Mit ihrer Leistung von 2.000 KW hat die Diesellok vom Typ „Eurorunner“ ihre zwölf voll beladenen Schüttgutwagen scheinbar mühelos über den Berg gebracht. Nun geht es in weiten Bögen hinab in die Soester Börde. Im Raum Lippstadt sind die markanten roten Kalkstein- und Zementzüge der Westfälischen Landes-Eisenbahn (WLE) ein echter Hingucker – und wer an einem der zahlreichen Bahnübergänge oder an der teils parallel zur WLE-Strecke verlaufenden Bundesstraße 55 genauer auf die Züge schaut, kann mit etwas Glück sogar einen Blick in die Zukunft des Schienengüterverkehrs werfen. Sie zeigt sich in Form von grünen Mittelpufferkupplungen: dem mechanischen Teil der Digitalen Automatischen Kupplung (DAK). Die mit dieser „Vorstufe“ ausgestatteten Wagen benötigen keine Seitenpuffer mehr – ein weiteres Erkennungsmerkmal. „Die DAK wird den Schienengüterverkehr, wie wir ihn heute kennen, revolutionieren“, sagt Fabian Wartzek, Projektleiter DAK bei der DB, die im Rahmen von „DAC4EU“ zusammen mit DB Systemtechnik Projektpartner der WLE ist.
Bei „DAC4EU“ – das Kürzel steht für Digital Automatic Coupling for Europe – wird aufmerksam beobachtet, wie sich die Kupplung in den WLE-Zügen bewährt. Bis zu fünf Mal am Tag pendeln die Kalksteintransporte auf der 60 Kilometer langen Strecke zwischen den Steinbrüchen bei Warstein und der Zementindustrie bei Beckum. Dabei setzt die WLE drei Wagenparks ein. Im März 2025 nahmen die ersten beiden Wagenpaare vom Typ Fa ihren Dienst mit der DAK auf. Bis Anfang November waren sechs neue Kupplungen verbaut und im täglichen Einsatz. „Wir sind mit unseren DAK-Wagen bislang fast 20.000 Kilometer gefahren“, berichtet Felix Holtmann, Eisenbahnbetriebsleiter bei der WLE: „Es gab keine Probleme mit dem Kalkstaub und auch keine Ausbeulungen oder Risse an den Kupplungen – alles absolut störungsfrei.“
Kompletter Zug bis Anfang 2026 „digital“
Das Projekt „DAC4EU“ hat nach seinem Start im Jahr 2020 mittlerweile die sechste und letzte Phase erreicht. Nach mehr als vier Jahren Entwicklung und Erprobung läuft nun bis Mitte 2026 die „Betriebserprobung in realen Umgebungen“, so die Beschreibung des aktuellen Projektabschnitts. Ziel ist es, bis Anfang 2026 einen kompletten Zugverband inklusive Lok komplett auf die DAK umzurüsten. Die dafür benötigten Kupplungen stammen vom Hersteller Voith. In den WLE-eigenen Werkstätten für Güterwagen und Lokomotiven laufen die Arbeiten bereits. Die Strom- und Datenleitungen sind in den Wagen schon eingebaut, werden im aktuellen Probebetrieb aber noch nicht genutzt und kommen erst später zum Einsatz: ein „Upgrade“, das die derzeit lediglich automatische Kupplung zu einer „vollwertigen“ digitalen automatischen Kupplung macht. Die soll dann ihre Stärken im Betrieb ausspielen. Beispielsweise müssen die Züge in Warstein zum Beladen in zwei Teile getrennt werden. Mit der DAK wird das Entkuppeln per Tastendruck ebenso möglich sein wie auch die automatische Bremsprobe. „Wir haben bei der Zugbildung eine enorme Arbeitserleichterung für unser Rangierpersonal und eine große Zeitersparnis“, sagt WLE-Eisenbahnbetriebsleiter Felix Holtmann.
Für die digitalen Kupplungen sind die Testbedingungen rau. Das liegt einerseits am Transportgut. Der für die Zementindustrie bestimmte Kalkstein rauscht bei der Beladung ungesiebt von oben in die Schüttgutwagen. Wenn Brocken danebenfallen, können die auch schon mal die Kupplung treffen. Zudem verschmutzt scharfkantiger Kalksteinstaub alle Teile. „Das alles zieht einen erhöhten Wartungsaufwand an Kupplungen und Puffern nach sich“, sagt Ole Lebek, bei der WLE zuständig für die Fahrzeugtechnik und die Instandhaltungsentwicklung.
Und dann ist da noch die Mittelgebirgsstrecke: Auf dem Abschnitt zwischen Warstein und Anröchte wird es besonders anspruchsvoll. Die Strecke windet sich in steilen Anstiegen und zahlreichen Kurven den Haarstrang hinauf bis zum Scheitelpunkt auf 330 Metern Höhe und wieder hinunter. Ihr spektakulärster Abschnitt wird „Westfälischer Semmering“ genannt – in Anlehnung an die berühmte österreichische Gebirgsbahn, die seinerzeit die erste mit Normalspur in Europa war. Zwischen Warstein-Belecke und Uelde, einem Ortsteil von Anröchte, müssen die bisweilen überschweren Güterzüge auf 20 Kilometern etwa 250 Höhenmeter überwinden und an den steilsten Stellen Steigungen von 20 Promille bewältigen. Dafür benötigen manche Transporte Unterstützung. Sie müssen dann von einer Lok am Zugende nachgeschoben werden.
Die WLE verfügt über ein eigenes Schienennetz mit einer Länge von rund 120 Kilometern und transportiert jährlich mehr als eine Million Tonnen Güter, hauptsächlich Kalkstein und Zement, aber auch Bier und Holz. Auf dem bundeseigenen Streckennetz verbieten die Regularien die kommerzielle DAK-Erprobung im Dauerbetrieb. Auf einer nichtbundeseigenen Infrastruktur wie bei der WLE ist dagegen die kommerzielle Erprobung nicht zugelassener Hardware erlaubt – in enger Abstimmung mit der Landeseisenbahnaufsicht.
„Die europaweite Einführung der DAK stellt einen Schritt für die Modernisierung und Digitalisierung des Schienengüterverkehrs dar und bietet das Potenzial, dessen Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken“, erläutert Dominik Knoop, Fachbereichsleiter Eisenbahntechnik beim VDV: „Es ist wichtig, dass die DAK vor einer umfassenden Einführung zuverlässig funktioniert, benutzerfreundlich konzipiert ist und in die Geschäftsmodelle der Eisenbahnverkehrsunternehmen integriert werden kann.“ Derzeit werden im Schienengüterverkehr seit fast 150 Jahren hauptsächlich Schraubenkupplungen verwendet, deren Handhabung für das Personal mit erheblichem Kraftaufwand und Risiken verbunden ist. Auch das Umweltbundesamt hebt in seinem Bericht „Verkehrswende und Konzept für einen leiseren Schienenverkehr bis 2030“ hervor, dass angesichts des zunehmenden Arbeitskräfte- und Nachwuchsmangels ein Umdenken erforderlich ist.
Harte Testbedingungen: Die Be- und Entladung von Kalkstein ist eine staubige Angelegenheit, kann aber der DAK nichts anhaben.