Projekte auch jenseits der Hauptstadtregion
Das war letztlich die Geburtsstunde von SERM. Relativ zügig, reichlich unbürokratisch wurden die Voraussetzungen geschaffen. So wurde die staatliche Société du Grand Paris, die 2010 zum Aufbau des Grand Paris Express gegründet worden war, kurzerhand in Société des Grands Projets umbenannt – und ist nun verantwortlich auch für die Planungen und Finanzierungen in den Regionen. Ein umfangreiches Programm: In den letzten zwei Jahren wurden in 26 Gebietskörperschaften in allen Teilen Frankreichs SERM-Projekte zertifiziert. Nahezu sämtliche größere Städte und ihr Umland haben sich damit für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs interessiert und qualifiziert.
Nach Angaben von SNCF Réseau geht es um Vorhaben, die derzeit nach ersten Einschätzungen einen Investitionsbedarf bis weit ins nächste Jahrzehnt von wenigstens 25 Milliarden Euro haben. Hinzu kommen Betriebskosten, die auf etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr geschätzt werden. Die hohen Kosten sollen sich Staat und Gebietskörperschaften teilen, teils über Kredite mit 50 Jahren Laufzeit. Auch die heimische Wirtschaft wird zur Kasse gebeten. Die Unternehmen müssen eine Lohnsummensteuer, die „Versement mobilité“, für die Verbesserung der Mobilität entrichten. Dieses fiskalische System ist in Frankreich seit Jahrzehnten erprobt: Auch der Infrastrukturausbau in der Île de France wurde und wird mittlerweile zu knapp 40 Prozent durch derartige Abgaben finanziert.
Arbeit gibt es reichlich. In Frankreich hat der öffentliche Nahverkehr im Bereich bis 80 Kilometern lediglich einen Marktanteil von neun Prozent. Abgesehen davon, dass die weitaus überwiegende Mehrzahl der Franzosen weit weg vom nächsten Bahnhof lebt, ist der Schienenverkehr in der Provinz noch weit von einer Rückgratfunktion entfernt. Taktfahrpläne sind die Ausnahme, ein durchgängiges Zugangebot über Tag ist Rarität. Das Beispiel aus dem Médoc mit seinem dünnen Fahrplan ist nicht untypisch.
Neben Bordeaux zählt Straßburg zu den Städten und Regionen, die mit der Weiterentwicklung ihres Verkehrsangebotes schon angefangen haben. Im Dezember 2022 startete in der Europastadt und Metropole der Region Grand Est die erste französische S-Bahn-Linie außerhalb der Île de France. Sie bekam den Namen REME, Réseau Express Metropolitain Européen, obwohl sie nach SNCF-Sprachgebrauch eigentlich eine RER ist. Es ist der Auftakt für ein Netz, das weitgehend das Elsass bedienen soll. Der Gedanke, mit multimodalen Verkehrsangeboten auch außerhalb der Schienen guten öffentlichen Verkehr anzubieten, taucht auch dort schon auf, noch bevor das Projekt in SERM aufging: Straßburg plant Express-Buslinien, die via Autobahn die Lücken im Bahnnetz schließen.
Schienenverkehr über die Grenze
SERvices Express Regionaux Metropolitains: Multimodale Projekte im ganzen
Quelle: Ministères transition écologique aménagement du territoire transports ville et logement
Vom verbesserten Schienenverkehr werden über kurz oder lang auch die deutschen Nachbarn in den Bundesländern Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg profitieren. Mit der Region Grand Est, zu der Elsass, Lothringen und die Champagne-Ardenne gehören, wurden schon vor einigen Jahren Vereinbarungen getroffen, den regionalen Schienenverkehr über die Grenze fortzusetzen. So sind mit Ausrichtung auf Straßburg regelmäßige Zugverbindungen geplant: alle halbe Stunde von Offenburg nach Straßburg, stündlich auch von Saarbrücken, Neustadt an der Weinstraße und Karlsruhe. Grenzüberschreitend sind weiterhin Bahnen zwischen Trier, Saarbrücken und Metz sowie von Müllheim in Baden über den Rhein nach Mühlhausen im Elsass (Mulhouse) geplant.
Die Flotte der dafür vorgesehenen komfortablen dunkelblauen „Regiolis“-Triebzüge steht zum Teil bereits auf den Schienen: Es handelt sich um Mehrsystem-Triebfahrzeuge mit Elektro- und Dieselantrieb, die im Elsass in Reichshoffen vom Hersteller CAF gebaut wurden. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Vergabe des Bahnbetriebs, und nach Angaben des Zweckverbandes ÖPNV Rheinland-Pfalz sind die Inbetriebnahmen für Ende 2028 angepeilt.
Triebwagen „Regiolis -TFR“ im Hauptbahnhof Trier (l.): Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und das Saarland sollen besser an die französische Region Grand Est angebunden werden. Im kleinen Grenzverkehr von Kehl über den Rhein überquert eine Tram die neue Brücke nach Straßburg (r.).