Wer ein Dorf auf über 1300 Metern Höhe erreichen will, rechnet mit Serpentinen, Kehren und im Winter vielleicht mit Schneeketten. Auf jeden Fall wird es mühsam. Beim Stoos in der Zentralschweiz läuft das anders. Das Bergdorf ist grundsätzlich autofrei. Hinauf geht es stattdessen mit zwei Bahnen: von Schwyz aus mit der Standseilbahn, von Morschach aus mit der Luftseilbahn. Schon das ist typisch Schweiz. Wirklich außergewöhnlich ist jedoch die Verbindung von Schwyz auf den Stoos. Denn dort beginnt die Reise nicht mit einem gemütlichen Bergbähnchen, sondern mit einem Verkehrsmittel, das in seiner Steilheit weltweit seinesgleichen sucht.
Seit Dezember 2017 fährt die Stoosbahn vom Tal hinauf mitten ins Dorf und hält damit einen Weltrekord: Mit einer maximalen Steigung von 110 Prozent ist sie die steilste Standseilbahn der Welt. Die Strecke misst 1740 Meter, der Höhenunterschied beträgt 744 Meter, die Fahrzeit liegt bei etwa vier bis sieben Minuten. Was auf dem Papier nach nüchterner Technik klingt, wirkt vor Ort fast unwirklich. Die Trasse steigt so abrupt an, dass man sich eher an ein spektakuläres Fahrgeschäft erinnert fühlt als an eine alltägliche Verbindung für Bewohner, Gäste und Beschäftigte.
Die Stoosbahn verbindet den Ort Stoos zu allen Jahreszeiten schnell und zuverlässig. Die wirklich atemberaubende Steigung kann dank drehbarer Kabinen von den Fahrgästen komfortabel zurückgelegt werden.
Dass die Fahrt trotzdem ruhig und komfortabel bleibt, liegt an der Konstruktion der Fahrzeuge. Die Wagen tragen jeweils vier zylindrische Kabinen, die sich automatisch dem Gefälle anpassen. So bleibt der Boden auch dort waagrecht, wo die Strecke längst an das Machbare zu rühren scheint. Jede Kabine fasst 34 Personen, insgesamt können pro Fahrtrichtung bis zu 1500 Fahrgäste pro Stunde befördert werden. Zugleich ist die Bahn rollstuhlgängig. Gerade darin zeigt sich, was gute Verkehrstechnik ausmacht: Sie beeindruckt nicht nur, sie erleichtert den Alltag für möglichst viele Menschen.
Bemerkenswert ist auch, wie viel mehr die Stoosbahn ist als nur ein Rekordhalter. Hinter ihr stehen 14 Jahre Planungs- und Realisierungszeit sowie elf gewonnene politische Abstimmungen. Die Bahn ist damit nicht nur ein technisches Großprojekt, sondern auch ein Beispiel dafür, wie Infrastruktur in der Schweiz entsteht: mit Ingenieurskunst, Ausdauer und politischer Rückendeckung. Selbst im Betrieb wird weitergedacht. Seit Dezember 2022 werden Bergstation, Stoos Shop und Stoos Lodge mit der Abwärme des Maschinenraums beheizt.
Wenn schon die Anreise zum Erlebnis wird
Zum Stoos gehört allerdings noch eine zweite Verbindung. Von Morschach aus führt eine Luftseilbahn in rund sieben Minuten ins Dorf. Sie überwindet 475 Höhenmeter, hat eine horizontale Länge von 2200 Metern und befördert mit ihren 15 Personen fassenden Kabinen bis zu 150 Fahrgäste pro Stunde. Im Vergleich zur Standseilbahn wirkt sie beinahe bescheiden. Doch gerade dieses Nebeneinander macht den Reiz des Stoos aus: Hier trifft die klassische Schweizer Bergbahn auf eine Anlage, die den Typus Standseilbahn neu interpretiert und umsetzt.
Der Aufstieg lohnt sich: Oben auf dem Stoos angekommen, wird man mit eindrucksvoller Natur und einem weiten Blick über die Bergwelt belohnt.
Oben angekommen wird schnell klar, dass die Bahn nicht nur ein spektakulärer Zubringer ist, sondern der Auftakt zu einem ganzen Ausflugsgebiet. Der Stoos liegt auf einem Hochplateau am Fuß des Fronalpstocks, hoch über dem Vierwaldstättersee. Im Sommer locken Panoramawege, der Gratwanderweg zwischen Klingenstock und Fronalpstock und das Stoos-Seeli. Im Winter warten 35 Kilometer Pisten sowie weitere Angebote für Wintersportler und Familien. Die Anreise ist hier nicht bloß Mittel zum Zweck. Sie gehört längst zum Erlebnis selbst. Guter ÖPNV als Markenzeichen!
So erzählt die Stoosbahn eine sehr schweizerische Geschichte. Sie verbindet ein autofreies Bergdorf mit der Welt, überwindet extreme Topographie mit Ingenieurskunst und macht aus einer Verkehrsverbindung eine Sehenswürdigkeit. Gerade weil sie so spektakulär aussieht, könnte man sie leicht für ein reines Touristenprojekt halten. Tatsächlich leistet sie weit mehr. Sie ist zwar technisches Aushängeschild, aber auch eine wichtige Lebensader für die 150 Einwohner des Dorfes.
(mo)