Roter Italo-Hochgeschwindigkeitszug am Bahnhof Roma Termini in Italien
Europa
9 Min
15. SEPTEMBER 2026

Schnelle Züge beflügeln den Wettbewerb

Der private italienische Betreiber Italo plant den Einstieg in den deutschen Markt mit Hochgeschwindigkeitszügen, die er bei Siemens bestellt hat. Während in Deutschland kontrovers über die Konkurrenz für den ICE diskutiert wird, ist Wettbewerb auf schnellen Schienen im Ausland schon länger Alltag. Ideen für weitere, meist internationale Projekte zeichnen sich ab, auch mit Perspektiven für Deutschland.

Tiefblau lackiert sollen die Italo-Züge voraussichtlich ab 2028 antreten. Hinter der ungewöhnlichen Farbgebung verbirgt sich ein alter Bekannter — der von Siemens Mobility in Krefeld gebaute „Velaro“ als Produktvariante des ICE 3 neo. Geplant ist vom Betreiber NTV („Nuovo Trasporto Viaggiatori“), hinter dem seit Ende 2023 als Hauptaktionär die italienische Reederei- und Kreuzfahrtgruppe MSC steht, zunächst ein stündliches Angebot zwischen München und Dortmund sowie ein Zug alle zwei Stunden zwischen München, Berlin und Hamburg. Mit 30 Zügen will Italo an den Start gehen.

Die Bundesnetzagentur hat ihr Okay gegeben. Die Netztochter DB InfraGO muss demnach künftig ein Viertel der Kapazitäten im Schienennetz für Wettbewerber des DB Fernverkehrs offen halten. „Wettbewerb ist für uns nicht neu. Seit Jahren sind neben dem DB Fernverkehr auch andere Unternehmen im Markt“, sagt Dr. Michael Peterson, Vorstand Personenfernverkehr der Deutschen Bahn AG: „Unser Anspruch ist klar: Wir wollen unseren Fahrgästen heute und künftig die besten Verbindungen, moderne Züge, Komfort und Sauberkeit an Bord sowie attraktive Preise bieten. Gleichzeitig brauchen wir faire und verlässliche Spielregeln für alle Anbieter.“ 

Gegen die Entscheidung der Bundesnetzagentur hat DB InfraGO vor dem Kölner Verwaltungsgericht mittlerweile Klage eingereicht.

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DB InfraGO klagt gegen die Bundesnetzagentur

Am 2. Juni 1991 startete die Deutsche Bahn, damals noch als Bundesbahn, in die Zeit des Hochgeschwindigkeitsverkehrs mit dem ICE. Aus der ersten Linie, die von Hamburg über Kassel-Wilhelmshöhe, Frankfurt, Mannheim, Stuttgart nach München führte, entstand über die Jahrzehnte ein ausgedehntes Netz für den Fernverkehr auf der Schiene. Heute sind nach Angaben des Konzerns täglich über 900 ICE und Intercityzüge im Inland unterwegs. Viele Züge fahren auch ins benachbarte Ausland, etwa nach Amsterdam, Paris, Zürich und Wien, wobei DB Fernverkehr dafür Kooperationen mit den jeweiligen Nachbarbahnen eingeht, die ihrerseits auch in Deutschland auf vereinbarten Strecken fahren. Die Kapazitäten und die Qualität des Netzes sind nach Einschätzung der DB und anderer externer Experten an ihren Grenzen angekommen. Aus diesem Grund wehrt sich die Bahn prinzipiell gegen den Wettbewerb, den der italienische private Bahnkonzern NTV in zwei Jahren mit neuen Hochgeschwindigkeitszügen zunächst zwischen München, Berlin und Hamburg sowie zwischen München und Dortmund aufnehmen will. Die Bundesnetzagentur hatte ihre Zustimmung gegeben. Angesichts der Engpässe auf einigen Strecken und vor allem in den Verkehrsknoten rings um die großen Hauptbahnhöfe hatte die Behörde eine neue Wettbewerbsklausel formuliert. Danach muss die Deutsche Bahn als bisheriger Monopolist im Schienenfernverkehr mindestens ein Viertel der Kapazitäten auf hochbelasteten Strecken potenziellen Wettbewerbern überlassen. Die Wettbewerbshüter erhoffen sich von dem Eintritt weiterer Anbieter in den Fernverkehrsmarkt vor allem sinkende Ticketpreise. Auf Seiten der DB hingegen werden Einschränkungen auf dem ohnehin überlasteten Netz befürchtet. Deshalb hat die für das Netz zuständige Konzerntochter DB InfraGO gegen die Bundesnetzagentur vor dem Verwaltungsgericht Köln Klage erhoben. Sie will, so die Presseerklärung, „die rechtliche Grundlage, Verhältnismäßigkeit und praktische Umsetzbarkeit der behördlichen Anordnungen gerichtlich klären“ lassen. Mit dem Vorgehen trage die DB InfraGO auch den zahlreich geäußerten massiven Bedenken von Unternehmen, Verbänden und Politik auf Bundes- und Landesebene Rechnung.

