriftzug „Die Verkehrsunternehmen“. Die Botschaft: Bei der Initiative handelt es sich um ein gemeinsames Anliegen. „Um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden, müssen wir pointiert, schnell, zielgruppengerecht und modern kommunizieren“, erläutert Lisa Gadomski, die die Kampagne für „Deutschland mobil 2030“ mit betreut. „Das Herz der Arbeitgeberinitiative schlägt im Internet“, erklärt ihr Kollege Rafael Wedemeyer. Eine der „Herzkammern“ ist ein Webportal, das seit Mai unter www.in-dir-steckt-zukunft.de zugänglich ist. Es richtet sich an Auszubildende, Studierende, Quereinsteiger und Fachkräfte. Zusätzlich liefert das Webportal umfassende Informationen über Unternehmen, Berufe und Bildungswege. Ergänzt wird dieses Informationsangebot in den kommenden Monaten um eine bislang nicht dagewesene Übersicht an offenen Stellen im Verkehrssektor, die sich unter anderem nach Nähe zum Wohnort sortieren lassen.

Mitarbeiter aus den Verkehrsunternehmen wie der Dresdner Busfahrer René zeigen bei der Arbeitgeberinitiative Gesicht für ihre Branche.

Mit wenigen Klicks zum Stellenangebot

Es geht aber nicht nur um Information und Marketing. Auch den Unternehmen stellt die Initiative konkrete Tools zur Personalgewinnung zur Verfügung. Sie finden sich auf dem virtuellen „Marktplatz“ – eine weitere Säule der Kampagne. Schon seit Januar gibt es dieses passwortgeschützte Portal, auf dem die Verkehrsunternehmen zukünftig Materialien für ihre Personalsuche – Fotos, Filme und Texte – exklusiv und individualisierbar herunterladen können. Zudem gibt es ein Tool, mit dem Stellenangebote in kurzer Zeit mit wenigen Mausklicks angefertigt und mit möglichst großer Reichweite online gestellt werden. Dabei werden über Synergien Kostenvorteile erreicht, die Preise deutlich unter dem ermöglichen, was die Unternehmen alleine für das Einstellen einer Stellenanzeige auf den entsprechenden Portalen zahlen würden. Zum Servicepaket gehören ein digitales Hochschulverzeichnis sowie eine Übersicht von Job- und Bewerbermessen. Auch für die Bearbeitung eingehender Bewerbungen liefert das Portal technische Unterstützung. Dieses Angebot stößt bei Personalern und Entscheidern in der Branche auf reges Interesse. Mehr als 300 Nutzer aus 160 Verkehrsunternehmen arbeiten mittlerweile mit diesem Portal. Neben Tools zur Gestaltung von Stellenanzeigen und Hilfsmitteln, die Annoncen im Internet durch Suchmaschinenmarketing (SEO) leichter auffindbar zu machen, sind auf dem Marktplatz kostenlose Pakete zur betrieblichen Gesundheitsförderung verfügbar. Sie umfassen Beratungen und Trainings vor Ort.

Das Herz der Arbeitgeberinitiative schlägt im Internet.

Rafael Wedemeyer,
Employer Branding bei der Arbeitgeberinitiative
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Weitere Aufmerksamkeit für die Arbeitgeberinitiative gab es im Mai auch außerhalb der Verkehrsbranche. Zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes knüpften die Verkehrsunternehmen an die Werbekampagne „Auf gutem Grund“ der Deutschlandstiftung Integration an, die auch vom VDV unterstützt wird („VDV Das Magazin“ berichtete). Das Motiv spiegelte nicht nur den fachlichen Facettenreichtum der Branche wider, sondern auch die Vielfalt an Biografien, die die Menschen aus der Verkehrsbranche haben. Wie auch bei den Keyvisuals der Arbeitgeber­initiative zeigten authentische Mitarbeiter aus unterschiedlichen Sparten und Unternehmen einmal mehr „Gesicht“ für ihre Branche.

50

Prozent

der Stellen im ÖPNV müssen bis 2030 aufgrund natürlicher Fluktuation neu besetzt werden – insgesamt etwa 75.000.

Fachkräftemangel wird sich verschärfen

Für die wird unterdessen die Suche nach „frischen“ Köpfen immer mehr zu einer Herausforderung. Hintergrund sind der Fachkräftemangel und der demografische Wandel. In den kommenden Jahren müssen die Verkehrsunternehmen verstärkt Mitarbeiter aufgrund der natürlichen Fluktuation ersetzen und qualifiziertes Personal hinzugewinnen. Wenn die „Baby-Boomer“ bis 2030 in den Ruhestand gehen, muss für fast die Hälfte der 150.000 Mitarbeiter, die allein im ÖPNV beschäftigt sind, eine Neubesetzung gefunden werden. Von diesen Stellen wird nur jede Fünfte von einem Auszubildenden besetzt werden können. Verschärft wird der Fachkräftemangel durch die Verkehrswende, die ein spürbares Wachstum im ÖPNV und beim Schienengüterverkehr mit sich bringen soll. Bis 2030 sollen ein Drittel mehr Busse und Bahnen den ÖPNV verstärken, im Gütertransport soll ein Viertel mehr über die Schiene laufen. „Deshalb hat die Branche beschlossen, mit einer eigenen Arbeitgeberinitiative das Heft in die Hand zu nehmen“, sagt Dr. Jan Schilling, VDV-Geschäftsführer für den Bereich ÖPNV (siehe Interview).

