Verband & Branche
9 Min
4. März 2026

Vielfalt und Respekt auf der ganzen Linie

Der demografische Wandel verschärft den Personalbedarf in der Verkehrsbranche und erhöht die kulturelle Vielfalt unter Mitarbeitenden und Fahrgästen. Interkulturelle Kompetenz gewinnt daher an Bedeutung. Dabei unterstützte das Projekt „Vielfalt erFAHREN“ zahlreiche ÖPNV-Unternehmen in Mitteldeutschland. „Toleranz und Verständnis sind unverzichtbar“, betont die Projektverantwortliche Alexandra Michaelis.

"Deutsche sind pünktlich“, „Deutsche trinken gerne Bier und essen Kartoffeln und Wurst“, „Deutsche machen am liebsten Urlaub auf Mallorca“ – ein Teilnehmer ruft „Bingo“. Gelächter erfüllt den Seminarraum der Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB) auf dem Betriebshof im Stadtteil Sudenburg. Mit dem „Deutschen Klischeebingo“ beginnt das Seminar „Richtig missverstanden?! – Interkulturelle Kompetenzen fördern“. Durchgeführt wird das Seminar vom Verein „Arbeit und Leben Sachsen“, einer Organisation, die politische, soziale und arbeitsweltbezogene Bildungsangebote für Jugendliche und Erwachsene umsetzt.

Wie Vorurteile im Arbeitsalltag wirken

Nach dem lockeren Einstieg wird es schnell ernster. Es geht darum, wie Stereotype und Vorurteile entstehen und welche Wirkung sie im Arbeitsalltag haben können. „Klischees können negative Konsequenzen haben“, erklärt Alexandra Michaelis, Referentin und Verantwortliche des Projektes „Vielfalt erFAHREN“. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Rebekka Cöster vermittelt sie im Seminar theoretisches Wissen und Hintergrundinformationen zu interkulturellen Kompetenzen. „Im Jahr 2024 bezogen sich 33 Prozent der Anfragen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes auf Diskriminierung im Arbeitskontext“, berichtet sie. Diese Zahlen machten deutlich, wie wichtig Initiativen und Angebote seien, die Diskriminierung entgegenwirken und einen toleranten Umgang fördern.

„Der ÖPNV ist geprägt von täglichen Begegnungen in einem kulturell vielfältigen Umfeld“, sagt Marie-Christin Faika, HR-Spezialistin Personalentwicklung bei den MVB: „Mit dem Seminar stärken wir gezielt die interkulturelle Handlungskompetenz unserer Mitarbeitenden, um Missverständnisse zu reduzieren und eine verlässliche, respektvolle Zusammenarbeit sicherzustellen.“ Das Unternehmen beschäftigt derzeit 933 Mitarbeitende, 31 von ihnen haben keine deutsche Staatsbürgerschaft. Neben der deutschen sind zwölf verschiedene Staatsangehörigkeiten vertreten.

Die Teilnehmenden des Seminars kommen aus verschiedenen Abteilungen der Magdeburger Verkehrsbetriebe, darunter Personal, Ausbildung, Fahrdienst und Fahrschule. Ihre Erwartungen sind unterschiedlich. Besonders beschäftigt sie der Abbau von Sprachbarrieren, eine gelingende Integration im Arbeitsalltag und ein wertschätzender Umgang trotz kultureller Unterschiede. Zu Beginn der inhaltlichen Arbeit stellt Alexandra Michaelis eine zentrale Frage: „Was ist Kultur?“ Die Teilnehmenden sollen dazu ihre Assoziationen notieren und dann im Plenum zusammentragen. Häufig nennen sie sichtbare Aspekte wie Feste, Essen oder Kleidung. Eher unsichtbare Aspekte einer Kultur – wie Religion, Werte oder Mentalität – erwähnen sie seltener. „Kultur ist mehr als das, was wir sehen“, betont Rebekka Cöster. Der sichtbare Teil sei nur ein kleiner Ausschnitt, während vieles unbewusst wirke. Kultur werde erlernt, verändere sich ständig und sei nicht an Ländergrenzen gebunden.

Aber warum ist es so, dass Menschen oft skeptisch gegenüber fremden Kulturen sind und Vorbehalte haben? „Menschen tendieren dazu, andere Kulturen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Kultur zu bewerten“, erklärt Alexandra Michaelis: „Das eigene Wahrnehmen, Denken und Handeln werden als Maßstab genutzt.“ Dieses Muster sei weit verbreitet. „Umso wichtiger ist es, unsere eigenen Denkmuster zu reflektieren und kulturelle Vielfalt respektvoll zu behandeln.“

Wissen aneignen, Empathie zeigen

Um trotz kultureller Unterschiede gut miteinander auszukommen, sei interkulturelle Kompetenz entscheidend. „Das heißt, sich aktiv Wissen anzueignen und sich in die Lebensrealität von Zugewanderten hineinzuversetzen“, verdeutlicht Alexandra Michaelis. Wer nachvollziehen könne, wie neu und komplex alltägliche Dinge für migrantische Personen seien, könne verständnisvoller und unterstützender handeln.
Das Projekt „Vielfalt erFAHREN“ war Teil des Förderprogramms „Unsere Arbeit: Unsere Vielfalt. Initiative für betriebliche Demokratiekompetenz“. Es wurde gefördert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und ist inzwischen ausgelaufen. Mittlerweile gibt es vergleichbare Angebote für den Raum Sachsen.

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Wir stärken gezielt die interkulturelle Handlungskompetenz, um Missverständnisse zu reduzieren und eine respektvolle, verlässliche Zusammenarbeit sicherzustellen.


Marie-Christin Faika

HR-Spezialistin Personalentwicklung bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben

Umso wichtiger ist es, unsere eigenen Denkmuster zu reflektieren und kulturelle Vielfalt respektvoll zu behandeln..


Alexandra Michaelis

Projektverantwortliche „Vielfalt erFAHREN“

Zahl:

Mit 33 Prozent ist die Arbeitswelt häufigster Kontext von Diskriminierung

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