Die Hermann-Hesse-Bahn in Baden-Württemberg ist stark gestartet. 25.377 Fahrgäste im Februar 2026 zeigen, dass die reaktivierte Strecke zwischen Calw und Weil der Stadt auf große Nachfrage trifft. Die eigentliche Bedeutung dieser Zahlen liegt jedoch tiefer: Sie sind die erste belastbare Bestätigung dafür, dass sich ein Reaktivierungsprojekt gelohnt hat, das über Jahrzehnte hinweg außerordentlich aufwändig war. Das VDV Magazin berichtete im Dezember 2025 ausführlich über den langen Weg bis zur Reaktivierung.
Die Hermann-Hesse-Bahn ist keine einfache Wiederinbetriebnahme einer alten Strecke. Der Landkreis Calw hatte die Trasse bereits 1994 von der Deutschen Bahn übernommen. Danach folgten jahrelange Diskussionen über Nutzen, Betriebskonzept, Finanzierung und Umsetzung. Erst Mitte der 2010er Jahre kristallisierte sich mit dem Stufenkonzept in Richtung Weil der Stadt und Renningen ein tragfähiger Weg heraus. Schon dieser lange Vorlauf macht deutlich, wie viel politischer Wille und planerische Ausdauer nötig waren, um das Projekt überhaupt auf die Schiene zu setzen.
Hinzu kamen erhebliche technische Anforderungen. In Calw musste wegen der besonderen Topografie im engen Nagoldtal ein Haltepunkt mit zwei Ebenen geschaffen werden. Sichtbares Symbol dafür ist die aufwändige neue Erschließung des Bahnhofs mit einer 30 Meter langen und 29 Tonnen schweren Fußgängerbrücke aus Glas und Stahl, die über die Dächer der Stadt an ihren Platz gehoben wurde. Auch die Strecke selbst wurde nicht einfach reaktiviert, sondern in zentralen Abschnitten grundlegend modernisiert. Ein neuer Tunnel ersetzt eine Schleife der Altstrecke, ein knapp zwei Kilometer langer zweigleisiger Abschnitt ermöglicht zügigen Begegnungsverkehr, und die Infrastruktur wurde so angepasst, dass ein verlässlicher SPNV mit modernen batterieelektrischen Fahrzeugen überhaupt möglich wird.
Die Februardaten gewinnen zusätzlich dadurch an Gewicht, dass sie unter nicht optimalen Betriebsbedingungen erzielt wurden. Die Hermann-Hesse-Bahn fuhr zunächst im Stundentakt, nur im erweiterten Tagesrand und parallel zu bestehenden Buslinien. Trotzdem wurde bereits am 1. Februar mit 3.490 Fahrgästen die ursprüngliche Tagesprognose von 3.000 deutlich übertroffen. Dies teilte der Landkreis Calw mit. Die Zahlen sprechen dafür, dass der enorme Aufwand der Reaktivierung nicht nur infrastrukturell sichtbar ist, sondern sich nun auch verkehrlich auszahlt.
Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, stillgelegte und derzeit nicht genutzte Bahnstrecken dort zu reaktivieren, wo damit ein substanzieller Beitrag für bessere Mobilität geleistet werden kann. Die Hermann-Hesse-Bahn steht damit beispielhaft für ein Thema, das der VDV bundesweit vorantreibt: Reaktivierungen sind vielerorts zwar anspruchsvoll, können am Ende aber erhebliche positive verkehrliche Wirkungen entfalten. Einen Überblick über die bundesweite Bedeutung des Themas und über weitere Potenziale bietet der VDV auf seiner Internetseite zur Reaktivierung von Bahnstrecken.