Skurilles
9 Min
14. FEBRUAR 2025

Das Kussverbot in Pariser Bahnhöfen

Paris gilt seit jeher als Stadt der großen Gefühle. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollen ausgerechnet diese Gefühle den Betrieb auf den Bahnsteigen empfindlich gestört haben. Immer wieder wird von einer Zeit berichtet, in der Abschiede so innig, so ausgedehnt und so zahlreich gewesen seien, dass Züge verspätet abfuhren und der Fahrplan ins Wanken geriet. Die Lösung, so heißt es, sei ebenso ungewöhnlich wie einprägsam gewesen: ein Kussverbot auf den Bahnsteigen der französischen Hauptstadt.

Die Erzählung führt mitten hinein in das geschäftige Treiben der Pariser Großbahnhöfe, wo Reisende aufbrachen, Soldaten in eine ungewisse Zukunft fuhren und Liebende ein letztes Mal die Zeit anhielten. Zwischen dampfenden Lokomotiven, eilenden Gepäckträgern und den Rufen des Bahnpersonals soll sich eine Szene abgespielt haben, die bis heute nachwirkt. Doch wann genau geschah dies, wo nahm die Geschichte ihren Anfang und was steckt wirklich dahinter? Eine historische Spurensuche folgt den Hinweisen rund um den Globus und nähert sich Schritt für Schritt einem Ereignis, das bis heute die Vorstellungskraft beflügelt.

Paris im Jahr 1910. Am Gare de Lyon, jenem Bahnhof, der die französische Hauptstadt mit dem Süden des Landes verbindet, herrscht geschäftiges Treiben. Der stark frequentierte Kopfbahnhof ist beengt. Auf kaum 180 Metern Breite drängen sich 23 befahrene Bahnsteiggleise.

Der Zug nach Marseille steht kurz vor der Abfahrt. Reisende nehmen Abschied, Fahrgäste suchen ihre Wagen, Gepäckträger eilen mit schweren Koffern in Richtung erster Klasse. Im Speisewagen wird hastig frische Ware verladen, das Bahnpersonal blickt immer häufiger auf die Uhr. Auffallend viele junge Menschen stehen an diesem Bahnsteig. In Marseille, dem Ziel des Zuges, wartet auf zahlreiche junge Männer bereits das Armeeschiff. Von der Hafenstadt aus werden sie in die französischen Kolonien aufbrechen. Sie werden monatelang fort sein, vielleicht sogar für immer. Mit jedem Tag wächst die Gefahr, dass es keine Rückkehr geben wird.

Viele dieser jungen Männer werden von jungen Frauen begleitet. Und so kommt es, wie es kommen muss. Die Abschiedsküsse sind lang, innig und zahlreich. So zahlreich, dass auf dem engen Bahnsteig bald keine geordnete Zugabfertigung mehr möglich ist. Die Abfahrt verzögert sich, der folgende Zug kann nicht mehr pünktlich einfahren. Une catastrophe !

Und das geschieht nicht nur einmal, sondern immer wieder. So oft, dass - so will es die Geschichte - schließlich ein Gesetz erlassen wird, welches das Küssen auf dem Bahnsteig untersagt. Und gut sichtbar, zur ständigen Mahnung, werden Schilder mit der Aufschrift „Défense de s’embrasser !“ (“Küssen verboten!”) angebracht.

Bis hierhin ist es eine schöne Geschichte. Sie wird gern erzählt, gedruckt und heute digital verbreitet. Denn diese Anekdote passt zum Bild von Paris als Stadt der Liebe wie der Tender zur Lokomotive und stillt unsere Sehnsucht nach großer Romantik.

Doch stimmt diese Geschichte überhaupt? Gehen wir der Sache nach.

Spurensuche rund um die Welt

In der Erzählung vom Pariser Kussverbot fallen mehrere Unstimmigkeiten auf.

Bereits das genaue Jahr des angeblichen Verbots variiert erheblich. Mal ist es der Ausbruch des 1. Weltkriegs, mal das Jahr 1910, mitunter sogar das Jahr der Pariser Weltausstellung 1889. Entsprechend wechseln auch die Schauplätze: Für den Ausbruch des 1. Weltkriegs dient bevorzugt der Bahnhof Paris-Est als Handlungsort, für das Jahr 1910 der Gare de Lyon, und da 1889 unweigerlich mit dem Eiffelturm assoziiert wird, erscheint folgerichtig der Bahnhof Paris-Montparnasse. Darüber hinaus kursieren weitere Varianten und Ausreißer, etwa diverse Vorstadtbahnhöfe, Paris-Austerlitz oder sogar Versailles. Die geschilderten Ereignisse haben damit längst Legendenstatus erreicht. Das bedeutet jedoch nicht zwingend, dass ihnen jeder reale Kern fehlt, sondern vielmehr, dass dieser im Laufe der Zeit verloren gegangen ist.

