Rote WLE-Diesellokomotive Eurorunner zieht beladene Schüttgutwagen auf einer eingleisigen Bahnstrecke durch eine grüne Landschaft mit Windrad im Hintergrund.
Innovationen
9 Min
12. DEZEMBER 2025

DAK: Härtetest auf dem „Westfälischen Semmering“

Im Rahmen des Projekts „DAC4EU“ kommt die Digitale Automatische Kupplung (DAK) nach und nach im kommerziellen Güterverkehr an. An einzelnen Wagen erprobt die Westfälische Landes-Eisenbahn (WLE) derzeit die mechanische Hardware als Komponente der DAK. Die Testbedingungen im Kalksteinverkehr sind rau, die Mittelgebirgsstrecke über den Haarstrang ist anspruchsvoll.

Mit ihrer Leistung von 2.000 KW hat die Diesellok vom Typ „Eurorunner“ ihre zwölf voll beladenen Schüttgutwagen scheinbar mühelos über den Berg gebracht. Nun geht es in weiten Bögen hinab in die Soester Börde. Im Raum Lippstadt sind die markanten roten Kalkstein- und Zementzüge der Westfälischen Landes-Eisenbahn (WLE) ein echter Hingucker – und wer an einem der zahlreichen Bahnübergänge oder an der teils parallel zur WLE-Strecke verlaufenden Bundesstraße 55 genauer auf die Züge schaut, kann mit etwas Glück sogar einen Blick in die Zukunft des Schienengüterverkehrs werfen. Sie zeigt sich in Form von grünen Mittelpufferkupplungen: dem mechanischen Teil der Digitalen Automatischen Kupplung (DAK). Die mit dieser „Vorstufe“ ausgestatteten Wagen benötigen keine Seitenpuffer mehr – ein weiteres Erkennungsmerkmal. „Die DAK wird den Schienengüterverkehr, wie wir ihn heute kennen, revolutionieren“, sagt Fabian Wartzek, Projektleiter DAK bei der DB, die im Rahmen von „DAC4EU“ zusammen mit DB Systemtechnik Projektpartner der WLE ist.

Bei „DAC4EU“ – das Kürzel steht für Digital Automatic Coupling for Europe – wird aufmerksam beobachtet, wie sich die Kupplung in den WLE-Zügen bewährt. Bis zu fünf Mal am Tag pendeln die Kalksteintransporte auf der 60 Kilometer langen Strecke zwischen den Steinbrüchen bei Warstein und der Zementindustrie bei Beckum. Dabei setzt die WLE drei Wagenparks ein. Im März 2025 nahmen die ersten beiden Wagenpaare vom Typ Fa ihren Dienst mit der DAK auf. Bis Anfang November waren sechs neue Kupplungen verbaut und im täglichen Einsatz. „Wir sind mit unseren DAK-Wagen bislang fast 20.000 Kilometer gefahren“, berichtet Felix Holtmann, Eisenbahnbetriebsleiter bei der WLE: „Es gab keine Probleme mit dem Kalkstaub und auch keine Ausbeulungen oder Risse an den Kupplungen – alles absolut störungsfrei.“

Kompletter Zug bis Anfang 2026 „digital“

Das Projekt „DAC4EU“ hat nach seinem Start im Jahr 2020 mittlerweile die sechste und letzte Phase erreicht. Nach mehr als vier Jahren Entwicklung und Erprobung läuft nun bis Mitte 2026 die „Betriebserprobung in realen Umgebungen“, so die Beschreibung des aktuellen Projektabschnitts. Ziel ist es, bis Anfang 2026 einen kompletten Zugverband inklusive Lok komplett auf die DAK umzurüsten. Die dafür benötigten Kupplungen stammen vom Hersteller Voith. In den WLE-eigenen Werkstätten für Güterwagen und Lokomotiven laufen die Arbeiten bereits. Die Strom- und Datenleitungen sind in den Wagen schon eingebaut, werden im aktuellen Probebetrieb aber noch nicht genutzt und kommen erst später zum Einsatz: ein „Upgrade“, das die derzeit lediglich automatische Kupplung zu einer „vollwertigen“ digitalen automatischen Kupplung macht. Die soll dann ihre Stärken im Betrieb ausspielen. Beispielsweise müssen die Züge in Warstein zum Beladen in zwei Teile getrennt werden. Mit der DAK wird das Entkuppeln per Tastendruck ebenso möglich sein wie auch die automatische Bremsprobe. „Wir haben bei der Zugbildung eine enorme Arbeitserleichterung für unser Rangierpersonal und eine große Zeitersparnis“, sagt WLE-Eisenbahnbetriebsleiter Felix Holtmann.