Da sich die Verkehrsunternehmen vom klassischen Beförderer zum Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen entwickeln, wandeln sich auch die bisher bekannten Berufsstrukturen. Zwar werden in bestehenden Berufen weiterhin qualifizierte Mitarbeiter benötigt – etwa im Fahrdienst, in den Werkstätten und in den Betriebs- und Unternehmenszentralen. Die Digitalisierung und die Verkehrswende bringen jedoch auch neue Tätigkeitsfelder mit sich. Für die Verkehrslenkung und die Organisation multimodaler Mobilitätsangebote werden neben Elektronikern, System- und Fachinformatikern sowie Netzarchitekten auch Data Scientists, Mobilitätsberater und Datenschutzexperten gefragt sein. Die Elektromobilität kommt stärker auf die Straße, die Digitalisierung wird zunehmend in die Instandhaltung und die Infrastruktur Einzug halten: ein attraktives Berufsfeld für Hochvolt-Ingenieure, 3-D-Druck-Spezialisten und Mechatroniker. Nicht zuletzt akquirieren Recruiter den personellen Nachwuchs, und Social-Media-Manager sorgen dafür, dass die Branche ihre Angebote und ihre Attraktivität zielgruppengerecht über die entsprechenden Kanäle kommuniziert.

Rhein-Main-verkehrsverbund ist „TOP-Job-Arbeitgeber 2019“

Zu den „Top-Job-Arbeitgebern 2019“ zählt auch der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV). Der RMV hat bereits zum zweiten Mal das begehrte Siegel erhalten, das jährlich vom Zentrum für Arbeitgeberattraktivität an Unternehmen vergeben wird, die sich konsequent für gesunde und gleichzeitig leistungsstarke Arbeitsplatzkultur stark machen. Bereits vor drei Jahren war der Verkehrsverbund als einer der besten Arbeitgeber im Mittelstand ausgezeichnet worden. In regelmäßigen Befragungen können die Mitarbeiter Ideen, Anregungen und Kritik formulieren und ihr Unternehmen in verschiedenen Kategorien beurteilen. Mehr als 80 Prozent der insgesamt 135 Mitarbeiter nutzten diese Chance im vergangenen Jahr. Besonders gut schnitt der Verkehrsverbund im Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Familie ab. Fast ein Viertel der Angestellten arbeitet aktuell auf eigenen Wunsch hin in Teilzeit. Ebenfalls hervorgehoben wurden das Gesundheitsmanagement durch Gesundheitstage, Betriebssportgruppen und Präventionskurse sowie ein vertrauensvolles Betriebsklima, das durch offene Kommunikation geprägt ist. Die erneute Auszeichnung mit dem „Top Job Siegel“ versteht der RMV als Bestätigung und Ansporn, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Auch in Zukunft sollen die Bedürfnisse der Mitarbeiter im Fokus stehen. Geplant sind der weitere Ausbau des Gesundheitsmanagements, die Entwicklung generationsübergreifender Weiterbildungsformate sowie die fortschreitende Digitalisierung weiterer Geschäftsprozesse.

Weitere Infos


gibt es unter:
www.in-dir-steckt-zukunft.de

Drei
Fragen an

Über die Arbeitgeberinitiative der Verkehrsunternehmen
sprach „VDV Das Magazin“ mit Dr. Jan Schilling (Foto),
VDV-Geschäftsführer für den Bereich ÖPNV.

Herr Dr. Schilling, warum wurde die Arbeitgeberinitiative, wie sie die Verkehrsunternehmen jetzt forcieren, nötig?
» Dr. Jan Schilling: Das angestrebte Wachstum von öffentlichem Personenverkehr und Schienengüterverkehr in Verbindung mit dem demografischen Wandel und der guten Konjunktur führen zu einem erheblichen Druck bei der Gewinnung von Personalen. Die Mobilität der Zukunft wird zudem von Vielfalt, Vernetzung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit gekennzeichnet sein. Diese vier Eckpunkte werden auch die künftigen Tätigkeits- und Berufsstrukturen bei den Verkehrsunternehmen prägen. Weit verbreitet ist jedoch derzeit noch eine große Unwissenheit über die Branche, ihre Themen und Berufsbilder. Auch das mag ein Grund für unseren aktuellen Personalmangel sein. Deshalb haben wir das Heft in die Hand genommen und wirken dem nun verstärkt entgegen, in dem wir als Arbeitgeber aus der zweiten Reihe heraustreten.

Wie wollen Sie vorgehen?
» Wir wollen über die Möglichkeiten und Chancen, die die Verkehrs­unternehmen bieten, besser informieren. Mobilität ist ein Riesenthema – jetzt und in Zukunft noch mehr. Bislang waren wir als Branche jedoch zu zaghaft, wenn es darum ging, die Bewerbermärkte zielgruppengerecht anzusprechen. Fehlende Informationen und Vorurteile sind die Folge. Die Tätigkeiten in der Branche haben zudem einen hohen gesellschaftlichen Nutzen, und sie stiften Sinn. Deshalb haben wir auch unsere eigenen anerkannten und stabilen Werte. Zudem bieten wir beispielsweise regionale und sichere Arbeitsplätze, vielfältige Freiräume und interessante Perspektiven. Das werden wir jetzt stärker nach außen tragen.

Welche Zielgruppen stehen im Fokus der Arbeitgeberinitiative?
» Es geht darum, die unterschiedlichsten Menschen für die verschiedensten Tätigkeiten zu begeistern – von Auszubildenden über Studienabgänger bis zu Quereinsteigern.

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Artikel veröffentlicht: 07.06.2019
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