Mauro Moretti, im Berlusconi-Zeitalter Chef der Staatsbahn Ferrovie dello Stato Italiane (FS), musste sich in der renommierten römischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ vor 14 Jahren wütende Kommentare anhören. Das sei nun die italienische Antwort auf die Herausforderungen des freien Marktes, klagte ein Leser. Ein anderer meinte: Moretti sei „wirklich unanständig, er sollte zurückgetreten werden“.
Grund für die Reaktionen: Mit einem massiven Zaun hatte die Bahn im Vorortbahnhof Roma Ostiense im Jahr 2012 den Start ihres neuen Wettbewerbers Italo zu verhindern versucht.

Rot-weißer Iryo-Hochgeschwindigkeitszug an einem Bahnhof in Spanien
Spanien als Vorreiter: Zwischen Barcelona und Madrid verkehren drei Fernverkehrsanbeiter. Neben der staatlichen „Renfe“ schickt die italienische Trenitalia ihren „Iryo“ ...
Ouigo-España-TGV auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke in Spanien zwischen bewaldeten Hügeln
... und die französische SNCF ihren TGV Euroduplex unter der Marke „Ouigo España“ auf die Rennstrecke.

Nicht nur, dass NTV von der zum Bahnkonzern Ferrovie dello Stato (FS) gehörenden damaligen Aufsichtsbehörde der Zugang zum Hauptbahnhof Roma Termini und anderen zentralen Stationen untersagt worden war: Mit der Absperrung wurde der Weg von der eigens im Bahnhof Ostiense gebauten Lounge „Casa Italo“ zu den abfahrbereiten Zügen erschwert. Es gab seinerzeit noch für Jahre weitere Versuche, den Newcomer zu stoppen, doch inzwischen ist die Bahnaufsicht an das italienische Verkehrsministerium übergegangen. Das Nebeneinander läuft nunmehr eher gelassen und erfreut sich an der wachsenden Zahl von Bahnreisenden.

Die staatliche Trenitalia ist nach wie vor Marktführer im Stiefelland, mit einem Reisendenvolumen von 70 Prozent — in einem immer größer werdenden Markt, der sich gemessen in Passagierkilometern seit dem Start von Italo 2012 mehr als verdoppelt hat. Das Monopolunternehmen hatte nach dem Eintritt von NTV mit kräftigen Preissenkungen seine Stellung zu behaupten versucht, wobei der Wettbewerber nach Beobachtung von italienischen Verkehrsexperten grundsätzlich bestrebt ist, seine Tickets billiger zu verkaufen. Die neue Situation habe zudem zu einem Qualitätswettbewerb geführt. Dies zeigt sich nicht nur in Service und Komfort für die Reisenden, sondern auch mit dichten Fahrplänen. Auf den Hauptrollbahnen etwa zwischen Rom und Mailand gibt es im Takt der Wettbewerber in den Stoßzeiten alle zehn Minuten einen schnellen Zug. Und das nicht nur auf den gut ausgebauten Schnellstrecken quer durch den Stiefel und in der Po-Ebene. Nach Angaben von NTV habe man in der Anfangszeit nur zehn Orte bedient, mittlerweile sind es über 50 große, mittlere und kleinere Städte weit über die Ballungszentren hinaus zwischen Bozen im Norden und Brindisi im Süden.