Für die digitalen Kupplungen sind die Testbedingungen rau. Das liegt einerseits am Transportgut. Der für die Zementindustrie bestimmte Kalkstein rauscht bei der Beladung ungesiebt von oben in die Schüttgutwagen. Wenn Brocken danebenfallen, können die auch schon mal die Kupplung treffen. Zudem verschmutzt scharfkantiger Kalksteinstaub alle Teile. „Das alles zieht einen erhöhten Wartungsaufwand an Kupplungen und Puffern nach sich“, sagt Ole Lebek, bei der WLE zuständig für die Fahrzeugtechnik und die Instandhaltungsentwicklung.

Und dann ist da noch die Mittelgebirgsstrecke: Auf dem Abschnitt zwischen Warstein und Anröchte wird es besonders anspruchsvoll. Die Strecke windet sich in steilen Anstiegen und zahlreichen Kurven den Haarstrang hinauf bis zum Scheitelpunkt auf 330 Metern Höhe und wieder hinunter. Ihr spektakulärster Abschnitt wird „Westfälischer Semmering“ genannt – in Anlehnung an die berühmte österreichische Gebirgsbahn, die seinerzeit die erste mit Normalspur in Europa war. Zwischen Warstein-Belecke und Uelde, einem Ortsteil von Anröchte, müssen die bisweilen überschweren Güterzüge auf 20 Kilometern etwa 250 Höhenmeter überwinden und an den steilsten Stellen Steigungen von 20 Promille bewältigen. Dafür benötigen manche Transporte Unterstützung. Sie müssen dann von einer Lok am Zugende nachgeschoben werden.

Die WLE verfügt über ein eigenes Schienennetz mit einer Länge von rund 120 Kilometern und transportiert jährlich mehr als eine Million Tonnen Güter, hauptsächlich Kalkstein und Zement, aber auch Bier und Holz. Auf dem bundeseigenen Streckennetz verbieten die Regularien die kommerzielle DAK-Erprobung im Dauerbetrieb. Auf einer nichtbundeseigenen Infrastruktur wie bei der WLE ist dagegen die kommerzielle Erprobung nicht zugelassener Hardware erlaubt – in enger Abstimmung mit der Landeseisenbahnaufsicht.

„Die europaweite Einführung der DAK stellt einen Schritt für die Modernisierung und Digitalisierung des Schienengüterverkehrs dar und bietet das Potenzial, dessen Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken“, erläutert Dominik Knoop, Fachbereichsleiter Eisenbahntechnik beim VDV: „Es ist wichtig, dass die DAK vor einer umfassenden Einführung zuverlässig funktioniert, benutzerfreundlich konzipiert ist und in die Geschäftsmodelle der Eisenbahnverkehrsunternehmen integriert werden kann.“ Derzeit werden im Schienengüterverkehr seit fast 150 Jahren hauptsächlich Schraubenkupplungen verwendet, deren Handhabung für das Personal mit erheblichem Kraftaufwand und Risiken verbunden ist. Auch das Umweltbundesamt hebt in seinem Bericht „Verkehrswende und Konzept für einen leiseren Schienenverkehr bis 2030“ hervor, dass angesichts des zunehmenden Arbeitskräfte- und Nachwuchsmangels ein Umdenken erforderlich ist.

Ein WLE-Mitarbeiter in oranger Warnkleidung steht auf einem roten Schüttgutwagen mit grüner Digitaler Automatischer Kupplung in einer staubigen Verladeanlage über einem Gitterrost.
Nahaufnahme einer grünen Digitalen Automatischen Kupplung zwischen zwei roten Güterwagen während der Fahrt, mit unscharfem Gleisbett im Hintergrund.

Harte Testbedingungen: Die Be- und Entladung von Kalkstein ist eine staubige Angelegenheit, kann aber der DAK nichts anhaben.

Bild oben: Kurvenreich überquert die WLE-Strecke den Haarstrang: Der „Eurorunner“ hat den Scheitelpunkt überquert und bringt seinen Zug talwärts Richtung Lippstadt.

Folgen Sie dem VDV auf LinkedIn!

"Die DAK wird den Schienengüterverkehr, wie wir ihn heute kennen, revolutionieren."


Fabian Wartzek

Projektleiter DAK bei der Deutschen Bahn

"Es gab keine Probleme mit dem Kalkstaub und auch keine Ausbeulungen oder Risse an den Kupplungen - alles absolut störungsfrei."


