Verband & Branche
9 Min
8. Juni 2026

VDV-TramTrains reisen über den Atlantik an

Ihr Name ist Programm: TramTrains sind Schienenfahrzeuge, die den Nahverkehr als Straßenbahn und als Regionalzug bedienen. Und das durchgehend und umsteigefrei auf Linien zwischen den Innenstädten und dem Umland. Das in Fachkreisen berühmte „Karlsruher Modell“ war vor Jahrzehnten der Anfang und wurde mittlerweile mehrfach kopiert. Nun setzen vier deutsche und zwei österreichische Verkehrsunternehmen gemeinsam auf eine Zukunft mit Zweisystem-Fahrzeugen. Im Projekt „VDV-TramTrain“ bestellten sie die Züge gemeinsam. Die ersten werden derzeit für die Aufnahme des Linienbetriebs getestet.

Wenn sie an ihren Einsatzorten ankommen, haben die TramTrains schon eine lange Reise hinter sich. Hergestellt werden sie in Valencia, der Industriestadt an der spanischen Mittelmeerküste. Dort baut der Schweizer Hersteller Stadler alle Fahrzeuge, die die sechs Unternehmen geordert haben: die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), die Saarbahn, die Schiene Oberösterreich (Schiene OÖ GmbH), die Schiene Salzburg GmbH und die Regional-Stadtbahn Neckar-Alb. Für Letztere und die AVG fungiert das Land Baden-Württemberg mit seiner Landesanstalt Schienenfahrzeuge als Mitglied des Konsortiums. Im Rahmen des Projekts war die Saarbahn der erste Betreiber, der die Fahrzeuge erhalten hat. 28 TramTrains mit einer Option auf weitere 21 wurden bestellt. Für die AVG wurden 75, für die VBK 73 Bahnen geordert. Beide Karlsruher Unternehmen halten Optionen von zusammen 125 weiteren Fahrzeugen.

Bis zu 1 Million Euro pro Bahn lassen sich durch die gemeinsame Beschaffung sparen.

VDV-TramTrain in der AVG-Ausführung: Die ersten Fahrzeuge sollen im Sommer in den Liniendienst gehen und die Erfolgsgeschichte des „Karlsruher Modells“ fortschreiben.

Ähnlich wie in Saarbrücken soll auch in Karlsruhe voraussichtlich ab Mitte dieses Jahres der erste „VDV-TramTrain“ seinen Betrieb aufnehmen und damit den Generationswechsel einläuten. „Die neuen TramTrains entwickeln das ,Karlsruher Modell‘ konsequent weiter. Sie stärken die nahtlose Verbindung von Stadt und Region und betonen unseren Anspruch, auch künftig Maßstäbe im SPNV zu setzen“, sagt Christian Höglmeier, technischer Geschäftsführer der AVG. Die neue Baureihe ersetzt zum Teil Fahrzeuge, die schon seit der Streckeneröffnung nach Bretten und damit seit dem Start des „Karlsruher Modells“ im Jahr 1992 im Einsatz sind. Ohne nennenswerte Vorkommnisse hat die neue Bahn ihre Bremsversuche und ihre ersten Fahrten durch den Stadtbahntunnel sowie den Systemwechsel zwischen Gleichspannung im Tramnetz und Wechselspannung bei der „großen“ Eisenbahn absolviert. Derzeit wird das Fahrzeug hardware- und softwaretechnisch angepasst. Parallel dazu werden weitere Systeme des Fahrzeugs wie das Fahrgast­informationssystem oder die Toilettenanlage in Betrieb genommen.

Die neuen TramTrains entwickeln das ,Karlsruher Modell‘ konsequent weiter. Sie stärken die nahtlose Verbindung von Stadt und Region und betonen unseren Anspruch, auch künftig Maßstäbe im SPNV zu setzen.


Christian Höglmeier

technischer Geschäftsführer der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft

Auf dem Tieflader ging es zum Hafen

Der Weg aus der Fabrik zu den Verkehrsunternehmen ist weit und benötigt eine hochqualifizierte Logistikkette. Kürzlich wurde der erste dreiteilige Zug für Oberösterreich auf die Reise geschickt. Dieser Transportweg ist der längste in dem spektakulären Projekt, dessen Gesamtprojektleitung auf Betreiberseite bei den Verkehrsbetrieben Karlsruhe liegt. Im Werk wurde der TramTrain behutsam auf einen Tieflader verpackt. Auf der Straße ging es dann auf einer mehr als 600 Kilometer langen Fahrt nordwärts nach Bilbao, dem Atlantikhafen im Golf von Biskaya. Dort wurde der Tieflader mitsamt seiner Fracht auf ein Ro-Ro-Fährschiff verladen, das dann Kurs auf Antwerpen nahm. „Wo immer es geht, versuchen wir, den Straßentransport von Schienenfahrzeugen zu vermeiden“, sagt Ansgar Brockmeyer, Marketingchef und stellvertretender CEO der Stadler-Gruppe. Die TramTrains des VDV-Projekts sind für die klassischen Schienen Mitteleuropas, also mit 1.435 mm Spurweite, ausgelegt. Vor dem Werkstor liegt jedoch die iberische Breitspur. Im Hafen von Antwerpen begann für den Zug sein Schienenleben. Auf eigenen Rädern rollte er südwärts Richtung Österreich. Noch nicht mit eigener Kraft, sondern gekuppelt an eine Lokomotive und gesichert durch einen Bremswaggon. In der Nähe der Stadt Wels rückte das Ziel näher. Eine allerletzte Etappe auf der Schiene führte dann in das Städtchen Eferding, dem Standort des Betriebswerks der Linzer Lokalbahn. Dort wird der TramTrain in den nächsten Monaten in den Betriebsalltag im Vorlauf für die im Aufbau befindliche Regional-S-Bahn von Linz starten – eine echte TramTrain-Aufgabe mit Straßenbahn-Teilstrecken in der oberösterreichischen Metropole und klassischen Eisenbahntrassen im Umland.