Abschieds- oder Willkommensküsse waren schon immer auf dem Bahnsteig zu sehen. Aber war in Paris jemals ein Kussverbot notwendig?

Ebenso auffällig ist, dass ein explizites Kussverbot kaum zur Gesetzgebung des modernen Frankreichs passen würde. Seit Napoleon gilt Frankreich als europäisches Musterland der Kodifikation und Rechtsvereinheitlichung. Die im Absolutismus durchaus verbreiteten Regelungen, die sich auf einzelne Handlungen oder spezielle Einzelfälle bezogen, waren im Zeitalter der Eisenbahn längst überwunden. Die moderne Republik Frankreich hätte folglich nicht das Küssen am Bahnsteig als solches sanktioniert, sondern die allgemeine, gefährliche Störung des Eisenbahnverkehrs als Konsequenz. Tatsächlich finden sich in den damals gültigen Regelwerken des Code des transports und des Code pénal entsprechende Paragraphen, die gefährliche Eingriffe in den Schienenverkehr mit teils empfindlichen Strafen belegen. Ein ausdrückliches Kussverbot wird dort jedoch weder genannt noch kommentiert.

Woher stammt also die Geschichte vom Kussverbot, und wie lautete sie ursprünglich?

Eine urbane Legende entsteht

Auffällig ist, dass die ältesten nachweisbaren Varianten dieser Kusslegende im englischsprachigen Raum verbreitet wurden. Bereits vor dem 1. Weltkrieg berichteten mehrere Zeitungen in den Vereinigten Staaten darüber. Sowohl die New York World als auch das New York Evening Journal griffen das Thema 1913 mehrfach auf und sprachen von einem gesetzlichen Verbot. Der San Francisco Call berichtete bereits 1912 wiederholt, sprach von einer Anweisung und bezog sich dabei auf einen Artikel des australischen The Advertiser vom 22. Mai 1910. Damit sind sämtliche Weltkriegsvarianten hinfällig, und die Spur führt eindeutig nach Australien. The Advertiser wiederum verweist auf eine Meldung des Londoner Daily Telegraph vom 21. Mai 1910. Diese Ausgabe ist bis heute im Zeitungsarchiv der Berliner Staatsbibliothek einsehbar und wird dort erstmals als Korrespondentenmeldung geführt, das entsprechende Kürzel ist jedoch nicht mehr identifizierbar. Der Text selbst ist nicht online verfügbar, Fotografien des Zeitungsbestands sind untersagt.

Der Londoner Daily Telegraph sorgte um die Jahrhundertwende häufig für Aufmerksamkeit. Internationale Meldungen waren dabei oft stark zugespitzt und spielten gerne mit Klischees. Das war nichts Ungewöhnliches. Das Blatt löste mehrere Skandale aus; in Deutschland wurde insbesondere die Daily-Telegraph-Affäre um Kaiser Wilhelm II. bekannt. Insgesamt war der Zeitungsmarkt noch wild, was sich auch in den bekannt gewordenen Bildern der Paperboys zeigte, hier in New York, wo die Meldung häufig verbreitet wurde.

Bemerkenswert ist jedoch: In der spöttisch-unterhaltsamen Meldung von der Seine ist nicht von einem Verbot die Rede, sondern lediglich von einem Zettel, der an einem nicht näher bezeichneten Bahnhof aushing. Ein konkreter Ort wird nicht genannt, stattdessen ist lediglich von den Chemins de fer de l’État die Rede, also der französischen Staatsbahn. Das schließt, abgesehen von der Métro, nahezu alle Bahnhöfe in Paris und seinen Vororten ein. Ob tatsächlich ein überforderter Bahnhofaufseher den Zettel aus Entnervung anbrachte, ob eine um Ordnung und Anstand bemühte dritte Person eigenmächtig handelte, ob es den Zettel überhaupt gab oder ob ein Korrespondent lediglich mit einer frei erfundenen Eisenbahn-Romantik leicht verdientes Zeilengeld im Blick hatte, lässt sich heute nicht mehr klären.

Fest steht jedoch: Weder ein konkreter Bahnhof noch ein klarer Anlass wurden jemals benannt. Die Geschichte vom Pariser Kussverbot, die wohl auch in kommenden Jahrzehnten durch den digitalen Blätterwald und die Timelines dieser Welt ziehen wird, mit all ihren Ortsangaben, Anlässen, Varianten, Nebenerzählungen und Ausschmückungen, ist größtenteils ein Produkt menschlicher Phantasie.

Und das ist, auf eine gewisse Weise, auch in Ordnung. C’est la vie !

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