Paris, irgendwo zwischen den großen Hallen von Bercy und den Gleisen der Güterbahnhöfe. Es riecht nach Holz, Eisen und Wein. Manchmal ist der Duft des Weines gar schon in den Gestank von Essig übergegangen, der alles überlagert. Männer gehen ihrer anstrengenden Arbeit nach.
Auf den Schienen stehen keine gewöhnlichen Wagen, sondern rollende Fässer. Große Fässer, wie man sie sonst nur aus den Châteaux kennt. Manche tragen gleich zwei mächtige Holzbehälter, andere nur einen besonders großen. Wer sie heute zum ersten Mal sieht, hält sie leicht für eine etwas übermütige Modellbahnidee. Nur: Es gab sie wirklich.
Weintransport per Bahn am Bahnhof von Ingrandes-sur-Loire zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Und mehr noch: Diese Wagen waren einmal eine echte Innovation im Güterverkehr. Denn vor dem Siegeszug der Eisenbahn wurde Wein vor allem in Fässern per Schiff, Karren oder Fuhrwerk transportiert. Das war teuer und aufwändig. Und auch mitunter gefährlich. Mit der Schiene änderte sich das grundlegend. Plötzlich konnten die Winzer des französischen Midi viel größere Mengen viel weiter schicken, nach Paris, in andere Landesteile und sogar über die Grenzen Frankreichs hinaus. Der Weinhandel wurde schneller, größer und deutlich systematischer. Dank der Weinfasswagen wurde französischer Wein zu einem internationalen Massengeschäft.
Durstige Soldaten
Der Reiz der Weinfasswagen lag nicht nur in ihrer ungewöhnlichen Optik. Sie waren vor allem praktisch. Im Vergleich zum klassischen Fassverkehr sparten sie Aufwand: weniger Rangieren einzelner Fässer, weniger Leckverluste, weniger Personal beim Umschlag und weniger totes Gewicht im Rücklauf. Was heute nach Nische klingt, war damals ein echter Wettbewerbsvorteil. Kein Wunder also, dass sich die Wagen ab etwa 1900 rasant verbreiteten. Ihre Zahl stieg auf mehr als 20.000 Wagen.
Rivesaltes: Befüllung der Kesselwagen während des Ersten Weltkriegs.
Der Höhepunkt der Weinfasswagen wurde in einer schweren Stunde erreicht. Im Ersten Weltkrieg rollte Wein in Massen, besonders an die Front. Denn Wein zählte damals zur festen Ration französischer Soldaten. Ab November 1914 trafen in Paris-Bercy teils ganze Weinzüge im Zehn-Minuten-Takt ein. 1917 verlangte die französische Armee rund 12 Millionen Hektoliter Wein. Mehr als 8.000 Wagen rollten eigens dafür, um die Soldaten bei Laune zu halten.
Bleibt noch die naheliegende Frage, ob man diese rollenden Vorräte vor Mundräubern schützen musste. Die knappe Antwort lautet: ja, unbedingt! Die Fässer besaßen Öffnungen, die sich mit Schloss oder Plombe sichern ließen. Und als regelmäßige Diebstähle sowie hohe Reparaturkosten, bedingt durch eine Vielzahl an Fassbeschädigungen mit allerlei Handbohrmaschinen, zum Problem wurden, entstanden später sogar vollständig geschlossene Bauarten. Das romantisch anmutende Bild vom harmlosen Schluck am Gleisrand war wirklich nicht gerne gesehen.
Die Lagerhäuser von Bercy im 12. Arrondissement von Paris am 29. August 1985. Hier sieht man schon einen modernen Wagen.
Alles hat ein Ende, auch die rollenden Fässer
Doch selbst die verbreitetste Speziallösung bleibt nur so lange im Dienst, wie sie wirtschaftlich mithalten kann. Genau daran scheiterten die Weinfasswagen am Ende. Moderne Kesselwagen übernahmen ihre Aufgabe, später kamen standardisierte Tanks hinzu. Heute wird Bulk-Wein unter klaren Qualitäts- und Hygieneregeln in lebensmittelechten Tanks transportiert, etwa in ISO-Tankcontainern oder Flexitanks. Gegen diese nüchterne Effizienz hatten die beschwipsten hölzernen Fasswagen keine Chance. Ihre Zeit endete in den 1960er Jahren.
Ganz verschwunden sind sie trotzdem nicht. In den Eisenbahnmuseen sind sie als rollende Anekdote noch ab und zu zu finden. Zum Beispiel in der Cité du Train im elsässischen Mulhouse. Dort steht noch ein hölzerner Bi-Foudre-Wagen von 1900.
In Paris-Bercy hingegen, wo früher Hunderttausende Liter Wein verladen wurden, blieb von der einst so bedeutenden Ladung nichts übrig. Die Verladehallen standen jahrzehntelang leer, blieben aufgrund ihrer einzigartigen Konstruktion und Anordnung ungenutzt und verfielen. Bis der Abrissbagger kam. Nun befindet sich an der Stelle, wo Wein in die ganze Welt versendet wurde, mit dem Palais Omnisports de Paris-Bercy ein wichtiges Pariser Sportzentrum.
Auf jeden Fall gesünder so.
Santé !