Felix Holtmann

Eisenbahnbetriebsleiter bei der Westfälischen Landes-Eisenbahn

Die Strecke:

20 Promille Steigungen sind zwischen Warstein und Anröchte zu bewältigen.

– ANZEIGE –


Langfristig höherer Nutzen als Kosten

„Die europaweite Einführung der DAK wird jedoch nur gelingen, wenn Eisenbahnverkehrsunternehmen gemeinsam handeln und die Politik die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellt“, betont Dominik Knoop. Laut einer Studie von SCI Verkehr wird allein für Deutschland ein Investitionsbedarf von rund acht Milliarden Euro angenommen, wobei der langfristige Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft deutlich höher eingeschätzt wird. In ganz Europa müssten etwa 450.000 Güterwagen und 17.000 Lokomotiven umgerüstet werden, was einen erheblichen Kraftaufwand und weitere Entwicklungsarbeit erfordert.

Die DAK bietet die Möglichkeit, die Zugbildung zu beschleunigen und die Kapazitäten in Rangier- und Umschlagbahnhöfen zu erhöhen. Damit diese Vorteile jedoch umfassend genutzt werden können, ist es wichtig, dass die DAK in Bezug auf Zuverlässigkeit, Benutzerfreundlichkeit und Integration in die betrieblichen Abläufe hohen Anforderungen genügt. Erst dann kann ein flächendeckender Einsatz erfolgen und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Straßenverkehr nachhaltig gestärkt werden.

Mittlerweile laufen verschiedene europäische Projekte zur Entwicklung, Erprobung und Einführung der DAK. Sie stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich. Ab 2026 beginnen dann die Vorbereitungen, damit die ersten Pionierzüge mit serienreifen DAKs durch Europa rollen – einer davon bei der WLE.

Ein WLE-Mitarbeiter in oranger Warnkleidung und Helm steht auf der Plattform eines roten Schüttgutwagens mit grüner Digitaler Automatischer Kupplung in einer staubigen Verladeanlage.
Ein Techniker mit orangefarbener Warnweste und der Aufschrift DAC4EU arbeitet in einer Werkstatt an der Verkabelung eines grauen Schaltkastens an einer Maschinenkomponente.

Links: Blick auf vorbeifahrende DAK-Wagen
Rechts: In der WLE-Werkstatt in Lippstadt werden die Kupplungen angebaut.

DAC4EU: Pionierarbeit für die Digitale Automatische Kupplung

Um die Einführung der Digitalen Automatischen Kupplung (DAK) anzustoßen, finanziert das Bundesministerium für Verkehr das Projekt „DAK-Demonstrator“. Dabei testet das internationale Konsortium „DAC4EU“ Prototypen verschiedener Hersteller. Beteiligt sind Eisenbahnunternehmen und Europas größte Waggonvermieter. Neben dem Konsortialführer DB und DB Cargo, SBB Cargo und der Rail Cargo Group der Österreichischen Bundesbahnen gehören Ermewa, GATX und VTG zum Konsortium. Ziel ist es, durch die Erprobung zu europaweiten Standards für die DAK zu kommen. Das Vorhaben wurde im Juni 2020 gestartet und läuft noch bis Juni 2026. Hierfür stellt das Ministerium insgesamt mehr als 30 Millionen Euro zur Verfügung.

www.dac4.eu


"Die europaweite Einführung der DAK wird nur gelingen, wenn Eisenbahnverkehrsunternehmen gemeinsam handeln und die Politik die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellt."


Dominik Knoop

beim VDV Fachbereichsleiter Eisenbahntechnik

Lesen Sie auch:

Lesen Sie den ganzen Artikel
Infrastruktur
12. Dezember 2025

Auf der Suche nach der Steuerung

Die ETCS-Einführung soll die Kapazität der Schiene erhöhen, doch es fehlt die Regie. Warum VDV-Technikgeschäftsführer Martin Schmitz jetzt Alarm schlägt und wieso ohne zentrale Steuerung des Bundes Milliardeninvestitionen verpuffen könnten, lesen Sie hier.

Lesen Sie den ganzen Artikel
Innovationen
12. Dezember 2025

Autonomes Fahren nimmt nächste Hürde

Durchbruch beim autonomen Fahren Es ist so weit: Das Kraftfahrt-Bundesamt gibt grünes Licht für die ersten Level-4-Shuttles im städtischen Raum. Lesen Sie, was dieser Meilenstein für die Projekte in Hamburg und Hannover bedeutet, wann Sie zusteigen können und wie der VDV die Chancen für den gesamten ÖPNV einschätzt. Ein Blick in die mobile Zukunft unserer Städte.

Lesen Sie den ganzen Artikel
Innovationen
21. Februar 2025

Forschung: Hightech-Container auf der Schiene

Ein DLR-Messcontainer liefert Daten zur Aerodynamik von Güterzügen. Ziel ist es, den Schienenverkehr energieeffizienter, sicherer und zukunftsorientierter zu machen.