Präsentation in Saarbrücken: Das Eintreffen des ersten Fahrzeugs im Juni 2025 war für die Saarbahn ein besonderer Meilenstein.

Gemeinsame Bestellung senkt den Stückpreis

„Citylink“ nennt Stadler sein Modell. „Der Auftrag des deutsch-österreichischen Konsortiums ist der größte in der Firmengeschichte von Stadler“, betont Ansgar Brockmeyer. Zunächst sollen 246 Fahrzeuge geliefert werden. Die Vergabe sieht aber eine Aufstockung auf über 500 TramTrains vor – ein Milliardenauftrag. Was den Hersteller freut: Die Verkehrsunternehmen haben ihm für 32 Jahre zudem die Wartung und Instandhaltung ihrer neuen Züge übergeben. Auch die Betreiber haben Grund zur Freude. Durch ihren Gemeinschaftsauftrag mit der großen Stückzahl wurden die Züge billiger als bei individuellen Bestellungen. „Die enge und offene Abstimmung mit den Kooperationspartnern und mit Stadler ist für dieses Projekt von zentraler Bedeutung“, erläutert Gesamtprojektleiter Thorsten Erlenkötter (VBK). Mit den gemeinsamen Spezifikationen, den abgestimmten Zulassungsverfahren und der gegenseitigen Unterstützung sei man weiterhin dabei, „ein weltweit einzigartiges Beschaffungsprojekt umzusetzen und aufzuzeigen, dass man in Zusammenarbeit Kosten sparen kann“. Zum Stand der Preise im Januar 2022 waren das bis zu einer Million Euro pro Bahn.

Der erste TramTrain Österreichs machte sich per Tieflader auf die Reise nach Eferding und soll bei der Linzer Lokalbahn zum Einsatz kommen.

Die dreiteiligen Fahrzeuge aus Edelstahl-Leichtbau basieren auf einer gemeinsamen Plattform mit 37 Metern Länge und 2,65 Metern Breite. Bis zu vier Einheiten können zu einem Langzug gekuppelt werden. Im Detail gibt es je nach Einsatzgebiet durchaus auch technische Unterschiede von der Fahrzeugkopfform über die Leit- und Sicherungstechnik bis hin zur Ausstattung mit Toiletten. „Der TramTrain ist technisch und organisatorisch eine ganz andere Dimension als klassische Fahrzeugbeschaffungsprojekte“, berichtet Alexander Wetzl, stellvertretender Gesamtprojektleiter: „Entscheidend für den Erfolg ist dabei nicht nur die Technik, sondern das Zusammenspiel der Menschen dahinter.“

Bei den deutschen Konsortialpartnern sind auf dem langen Weg via Atlantik bislang vier Citylinks angekommen: drei für die Saarbahn und eine Bahn für die AVG. Bevor sie sukzessive in den nächsten Monaten in den Liniendienst gehen, werden sie für die umfangreichen Zulassungsprüfungen eingesetzt. „Das Besondere am TramTrain-Projekt ist die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten“, erklärt Stefan Fildin, technischer Projektleiter der Gesamtprojektleitung. Die vereinte Erfahrung unterschiedlicher Betreiber „kommt hier in beeindruckender Weise zusammen und bildet die Basis für die Weiterentwicklung moderner Zweisystem-Fahrzeuge“. Die nächste Anlieferung ist in der Ausführung der VBK für Ende Mai vorgesehen. Bis 2032 soll die Auslieferung der Fahrzeuge abgeschlossen sein. Bis 2035 gibt es eine Option für die weiteren Bahnen.

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VDV-Positionspapier: Rahmen für autonomes Fahren auf der Schiene

Mit dem neuen VDV-Positionspapier „Die Tram der Zukunft fährt autonom“ legt die Branche zur Jahrestagung 2026 in Karlsruhe eine Strategie für autonome Stadt- und Straßenbahnen vor. Autonomes Fahren auf der Schiene ist besonders naheliegend, weil Straßen- und Stadtbahnen spurgeführt, liniengebunden und systemisch steuerbar sind. Während für die Straße seit 2021 ein Rechtsrahmen für autonome Fahrzeuge besteht, fehlen für Stadt- und Straßenbahnen wesentliche rechtliche Grundlagen in der entsprechenden Betriebsverordnung.
www.vdv.de/positionen

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