Projekt-Orte im ganzen Land
In Ober-Roden steht eine herausragende Biografie im Mittelpunkt. Das Projekt „Rosels Weg“ erzählt die Geschichte von Rosel Hecht, einem jüdischen Mädchen aus Ober-Roden. 1938 begann für die damals Zwölfjährige am Bahnhof der Weg in ein jüdisches Kinderheim. Später wurde sie nach Minsk deportiert und vermutlich in Maly Trostinez ermordet. Entlang der rund 750 Meter vom Elternhaus bis zum Bahnhof sollen Tafeln an Orte ihres Alltags, ihres Ausschlusses und ihrer Verfolgung erinnern. Ergänzt wird das Projekt durch Instagram-Reels, einen Podcast und eine Open-Air-Performance auf jenem Weg, den Rosel als Kind mit ihrer Mutter zum Bahnhof ging.
In Königstein richtet das Projekt „Verborgene Stationen“ den Blick auf die Sächsische Schweiz. Die Region war vor dem Krieg ein beliebtes Reiseziel. Im Krieg wurde sie zunehmend zu einem Ort von Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Gewalt. Allein in Königstein arbeiteten laut Projektbeschreibung mehr als 1.000 Zwangsarbeiter:innen in Stollen, in denen Hydrierwerke entstehen sollten. Die Reichsbahn spielte dabei eine zentrale Rolle: Sie brachte Häftlinge in die Region und sollte später auch die produzierten Güter abtransportieren. Radtouren, ein Radführer und ein Gedenkzeichen am Bahnhof Königstein sollen diese Geschichte sichtbar machen.
In Köln widmet sich „Deutz-Tief. Gleis ins Vergessen“ der Geschichte von Verfolgung und Deportation am Bahnhof Köln-Deutz. Das Projekt der Sinti-Allianz Deutschland NRW macht besonders die Schicksale von Sinti, Roma, Jenischen, Jüdinnen und Juden sowie weiteren marginalisierten Gruppen sichtbar. Der heutige Verkehrsknotenpunkt war 1940 Schauplatz einer der frühesten Deportationen aus dem Rheinland. Viele der Verschleppten kehrten nicht zurück, ihre Namen und Geschichten blieben lange unsichtbar.
Auch Cottbus zeigt, wie stark Bahnhofsgeschichte und NS-Verbrechen miteinander verbunden waren. Der Cottbuser Hauptbahnhof war während des Nationalsozialismus Ausgangspunkt von Deportationen unter Beteiligung der Deutschen Reichsbahn. Betroffen waren unter anderem die jüdische Bevölkerung der Stadt, Insassinnen des Frauenzuchthauses sowie Zwangsarbeiter:innen. Darüber hinaus führten Deportationszüge über Cottbus in Ghettos und Vernichtungslager. Das Projekt „Cottbus: Ein Bahnhof der Erinnerung“ will diese Geschichte durch ein dauerhaftes Gedenkzeichen, eine temporäre Ausstellung in der Bahnhofshalle und öffentliche Veranstaltungen sichtbar machen.
In Neumünster steht der Hauptbahnhof als Ort von Ankunft, Zwangsarbeit und Deportation im Mittelpunkt. Die Projektreihe „VON HIER AUS“ arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, die lokale Biografien und historische Spuren künstlerisch, musikalisch und performativ bearbeiten. Die Projektseite nennt für Neumünster rund 5.000 Zwangsarbeiter:innen zwischen 1939 und 1945. Sie kamen unter anderem aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich und den Niederlanden. Viele wurden nach ihrer Ankunft per Zug in eines von 31 Lagern im Stadtgebiet gebracht und anschließend auf Rüstungsbetriebe, Metallwerke, Lederfabriken oder kommunale Einrichtungen verteilt.
In Meppen untersucht die Volkshochschule die Rolle des Bahnhofs als Deportationsstelle für Juden, Sinti und Roma, als Ankunftsort von Zwangsarbeiter:innen, Häftlingen und Kriegsgefangenen sowie als Umstiegsbahnhof zu privaten Bahnen. Das Projekt „Spuren der Nachbarn sichtbar machen“ verbindet biografisches Storytelling mit interaktiven Karten, Ausstellungen, Installationen und Workshops. Es geht dabei nicht nur um historische Fakten, sondern auch um die Frage, warum manche Spuren im Stadtbild sichtbar blieben und andere verdrängt wurden.
