Finanzierung
9 Min
30. JuLi 2026

Der weite Weg zum grenzenlosen Bahnfahren

Bahnfahren über die Grenzen in Europa hinweg soll „einfacher, intelligenter und fahrgastfreundlicher“ werden. Das verspricht die Europäische Kommission. „Eine Fahrt, ein Ticket, volle Rechte“ sei das Ziel. Dafür wird die Brüsseler Gesetzgebungsmaschine angeworfen. Die Bahnen selbst haben schon früher mit der Internationalisierung ihres Angebots begonnen. Die Anfänge sind aber immer noch bescheiden.

Vor zwei Jahren war es noch nicht möglich, eine Fahrplan-Auskunft, geschweige denn einen durchgehenden Fahrschein von einem deutschen Bahnhof nach Frankreich, beispielsweise in die Bretagne nach St. Malo, über die Buchungsplattform der DB zu erhalten. Beim Versuch scheiterte es schon daran, dass der DB Navigator der Ansicht war, dass die vom TGV bediente Stadt gar keinen Bahnhof hätte. Das hat sich grundlegend gebessert. Wer heute über bahn.de eine Europareise auf Schienen vorbereiten will, bekommt reichlich Informationen und vollständige Zug-Angebote — auch nach Italien, Österreich und in die Schweiz. Allerdings machen die Angaben im Computer deutlich: Preise werden längst nicht überall genannt. Und ein Ticket sowie „volle Rechte“ sind auch heute noch vielfach Illusion.

EU baut „Mobilitäts-Landschaft“

Zwar gibt es Ausnahmen wie die sogenannten Durchgangsfahrscheine: Hier bieten mehrere Bahnunternehmen gemeinsam ein Ticket an. Üblicherweise muss der Reisende jedoch mit jedem Bahnunternehmen, in dessen Züge er steigt, einen eigenen Beförderungsvertrag abschließen. Und das bedeutet schlicht: Wenn Anschlüsse von einem Betreiber zum anderen nicht klappen, fühlt sich keines der Verkehrsunternehmen in der Pflicht — weder für die Weiterreise noch für Schadenersatz.

Das will die EU nun ändern. Sie will eine „Mobilitäts-Landschaft“ schaffen, die alle Bürger einschließt und den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln erleichtert. Da gehen die Politikerinnen und Politiker mit einem großen theoretischen Ansatz heran: Sie wollen die Voraussetzungen für den Aufbau „multimodaler digitaler Mobilitätsdienste“, kurz MDMS, in eine Verordnung bringen. Es soll sich – nicht unbedingt überraschend – um Systeme handeln, die Informationen zu Verkehrsdaten, Verfügbarkeiten, Fahrplänen, Tarifen sowie Reservierungen, Buchungen und den Fahrscheinkauf für mehrere Verkehrsanbieter bereitstellen. Bahnunternehmen und Verbünde müssen ihr gesamtes Portfolio über relevante digitale Plattformen Dritter anbieten (sharing obligation) – und der DB Navigator als große Vertriebsplattform wird dazu verpflichtet, auch die Angebote der Konkurrenz zu vertreiben (hosting obligation).

Eine Umfrage von Eurobarometer, dem Marktforschungs-Organ der Kommission, zeigte, dass etwa ein Drittel der Europäer Schwierigkeiten habe, Tickets zu buchen, die verschiedene Verkehrsmittel kombinieren. Die meisten Interessierten haben dann lieber auf die beabsichtigte Reise verzichtet – und sind vermutlich ins Auto gestiegen. Für Bahnreisen gaben 25 Prozent der Befragten an, Schwierigkeiten bei der Buchung von Zugtickets mit mehreren Betreibern zu haben. 41 Prozent dieser Gruppe beschlossen deshalb, ihr Fahrtziel nicht auf der Schiene anzusteuern. Das hat unmittelbare Auswirkungen für den Klimaschutz, stellt die Umfrage fest. Knapp 80 Prozent der Reisenden wollen nachhaltig reisen, doch nur ein Fünftel wählt umweltfreundliche Reiseoptionen, weil Bahnreisen ihnen zu umständlich, häufig auch zu teuer erscheinen und ihnen Flexibilität am Reiseziel fehlt.

Bereits seit mehreren Jahren bemühen sich über 20 Bahngesellschaften in mehr als einem Dutzend von EU-­Staaten, darunter auch die Deutsche Bahn, für ihren internationalen Fernverkehr um einen neuen einheitlichen Online-Buchungsstandard. Das „Open Sales and Distribution Model” (OSDM) soll die Macken in der internationalen Bahninformation und beim Service endgültig beseitigen. Doch der Weg scheint weiter als gedacht. Denn es geht nicht nur um Züge und Fahrausweise, sondern beispielsweise auch um obligatorische Sitzplatzreservierungen in französischen oder italienischen Hochgeschwindigkeitszügen oder um Betten im wachsenden Nachtzug-Angebot. Eigentlich sollte der neue Dienst bereits zum letzten Fahrplanwechsel vollständig zur Verfügung stehen.