Frankreich und Italien im Wettbewerbsplan

Der Wettbewerb schneller Züge funktioniert vorwiegend in Frankreich und Italien seit Jahren fahrplanmäßig. Tren- italia wollte zwar keinen Wettbewerb im eigenen Land. Aber die Gesellschaft zählte zu den Vorreitern für Wettbewerb anderswo im Ausland. Zunächst auf einer gemeinsamen mit der französischen Staatsbahn SNCF betriebenen Hochgeschwindigkeitslinie von Mailand und Turin nach Paris. Doch dann stieg die italienische Staatsbahn auch in das innerfranzösische Geschäft ein. Viermal täglich pendelt Trenitalia France seit letztem Sommer zwischen Paris und Marseille in direkter Konkurrenz zur französischen SNCF. Die Franzosen ihrerseits hatten vorübergehend Interesse an Italo, stiegen aber wieder aus, als sich die Gesellschafterstruktur bei NTV verändert hatte. Auch der spanische Hochgeschwindigkeitszug AVE ist regelmäßig auf französischen Schienen unterwegs. Er bedient von Madrid und Barcelona aus die Route entlang der Mittelmeerküste bis nach Lyon. Erklärtermaßen wollen die Spanier den Wettbewerb im Nachbarland ausdehnen und auch Paris erreichen. Sie haben im vergangenen Jahr Toulouse ins Netz aufgenommen und sehen Chancen für einen Wettbewerbsverkehr auf der Südroute Toulouse – Marseille beziehungsweise Avignon, Lyon, Paris.

Die französische Regulierungsbehörde ART (Autorité de Régulation des Transports) sieht den stetig wachsenden Schienenverkehr als einen „Schlüsselfaktor für die Dekarbonisierung des Verkehrs“. Im vergangenen Jahr habe es im Hochgeschwindigkeitssegment eine Steigerung des Aufkommens um vier Prozent gegeben. Seit 2019 sei die Zahl der Passagiere ständig gestiegen; das französische Bahnsystem liege damit in Europa an der Spitze. Auf Strecken, auf denen Wettbewerber von SNCF tätig sind, sei zudem ein starker Anstieg des Zugangebots zu beobachten – über 20 Prozent auf den Verbindungen Paris – Lyon und Paris – Marseille sowie fast hundert Prozent zwischen Frankreich und Italien.

Der französische Bahnmarkt sei sehr offen, beobachtet die Association Française du Rail (AFRA), ein Zusammenschluss von alternativen Bahnunternehmen, die neben dem ehemaligen Monopolisten SNCF dort agieren. Eine kürzlich durchgeführte Stichprobenumfrage habe gezeigt, dass 85 Prozent der Franzosen neue Anbieter von Schienenverkehr „als Ergänzung zum etablierten Betreiber“ befürworten, betont Marco Caposciutti, Präsident des Verbandes und Chef von Trenitalia France: 
„Das französische Eisenbahnsystem ist nicht mehr um einen historischen Betreiber herum organisiert. Es stützt sich auf zwei zentrale Säulen: die Regulierungsbehörde und den Infrastrukturbetreiber SNCF Réseau.“ Gut zwei Dutzend Betreiber und Spezialisten aus den Bahnsektoren – darunter im Güterverkehr auch DB Cargo – gehören dem Verband an.

Dr. Michael Peterson

Wir wollen unseren ­Fahrgästen heute und künftig die besten ­Verbindungen, moderne Züge, Komfort und Sauberkeit an Bord sowie attraktive Preise bieten. Gleichzeitig brauchen wir faire und verlässliche Spielregeln für alle Anbieter.