In Trebnitz wird der Bahnhof zum Ausgangspunkt einer Erinnerung an Zwangsarbeit im ländlichen Raum. Das Projekt „Zwischenhalt Zwangsarbeit“ fragt danach, wie Zwangsarbeiter:innen aus Europa, besonders aus Polen, vom Bahnhof aus in Höfe und Arbeitsstellen im Dorf und in der Region gelangten. Zwischen September 2025 und Juni 2026 entwickelt Schloss Trebnitz gemeinsam mit Erinnerungsinitiativen ein Konzept, das Jugendbegegnungen, Performances, einen Audiowalk und ein Gedenkzeichen am Bahnhof umfasst.
In Berlin richtet das Jugend Museum den Blick auf den Park am Gleisdreieck. Jugendliche erforschen dort die NS-Vergangenheit des Anhalter Bahnhofs und der Yorckbrücken. Ausgangspunkt sind sichtbare Gleisreste im Park. Über diese Gleise fanden während des Nationalsozialismus Fluchten, Kindertransporte und Deportationen in Konzentrationslager statt. Die Jugendlichen recherchieren Biografien, werten Fotos und Karten aus, führen Interviews mit Parkbesucher:innen und entwickeln eigene künstlerische Formate. Am Ende sollen eine öffentliche Intervention im Park, eine Werkschau im Jugend Museum und ein Gedenkzeichen vor Ort stehen.
In Weiden verbindet das Projekt „Letzter Halt: Flossenbürg“ lokale Eisenbahngeschichte mit digitalem Storytelling. Im Zentrum steht die heute teilweise nicht mehr existierende Strecke von Weiden nach Flossenbürg. Seit 1938 wurde sie für den Transport von Zehntausenden KZ-Häftlingen sowie für den Abtransport der Produkte ihrer Zwangsarbeit genutzt. Das Projekt der Dekoder gGmbH untersucht die Bahn damit nicht nur als lokale Verbindung, sondern als Teil eines größeren Systems aus Lager, Transport, Arbeit und Ausbeutung.
In Göttingen entsteht am ehemaligen Güterbahnhof ein Theaterstück. Das Projekt „Ein Bahnhof ohne Erinnerung“ fragt, warum vor Ort heute kaum etwas an die Verbrechen erinnert, die dort geschahen. Im Mittelpunkt stehen Einzel- und Familienschicksale aus Göttingen: Menschen, die von dort in Konzentrationslager verschleppt wurden, und Zwangsarbeiterinnen, die ankamen und in der Rüstungsindustrie ausgebeutet wurden. Das Deutsche Theater Göttingen sammelt gemeinsam mit Museen und Historiker:innen Fakten und persönliche Zeugnisse und macht den Ort künstlerisch neu erfahrbar.
In Meiningen widmet sich die Stadtverwaltung einem blinden Fleck der lokalen Erinnerung. Zwangsarbeit sei in Meiningen bisher kaum Thema, heißt es auf der Projektseite. Dabei hielten sich im Frühjahr 1945 knapp 6.000 Menschen aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Sowjetunion, Polen, Griechenland, der Tschechoslowakei, Ungarn, Armenien und Italien in Meiningen auf. Viele arbeiteten am Reichsbahnausbesserungswerk, in Betrieben oder privaten Haushalten. Das Projekt „Spurensuche“ macht diese verdrängte Geschichte sichtbar und knüpft damit direkt an die Frage an, wie sehr auch kleinere Städte von Zwangsarbeit geprägt waren.
MemoRails macht deutlich, wie nah diese Geschichte noch immer ist. Sie liegt nicht nur in großen Gedenkstätten oder weit entfernten Lagern, sondern auch an Orten, an denen Menschen heute täglich vorbeigehen: an Bahnhöfen, Gleisen, Bahnsteigen und ehemaligen Güterbahnhöfen. Die Projekte holen die Geschichten der Verfolgten zurück in die Öffentlichkeit und zeigen, welche Rolle die Eisenbahn bei Deportation, Zwangsarbeit und Ausgrenzung spielte. So entstehen Formen der Erinnerung, die unmittelbar an den historischen Orten beginnen und Menschen vor Ort erreichen. MemoRails trägt damit dazu bei, vergessene Spuren sichtbar zu machen und die Erinnerung an die Opfer lebendig zu halten.