International, national – egal

Doch bis alle 22 Eisenbahnen angeschlossen sind, vergeht noch Zeit. Und das OSDM ist weit weg vom Traum des „seamless travel“, dem nahtlosen Reisen. Wer beispielsweise von Deutschland aus eine Bahnfahrt nach Italien oder mit dem Schnellzug Eurostar nach Paris buchen möchte, findet im DB Navigator folgenden Hinweis: „Hier finden Sie mehrere Angebote unterschiedlicher Beförderer zu deren jeweiligen Konditionen und Beförderungsbedingungen. Für jedes dieser Angebote wird eine eigene Fahrkarte ausgegeben, die jeweils einen einzelnen Beförderungsvertrag dokumentiert.“ Dem steht eine Aussage von Michael Peterson, dem Fernverkehrschef der DB, entgegen: Eine internationale Fahrkarte solle genauso problemlos buchbar sein wie eine nationale. In einer ersten Stufe funktioniert OSDM zunächst einmal zwischen Deutschland und der Schweiz sowie Österreich.

Mit dem „Passenger Package“ der Europäischen Kommission soll nunmehr die Liberalisierung auch bei Reservierungen, bei der Buchung und beim Verkauf von Fahrscheinen weiter vorangetrieben werden. Dem Parlament und dem Rat wurden am 13. Mai 2026 drei Verordnungsentwürfe vorgelegt. Diese stellen Regeln auf, mit denen die Vertriebssysteme im Transportsektor und speziell im Bahnbereich für den Kunden überschaubarer werden. Verändert werden soll auch die Regelung der Fahrgastrechte. Letztlich will die Kommission erreichen, dass der Bahnkunde mit einem einzigen Beförderungsvertrag unterwegs ist und den vollen Rechtsschutz auf der gesamten Reise hat, unabhängig davon, in welchem Zug von welchem Betreiber er sitzt.

Die Gemeinschaft der europäischen Bahnen (CER) verfolgt die Absicht der Brüsseler Verkehrspolitik mit einiger Skepsis. In einer Presseerklärung ist von „beispiellosem und ungerechtfertigtem regulatorischen Interventionismus“ der Kommission die Rede. Die Eisenbahnen hätten in den letzten Jahren hart daran gearbeitet, speziell mit ihrem Buchungsstandard OSDM weitere Verbesserungen vorzunehmen und den Online-Verkauf von Bahntickets noch einfacher zu machen. Die CER warnt vor einer Machtverschiebung hin zu privaten Plattformen, bei denen sich „Big Tech“ wie beispielsweise Google oder Apple etablierten. Damit würde einem Zwischenhandel die Türen geöffnet, der letztlich die Gewinnmargen der Bahnen und die bisherigen Provisionssysteme infrage stelle. Zu befürchten sei eine sinnlose Überregulierung statt einer Optimierung des internationalen Bahnverkehrs.

Der VDV teilt diese Sorgen und möchte konstruktiv an den Gesetzestexten mitarbeiten, um an den wichtigsten Stellen noch Änderungen zu erwirken. „Dass die Vorschläge nun gekommen sind, überrascht uns nicht“, so Annika Degen, Leiterin des VDV-Europabüros: „Das Europäische Parlament fordert seit über zehn Jahren, dass das Buchen von Fahrscheinen in Europa einfacher werden müsse.“ Nun nimmt es der Gesetzgeber in die Hand. Allerdings greift er dabei tief in die Vertragsfreiheit der beteiligten Akteure ein. Und auch die Einführung eines ‚einzelnen Fahrscheins‘ für jede beliebige Reisekette, die online zusammengestellt und gebucht wird, ohne dass es dafür eine vertragliche Grundlage zwischen den beteiligten Bahnen gäbe, ist aus Sicht des VDV so nicht akzeptabel. „Hier wird der Gesetzgeber nachbessern müssen“, erklärt Annika Degen. „Andernfalls muss das Risiko der Bahnen im Nah- und Fernverkehr, auf deren Teil der Strecke eine Verspätung entstehen könnte, die zu Erstattungen und Entschädigungszahlungen in der weiteren Reisekette führt, eingepreist werden – und Bahnfahren würde teurer für alle Kundinnen und Kunden, auch die vielen Personen, die nur vor Ort fahren und gar keinen Bedarf nach europäischen Bahntickets haben.“

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Portrait Annika Degen

Das Europäische Parlament fordert seit über zehn Jahren, dass das Buchen von Fahrscheinen in Europa einfacher werden müsse.


Annika Degen

Leiterin des VDV-Europabüros

25 Prozent hatten bei der Buchung von Tickets Schwierigkeiten.

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