Dr. Michael Peterson

Vorstand Personenfernverkehr der Deutschen Bahn AG

Spanien: Drei Konkurrenten auf einer Route

Spanien ist das bislang einzige EU-Land, wo gleich drei Bahnen auf einer Route um die Kundschaft konkurrieren – auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid – Barcelona. Die italienische Staatsbahn ist im nationalen Geschäft auf der iberischen Halbinsel mit der Gesellschaft „Iryo“ auf der Schiene. Neben dem Mehrheitsgesellschafter Trenitalia ist unter anderem eine spanische Regionalfluggesellschaft mit an Bord. Dritter Wettbewerber ist die SNCF, die hier mit ihrem Billig-Schnellzug „Ouigo España“ startet. Im spektakulären Preiskampf gibt es sogar Tickets für einen Euro. Im Schnitt sanken die Preise um 58 Prozent, während die Passagierzahlen um 77 Prozent kletterten.

Neben dem Wettbewerb versuchen die Staatsbahnen immer wieder auch, über Kooperationen ihr Netz ins Ausland auszudehnen. Ganz ohne Wettbewerb: Beispielhaft dafür sind die Verbindungen von Frankfurt und Köln nach Amsterdam, die ICE-Züge von Frankfurt nach Paris Est, der TGV von Frankfurt nach Marseille, die TGV Lyra-Züge aus der Schweiz nach Paris sowie der bereits angekündigte Trenitalia-Schnelltriebzug „Frecciarossa“ von Rom und Mailand nach München, vielleicht nach Berlin.

„Wollen zur Stärkung der deutschen Schiene beitragen“

Visualisierung eines neuen grünen FlixTrain-Zuges von Talgo in einem modernen Bahnhof
Flix Train plant, ab 2028 ein Hochfrequenznetz aufzubauen. Mit neuen Zügen des spanischen Herstellers Patentes Talgo will das Unternehmen alle deutschen Metropolen verbinden.

Seit 2017 gehören die grünen Züge von Flix Train zum Schienenfernverkehr in Deutschland – bereits im Wettbewerb mit dem DB Fernverkehr. Bislang sind 16 Züge im bundesweiten Einsatz, bald werden es deutlich mehr sein: Flix Train hat 65 Züge beim spanischen Hersteller Talgo bestellt. Sie entsprechen weitestgehend den lokbespannten ICE L, welche die DB als Ersatz für die in die Jahre gekommene Intercity-Flotte geordert hat. „Damit wollen wir zu einer Stärkung der deutschen Schiene beitragen und das Potenzial auf dem Heimatmarkt für nachhaltiges Unternehmenswachstum nutzen“, erklärt Flix-CEO André Schwämmlein (Foto). Das bisherige Angebot richte sich weniger gegen den Bahnkonzern, vielmehr sei es als „komplementäres Angebot“ zur Erschließung neuer Kundenschichten für den Schienenverkehr konzipiert. Schon heute würden nicht nur die großen Hauptbahnhöfe angefahren, sondern zahlreiche Mittelzentren. Und durch Kooperationen mit dem Schienennahverkehr werde das Netz immer dichter. Neben den neuen Zügen aus Spanien beginnt Flix schon jetzt, mit modernisierten Reisezugwagen aus dem Intercity-Dienst der DB das Angebot zu verdoppeln. Mit den neuen Zügen werde dann ab 2028 ein Hochfrequenznetz aufgebaut, das alle deutschen Metropolen miteinander verbindet. Bedenken, dass das kräftig vergrößerte Zugangebot nicht die erforderlichen Fahrplantrassen bekommt, hat Schwämmlein nicht: „Unser Ziel ist es, alle großen deutschen Ballungsräume mit Flix Train in enger Taktung zu verbinden. Es sind mehr als genug Kapazitäten für unsere Flix Train-Expansion vorhanden. Am Ende ist alles eine Frage der effizienteren Nutzung der Infrastruktur.“ Eine zentrale Rolle für das angepeilte Wachstum nehme die Strecke München — Berlin ein, mit der die bayrische Landeshauptstadt erstmals ins Flix-Netz aufgenommen wird. Mit der neuen Zuggeneration, die Spitzentempo 230 km/h fahren kann, öffnen sich laut Schwämmlein auch die ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecken für die grünen Züge. Entstehen soll ein „Hochgeschwindigkeitsnetz auf Augenhöhe mit der Staatsbahn“.

André Schwämmlein
Flix-CEO André Schwämmlein

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